Zwischen Forschung und Praxis: Die verbindende Kraft der Poesie

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Open Humboldt
Das „Open Humboldt Freiräume“ Projekt von Prof. Dr. Manja Stephan von der Humboldt-Universität bringt Mitglieder der afghanischen Diaspora, Studierende und Forschende in poetischen Dialogen für eine kollaborative Diasporaforschung zusammen.

Prof. Dr. Manja Stephan ist Professorin am Institut für Asien- und Afrikawissenschaften (IAAW). Im Rahmen der Förderung „Open Humboldt Freiräume“ übernahm sie im Sommersemester 2026 die Leitung des Projektes „WURZELN, WEGE & SPUREN – Poetische Dialoge zwischen afghanischer Diaspora, Wissenschaft und Zivilgesellschaft“. In dem folgenden Text gibt sie Einsichten in die Projektarbeit und zeigt auf, wie Wissenschaft, Kunst und diasporische Perspektiven im Dialog einander begegnen können.

Als Poet*innen von The Poetry Project mit den Studierenden einen Schreibworkshop durchführten, bei dem ihre Gedichte gelesen wurden und wir gemeinsam Texte verfassten, entstand bei allen das Gefühl, dass gerade etwas ganz Besonderes passiert.

Prof. Dr. Manja Stephan

Prof. Dr. Manja Stephan

Da war eine verbindende Kraft im Raum, die ich sonst so in Seminaren noch nicht verspürt habe. Das lag zum einen an der starken emotionalen Wirkung und lyrischen Ästhetik der vorgetragenen Gedichte, der Präsenz der Poet*innen und der von ihnen erzählten Geschichten. Durch die Themen und Texte des Schreibworkshops entstand im Seminar zum anderen ein Raum, in dem Studierende über sich erzählen und Persönliches über Zugehörigkeit, Heimat und Berlin teilen konnten. Diesen Raum habe ich als sehr offen, empathisch und wertschätzend gegenüber allen geteilten Geschichten empfunden: als Empowerment. Alle haben zugehört und durch unsere Geschichten waren wir plötzlich alle „auf Augenhöhe“ – ohne dass es einer besonderen Anstrengung bedurfte. 

Dieses Erlebnis aus einem dem Projekt vorangegangenen Forschungsseminar über Artivismus in der afghanischen Diaspora hat mich stark beeindruckt und den Wunsch nach einer Zusammenarbeit mit The Poetry Project und Studierenden des IAAW geweckt. The Poetry Project (TPP) ist ein innovatives, literarisches Dialogprojekt und begleitet junge Menschen mit Fluchterfahrung auf ihrem Weg, ihre Erfahrungen in Gedichten auszudrücken und die Sprache als Werkzeug der Selbstermächtigung zu nutzen. Bestärkt wurde ich darin durch das Feedback der Poet*innen von TPP, die den Austausch im universitären Kontext ebenso inspirierend wie anerkennend empfanden: Studierende zeigten großes Interesse an ihren Gedichten und Geschichten und brachten ein tieferes regionales Kontextwissen und manchmal sogar Dari-Sprachkenntnisse in die Begegnungen, Diskussionen und Schreibübungen ein.

Aus diesen geteilten verbindend-empowernden Erlebnissen wurde die Idee eines Collaborative-Poetics-Projekts geboren, die schließlich in der Entwicklung des Forschungs- und Dialogprojektes „WURZELN, WEGE & SPUREN – Poetische Dialoge zwischen afghanischer Diaspora, Wissenschaft und Zivilgesellschaft“ mündete. Im Zentrum stehen Schreibworkshops und poetische Dialoge, in denen gemeinsame mehrsprachige literarische Texte entstehen: über Zugehörigkeit und Resilienz (Wurzeln), Migration (Wege) und Erinnerungen (Spuren). Als Ausdrucksform des Artivismus schaffen diese poetischen Dialoge ein Format, in dem sich Wissen zwischen Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Diaspora in alle Richtungen zugleich bewegt. Hierfür arbeitete das Projekt mit dem Poetry Project e.V. (TPP) und dem afghanischen Verein YAAR e.V. zusammen und integrierte Studierende und Promovierende am IAAW von Anfang an in die konzeptuelle Gestaltung und Umsetzung des Projektes, etwa im Rahmen studentischer Tutorien.

Wenn die Forschungsregion zur eigenen Heimat wird

Wenn migrantische und diasporische Erfahrungen und Lebenswelten nicht mehr weit weg in anderen Regionen, sondern vor der eigenen Haustür verortet sind, entsteht eine andere Dringlichkeit, über die eigene Rolle und Positionalität als Forscher*in nachzudenken. Die Illusion analytischer Distanz kommt einem abhanden und die Erfahrung, selbst Teil des gesellschaftlichen Forschungsfeldes zu sein, ist unmittelbarer. 

Mein bisheriges professionelles Selbstverständnis als kulturanthropologisch arbeitende Regionalwissenschaftlerin wurde in Frage gestellt, als ich begann, mit Menschen aus Afghanistan zu forschen, deren Biographien von Flucht und Erfahrungen rassistischer Diskriminierung geprägt sind – und die zugleich hier in Deutschland leben, arbeiten, studieren, Steuern zahlen, sich zivilgesellschaftlich engagieren und sich in Berlin zu Hause fühlen. Die Forschungsregion war plötzlich Deutschland, meine eigene Heimat, mit ihrem Ringen um einen tragfähigen postmigrantischen Gesellschaftsentwurf. Es ging fortan nicht mehr nur um die afghanische Diaspora in Deutschland, sondern um einen ganzheitlichen Blick auf Deutschland als Einwanderungsland, um gesellschaftlichen Zusammenhalt, Teilhabe, um demokratische Werte, und um die Rolle der Wissenschaft dabei.

Genau hier setzt der dekoloniale Ansatz des „Forschens MIT anstatt über“ an. Er birgt das große Potential, von migrantischen und diasporischen Lebenswelten zu lernen, wie sich Zusammenleben und Zugehörigkeit in der postmigrantischen Gesellschaft in Deutschland verhandeln lassen. Die poetischen Dialoge sind in der Praxis genau solche Aushandlungsprozesse, die wir nicht nur beobachten, sondern selbst erproben. Inspiriert hat uns dabei der Text der künstlerisch-kollaborativen Forschungsgruppe Johnson et al. zu collaborative poetics (Helen Johnson, Xander Macaulay-Rettino, Simon Banderob, Inara Lalani, Emily Carson-Apstein & Ellana Blacher (2020) A rose by any other name? Developing a method of collaborative poetics, Qualitative Research in Psychology, 17:4, 477-497, DOI: 10.1080/14780887.2018.1442762.): ein Ansatz, der Poesie zugleich als Kunst, Forschungsmethode und epistemische Praxis versteht. Poesie wird zu einer Form des gemeinsamen Storytellings, die die persönlichen Erfahrungen aller Beteiligten gleichermaßen einbezieht und Erfahrungen von Diskriminierungen und Ausgrenzungen sichtbar macht. 

Gelernt haben wir dabei von den Poet*innen des TPP, dass lyrisches Schreiben neue Zugänge zum eigenen Selbst eröffnet und damit die Möglichkeit schafft, die eigene Positionalität in der Forschung bewusster zu reflektieren und mit einer größeren Selbstverständlichkeit in die Forschung einzubinden. Für die Studierenden wurde verständlicher, auf welche Weisen unsere Forschungsinteressen mit unseren eigenen Geschichten zu tun haben, und das Thema der Positionalität verlor so seinen abstrakten Charakter.

Der Erkenntnisgewinn findet auf der Grundlage eines gemeinsam geschaffenen Erfahrungswissens statt, das weit über akademisches Buchwissen hinausreicht.

Prof. Dr. Manja Stephan

Prof. Dr. Manja Stephan

Forschung als gemeinsame Wissensproduktion

In der Praxis bedeutet das vor allem, dass sich der ursprüngliche Forschungsfokus erweitert und die Aufmerksamkeit im Projekt sich von den Kernfragen der Forschung hin zum Prozess der gemeinsamen Wissensproduktion verschiebt. Wir investieren viel Zeit, um immer wieder neu zu reflektieren: Was machen wir gerade, warum passiert das auf diese Weise und fühlt sich das richtig für alle Beteiligten an? Hier wird kollaborativ-partizipative Diasporaforschung zu einer verantwortungsvollen Forschungspraxis. 

Damit verbunden ist zugleich eine intensive konzeptuelle Arbeit. Wenn man gemeinsam eine öffentliche Lesung konzipiert, entsteht eine Dringlichkeit zu klären, was die Begriffe „kollaborativ“ und „Partizipation“ eigentlich bedeuten und wie sich dazu ein gemeinsamer Konsens herstellen lässt. Wer nimmt welche Rolle an diesem Abend ein und warum? Wer spricht, worüber, für wen? Nach einer öffentlichen Lesung mit Podiumsdiskussion stand im Projektplan, gemeinsam Hannah Arendts Texte zur politischen Teilhabe zu lesen. Stattdessen diskutierten wir intensiv darüber, warum es uns an diesem Abend nicht durchweg gelang, einen Dialog zu führen: was überhaupt ein Dialog ist, was wir darunter verstehen und wo seine Grenzen liegen. Solche Kommunikationsprozesse sind zeitintensiv, lassen klassische Wege der akademischen Wissensaneignung zeitweise in den Hintergrund treten und bringen unerwartete Dynamiken und Konflikte mit sich. Aber wir lernen, ihnen Raum zu geben und Dialog als Lernprozess zu verstehen. 

Ein besonderer Schlüsselmoment im Projekt war für mich die Reflexion eines studentischen Projektmitglieds: „Es ist nicht einfach, mit der Professorin, die man aus verschiedenen Seminaren kennt, auf einmal gemeinsam zu forschen.“ Da wurde klar, dass neben ungleichen Machtverhältnissen zwischen Projektmitgliedern aus der Universität und der Diaspora auch die bestehenden universitären Machtverhältnisse im Seminarraum selbst mit untersucht werden müssen, wenn es um Fragen von Partizipation und Teilhabe geht. Damit stellt sich zugleich die Frage nach der Verantwortung von Universitäten, Demokratie und gesellschaftliche Teilhabe zu fördern.

Uns interessieren auch die Übersetzungsprozesse in der Zusammenarbeit – sowohl linguistische als auch kulturelle. Die Translation ist eine fundamentale Praxis des Dialogs zwischen Wissenschaft, Diaspora und Stadtgesellschaft.

Prof. Dr. Manja Stephan

Prof. Dr. Manja Stephan

Übersetzung als Grundlage des interkulturellen Dialoges 

Solche Aushandlungsprozesse finden auch ganz konkret in der Sprache selbst statt. Ein kollaboratives interkulturelles Schreibprojekt wie unseres stellt hier konkrete Anforderungen: sprachliche Übersetzung zwischen allen Beteiligten, die Bereitschaft aller, Zeit zu investieren und Nichtverstehen geduldig auszuhalten, und Übersetzungsleistungen, die nicht nur linguistisch, sondern auch kulturell sind. Dies zeigte sich insbesondere bei einem unserer öffentlichen poetischen Dialoge in den Räumen des Vereins YAAR e.V im Weddinger Sprengel-Kiez. Um dem Thema des Abends „Sprachen der Zugehörigkeit" und unserem vorwiegend Dari-sprechenden Publikum gerecht zu werden, fand die Veranstaltung zweisprachig auf Dari und Deutsch statt, simultan übersetzt durch den YAAR-Mitarbeitenden David Amiri-Reible. Das nahm die doppelte Zeit in Anspruch und brachte für alle Teilnehmenden Momente des Zuhörens und Nichtverstehens mit sich. Beeindruckend war, dass trotz der Überlänge der Veranstaltung alle bis zum Schluss blieben. Es entstand ein geteiltes Gefühl von Zugehörigkeit und Partizipation: durch das Angesprochen- und Wertgeschätztwerden in der eigenen Sprache ebenso wie durch das geduldige Aushalten des Nichtverstehens der Sprache der anderen Teilnehmenden.

Für mich persönlich steht dieser Abend für das Leben und Erleben großer Begriffe wie Teilhabe, Toleranz und Zusammengehörigkeit. Eine gemeinsame Sprache und Formate des Übersetzens zu finden, braucht Zeit – eine Ressource, die künftig bewusst in die Konzeption kollaborativer Forschung eingeplant werden muss. Diese Erkenntnis setzen wir aktuell in Gedichtübersetzungen um, die Studierende des IAAW gemeinsam mit den TPP-Poet*innen anfertigen. Wir verstehen dabei auch den Prozess, der zu den Gedichtübertragungen ins Deutsche führt, als Teil unserer poetischen Dialoge.

Eine gemeinsame Sprache und Formate des Übersetzens zu finden, braucht Zeit – eine Ressource, die künftig bewusst in die Konzeption kollaborativer Forschung eingeplant werden muss.

Prof. Dr. Manja Stephan

Prof. Dr. Manja Stephan

Zeit als Ressource: Was die Freiräume-Förderung ermöglicht hat und wie es weitergeht

Ein kollaboratives Forschungs- und Dialogprojekt nimmt viel Zeit in Anspruch, um eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Partner*innen zu etablieren, in gemeinsame Übersetzungsprozesse zu investieren und den Austausch als gemeinsamen Lernraum zu gestalten. Die „Open Humboldt Freiräume“ Förderung im Sommersemester 2026 ermöglichte mir diese Zeit. Im Rahmen der Förderung entstanden verschiedene kollaborativ-partizipative Formate des poetisch-wissenschaftlichen Austausches über Migration, Zugehörigkeit und Zusammenleben in Berlin. In öffentlichen Lesungen und Podiumsdiskussionen unter dem Thema Berlin Belonging, aus einem studentischen Tutorium sowie durch von TPP-Poet*innen angeleiteten Schreibworkshops entstanden lyrische Texte, Gespräche und wissenschaftliche Reflexionen zu den Themen Heimat, Fremdheit, Verlust, Erinnerung und Verbundenheit.

Das Projekt WURZELN, WEGE & SPUREN geht auch im kommenden Semester weiter und wird in Zusammenarbeit mit den beiden Hauptprojektpartnern TPP und YAAR e.V. sowie maßgeblich mit Unterstützung der beiden studentischen Projektpartner*innen Hannah Flache und Emma-Moira Eschrich weiterentwickelt. Es entstehen weitere Episoden der angefangenen Podcast-Reihe Goftogu- Dialoge zwischen Wissenschaft, Kunst und Aktivismus und weitere themengebundene Schreibworkshops und kollaborative Übersetzungen der Gedichte aus dem Dari. Diese Form der collaborative poetics wird im Wintersemester 2026/27 im Rahmen eines studentischen Tutoriums am IAAW fortgesetzt. Das am Fachbereich Transregionale Zentralasienstudien entstehende digitale Wissensrepositorium „Co:Lab Afghan Diaspora Research“ bietet allen Beteiligten zudem über die Förderperiode hinaus die Möglichkeit, die Zusammenarbeit auf künstlerischer oder wissenschaftlicher Ebene fortzusetzen. 

Was wir dabei am deutlichsten gelernt haben, ist nicht in den Ergebnissen aufgehoben, sondern in jenem langen Abend bei YAAR e.V.: dass Verstehen erst dort beginnt, wo man bereit ist, Zuzuhören und das eigene Nichtverstehen eine Weile auszuhalten. Es sind genau diese Momentaufnahmen, die etwas bewegen.

Autorin: Prof. Dr. Manja Stephan; Bearbeitung: Marlene Lüdorff

Open Humboldt Freiräume

„Open Humboldt Freiräume“ ist ein Programm, das Forschende der Humboldt-Universität dabei unterstützt, Projekte in Zusammenarbeit mit außeruniversitären Partner*innen zu entwickeln. Hauptziel des Programms ist es, durch Lehrfreistellung oder eine zusätzliche studentische Projektstelle zeitliche Freiräume zu schaffen, um ein solches Projekt umzusetzen.

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Themen:
Wissen & Gesellschaft
Zentralinstitut Hermann von Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik

Sitz

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