Kleben mit klarer Kante – Markus Diehl, FLAGS. 2006, Collage, 1989

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Kunstwerk des Monats
Berlin als geteilte Stadt, eine Reise durch das nicht mehr geteilte Deutschland und eine Verbindung zwischen Berlin und Hamburg – all das steckt in einem aus Aufklebern bestehenden Bild von Markus Diehl, das Kunstwerk des Monats im September.

Die Collage aus Klebebildern ist für Markus Diehl alias POP.AC oder ehemals ART COLLART Programm. Er fertigt seine Bilder aus Fehldrucken. Eigentliche Abfallprodukte, die es beim heutigen Digitaldruck nicht mehr gibt, werden so zur Kunst. Die rasterartige Anordnung erinnert noch an den massenhaften Druckprozess der Einzelteile, zugleich entsteht eine eigene Bildlichkeit, ein Spannungsverhältnis zwischen Nah- und Fernsicht. Nur die Farbvarianten der einzelnen ansonsten gleichförmigen Aufkleber variieren und erzeugen so ein Muster, eine Binnenstruktur. Ähnlich wie Pixel eines digitalen Bildes sind die Kompositionen von Markus Diehl mit einer sogenannten Stickerformel (Aufkleberanzahl von Höhe mal Breite) berechnet. Sein 1989 etabliertes Pseudonym verweist ebenfalls auf seinen Werkprozess, das Kleben (frz. coller) von bzw. zur Kunst (frz. art). Neben dem formal-ästhetischen Wert haben seine Werke aber immer auch eine inhaltliche Seite, zumeist auch eine ortsspezifische Bedeutung. Im Falle der FLAGS gibt es sogar mehrere Verweise zu entdecken. 

Berliner Geschichte aufgeklebt

Markus Diehl schreibt selbst zu seinem Werk auf seiner Homepage: „Atemberaubende Prozesse haben 1989 die politische Landschaft verändert. Das Bild – FLAGS –, Fahnen, geht auf diese Entwicklung ein. Unterwerfung und Befreiung ist je nach Blickrichtung (von links nach rechts und umgekehrt) dargestellt. Das Rot symbolisiert das Blut, das bei beiden Vorgängen vergossen werden kann bzw. wird. Im Foyer des Philosophenturms der Universität Hamburg hängt das Bild – METAMORPHOSE –. Durch das Ausstellen beider Bilder ist eine kulturelle Brücke zwischen Hamburg und Berlin entstanden.“ 

Ebenso liefert uns der Künstler eine Beschreibung des Transports 1990 vom Hamburger Atelier ins Foyer des HU-Hauptgebäudes: Nur mit durchsichtiger Folie verpackt und auf das Autodach geschnallt erlebte das Werk eine Reise durch das ehemals geteilte Deutschland, das es seit Kurzem nicht mehr gab. Die zurückliegende Epoche wird anhand von Fehldrucken der Fahnen der Besatzungsmächte Berlins eingefangen. Erst am 1. Oktober 1990 wurde der Vier-Mächte-Status von den Alliierten suspendiert. 

Eine kulturelle Brücke zwischen Hamburg und Berlin

Während die Themen Nationalität und Staatlichkeit im Berliner Bild besonders betont werden, geht es in dem Hamburger Werk – der Metamorphose – stärker um Fragen der Verwandlung, des sichtbar Werdens, von Uniformität und Abweichung. Es ist eine Auseinandersetzung mit den vielfältigen Lebensveränderungen während des Studiums. Wie von Diehl beschrieben, hing das Werk bis zur Sanierung des Philosophenturms der Universität Hamburg ab 2022 im dortigen Foyer und soll an ähnlicher Stelle auch wieder angebracht werden.

Auch die FLAGS hängen nicht mehr im Foyer der HU, auch nicht vor dem Audimax, wohin sie später kamen. Dort wurden sie 2006 entwendet, eine zweite Version – ebenfalls eine Schenkung des Künstlers – ist heute noch immer im Besitz der HU, das verrät die Datierung 2006 im Titel. Im Gegensatz zum Sticker ist sein Fehldruck jedoch ein Unikat, so dass die neue Version zwar dieselben Maße hat, aber nicht exakt dasselbe Bild wie 1989 zeigt. Somit wird die (vermeintliche) Massenware durch die spezifische Verwendung ihres eigenen Derivats zum einmaligen Werk.

Beitragsserie: Kunstwerk des Monats

Das Kunstwerk des Monats stellt ausgewählte Stücke aus der Kunstsammlung vor. Monatlich rücken ein oder mehrere Objekte in den Mittelpunkt, um Einblicke in materielle Kultur, Sammlungsgeschichte und wissenschaftliche Kontexte zu geben. Die Beiträge beleuchten mit unterschiedlichem Schwerpunkt Herkunft, Gestaltung und Bedeutung der Objekte und zeigen, welche Fragen sich an ihnen ablesen lassen. Auf diese Weise eröffnen sie neue Perspektiven auf historische Entwicklungen, kulturelle Praktiken und aktuelle Forschungsinteressen, die mit dem Kunstbestand verbunden sind.

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