Heike Behrend: »Schrecknisse des Wissenwollens: Frageverbot und die Fraglichkeit von Fragen in der ethnografischen Feldforschung«

Auf einen Blick
Unter den Linden 6
10099 Berlin
Institut für deutsche Literatur
Beschreibung
»Schrecknisse des Wissenwollens: Frageverbot und die Fraglichkeit von Fragen in der ethnografischen Feldforschung«
– mit Ethel Matala de Mazza
In meinem Vortrag geht es um Fragen und ihre Fraglichkeit und damit auch um die Fraglichkeit der fragenden Ethnologin während der Feldforschung. Ausgehend vom Schock eines Frageverbots, das mir während meiner ersten Feldforschung im Nordwesten Kenias Ende der 1970er Jahre von den Ältesten erteilt wurde, versuche ich im Folgenden, Bruchstücke einer Geschichte des ethnografischen Fragens zu erzählen.
Die ethnografische Forschung entstand aus der Reise in die Fremde, die einen Riss, Verwunderung und Staunen und damit neue Fragen hervorrief. Ich folge Hans Blumenbergs »Prozess der theoretischen Neugierde«, der zunehmenden Professionalisierung und Verwissenschaftlichung des Reisens bis zur Herausbildung von Fragekatalogen für die ethnografische Arbeit. Am Beispiel der Forschungen von Bronisław Malinowski in Melanesien, Victor Segalen in China und Marcel Griaule in Westafrika werde ich unterschiedliche Verfahren der Produktion von ethnografischem Wissen und der Befragung vorstellen und die jeweiligen Schrecknisse des Wissenwollens, die Asymmetrien und die Gewalt aufzeigen, die in ihnen enthalten sind, zugleich aber auch die Widerständigkeit der Befragten provozieren. Ich ende mit Klaus Heinrichs Frage nach den Möglichkeiten eines solidarischen Fragens, einem Bündnis zwischen fragender und befragter Person, das den Schrecknissen des Wissenwollens Einhalt gebieten könnte.
HEIKE BEHREND: Ethnologin; Professorin emerita für Ethnologie am Institut für Afrikanistik und Ägyptologie der Universität zu Köln. Zu ihren Fachgebieten zählen ethnografische Forschung vor allem in Ostafrika, populäre afrikanische Medienkultur sowie das Verhältnis von Religion, Krieg und Gewalt. Sie lehrte und forschte unter anderem an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris, an der Northwestern University in Evanston [USA], am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften [IFK] in Wien und an der Tokyo University of Foreign Studies in Japan. In ihrem 2020 bei Matthes & Seitz erschienenen Rückblick auf fast 50 Jahre Forschungspraxis »Menschwerdung eines Affen. Eine Autobiografie der ethnografischen Forschung« dreht sie den kolonialen Blick um und erkennt sich selbst als Objekt der Ethnografie aus den Augen der Ethnografierten. Das Buch wurde 2021 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie »Sachbuch und Essayistik« ausgezeichnet. Ihr jüngstes Werk trägt den Titel »Gespräche mit einem Toten. Gustaf Nagel, Prophet vom Arendsee« [Matthes & Seitz 2025].