Ehre, wem Ehre gebührt
Die Humboldt-Universität besitzt viele Gelehrtenbüsten, die zu ihrem ältesten Kunstbestand gehören. Sie zierten einst die ehemalige Aula und sind heute auf verschiedene Standorte verteilt. Digital kann dieser Bestand nun wieder erfahren werden.
Repräsentanten der Wissenschaft
Die Büste des Sprachwissenschaftlers Franz Bopp (1791–1867) reihte sich einst ein in die Gruppe der Marmorbüsten, die in der alten Aula des Hauptgebäudes Unter den Linden aufgestellt waren. Sie wurde postum – wie es dem Statut über die Aufstellung von Büsten und anderen Kunstdenkmälern entsprach – 1871 von Eduard Lürssen geschaffen und besitzt zwar den klassischen Hermenschaft, doch ist die Repräsentation des Gelehrten ansonsten nicht antikisch idealisiert. Die Physiognomie erscheint vielmehr lebensnah mit ausgeprägten Stirn-, Augen- und Wangenfalten. Auch die leichte Drehung des Kopfes und der wache Blick geben der Büste ihren naturalistischen Ausdruck. Bis 1929 repräsentierte die Bopp-Büste die Sprachwissenschaft im Reigen von anderen illustren Gelehrten wie Johann Gottlieb Fichte, Jakob und Wilhelm Grimm, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Leopold Ranke oder Friedrich Ernst Daniel Schleiermacher. Doch dann wurde die Aula saniert und die Büsten wurden in den Keller verbracht bzw. an einzelne Institute gegeben.
Ortswechsel
Unter den mit Büsten geehrten Wissenschaftlern waren auch viele Mediziner sowie Mineralogen und Physiologen. Sie fanden neue Aufstellung in den Räumen der Charité und dem Museum für Naturkunde. Diese beiden Institutionen gehörten lange Zeit zur Friedrich-Wilhelms- bzw. Humboldt-Universität.
Dass eine ursprünglich gemeinsam aufgestellte Gruppe von Kunstwerken im Laufe der Jahre verstreut wird, ist eine ganz typische Entwicklung, die insbesondere durch räumliche Veränderungen, aber auch veränderte wissenschaftliche wie ästhetische Einschätzungen bedingt ist. Die Büste von Franz Bopp wird im Institut für deutsche Sprache und Linguistik weiterhin wertgeschätzt. Seine Arbeiten auf dem Gebiet der komparatistisch-historischen Linguistik waren seinerzeit grundlegend für das Verständnis der orientalischen und indogermanischen Sprachen und ihrer Verwandtschaft. Seit 1821 an der Friedrich-Wilhelms-Universität, seit 1825 als ordentlicher Professor für Orientalische Litteratur [sic] und allgemeine Sprachkunde, befasste er sich mit dem Lehren und der Erforschung des Sanskrit und der Komparatistik der indo-europäischen Sprachen. Bopp war mit Wilhelm von Humboldt, der ihn in Berlin förderte, freundschaftlich verbunden. Er war Mitglied der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften und eingebunden in ein weites Gelehrtennetzwerk. Noch heute gibt es an der HU eine Professur für Historisch-vergleichende Sprachwissenschaft, die auf Bopp als Begründer der Indogermanistik als Wissenschaftsdisziplin rekurriert.
Digitale Zusammenführung
Auch in vielen anderen Instituten finden sich weiterhin Gelehrtenbüsten, etwa bei der Philosophie, der Klassischen Philologie oder auch der Mathematik. Doch sie stehen heute allein, ohne ihren historischen Kontext. Das Projekt Gelehrtenbüsten Aula der Universität im Online-Portal Sammlungen digital der Humboldt-Universität zu Berlin hat nun die ehemals in der Aula aufgestellten Büsten digital zusammengeführt. Der Austausch der Beteiligten in den verschiedenen Institutionen der Berlin University Alliance, der für Standortermittlung, Archivrecherchen und eine groß angelegte Fotokampagne notwendig war, verlief dabei besonders gut und bereichernd (vgl. hierzu auch den Blog-Beitrag). Nun kann man unabhängig vom heutigen Standort einer künstlerisch herausragenden Werkgruppe nachspüren, die einst zum repräsentativen Kern der Friedrich-Wilhelms-Universität gehörte.
Das Kunstwerk des Monats stellt ausgewählte Stücke aus der Kunstsammlung vor. Monatlich rücken ein oder mehrere Objekte in den Mittelpunkt, um Einblicke in materielle Kultur, Sammlungsgeschichte und wissenschaftliche Kontexte zu geben. Die Beiträge beleuchten mit unterschiedlichem Schwerpunkt Herkunft, Gestaltung und Bedeutung der Objekte und zeigen, welche Fragen sich an ihnen ablesen lassen. Auf diese Weise eröffnen sie neue Perspektiven auf historische Entwicklungen, kulturelle Praktiken und aktuelle Forschungsinteressen, die mit dem Kunstbestand verbunden sind.