Wie Inklusion zur gelebten Praxis wird
Wenn Athlet*innen mit und ohne geistige Behinderung gemeinsam trainieren und antreten, wird Inklusion zur Realität: von einem theoretischen Konzept wird sie durch gemeinsame Erfahrungen auf dem Spielfeld zur gelebten Praxis. Das ist der Ausgangspunkt für das „Open Humboldt Freiräume“ Projekt von Prof. Dr. Steffen Greve: „Entwicklung des Special Olympics Unified Sports® – Vermittlungskompetenzen von Trainer*innen von Menschen mit und ohne geistige Behinderung stärken.“ Dr. Steffen Greve ist Professor für Vermittlungskompetenz im Sport an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen Diversität im Schulsport, die Bedeutung sozialer Kompetenzen und die Vermittlung technischer und taktischer Kompetenzen im Schulsport sowie die Sportspielforschung in Schule und Verein.
Im Zentrum des Projekts steht Special Olympics Unified Sports®, bei dem Athlet*innen mit und ohne geistige Behinderung als Teamkolleg*innen mit gemeinsamen Zielen gegeneinander – beziehungsweise miteinander – antreten. „Unified Sports ist eines der greifbarsten Beispiele für Inklusion in der Praxis", beschreibt Greve. „Menschen mit und ohne geistige Behinderung nehmen nicht einfach nebeneinander teil – sie arbeiten als Teamkolleg*innen mit gemeinsamen Zielen zusammen.“ Das eröffnet Möglichkeiten, die weit über den Sport selbst hinausreichen. Zu verstehen, wie solche Teams erfolgreich sind und wo Herausforderungen entstehen, kann inklusivere Ansätze im Vereins- und Schulsport und in der Bildung insgesamt prägen.
In enger Zusammenarbeit mit Special Olympics Deutschland (SOD) untersucht Greve, wie Trainer*innen besser dabei unterstützt werden können, inklusive Sportumgebungen zu schaffen, und wie Forschung hierbei nachhaltig in die Praxis übersetzt werden kann. Das Projekt baut auf den Ergebnissen des abgeschlossenen Forschungsprojekts „Universelle Wettkampfentwicklung im Unified Sports® in den Sportarten Handball, Basketball und Floorball bei Special Olympics Deutschland“ (UWentUS) auf, das inklusives Training und inklusiven Wettkampf im Rahmen von Special Olympics Unified Sports® untersuchte. Eine Erkenntnis stach dabei besonders hervor: „UWentUS hat uns ein deutlich besseres Verständnis davon gegeben, wie Unified Sports in der Praxis funktioniert“, sagt Greve. „Eines der klarsten Ergebnisse war, dass Trainer*innen einen enormen Unterschied machen. Sie sind es, die die Bedingungen für erfolgreiche Inklusion auf dem Spielfeld schaffen.“
Lücke zwischen Forschung und Praxis schließen
Gleichzeitig zeigte die Forschung einen wachsenden Bedarf seitens der Trainer*innen selbst, Erfahrungen auszutauschen und neue Ansätze für inklusives Coaching zu entwickeln. „Das hat uns zur nächsten logischen Frage geführt“, erläutert Greve. „Wie können wir diese Forschungsergebnisse in eine praktische Weiterbildung übersetzen, die Trainer*innen in ihrem Alltag wirklich unterstützt? In diesem Projekt geht es darum, diese Lücke zwischen Forschung und Praxis zu schließen.“
Statt mit Publikationen zu enden, beginnt das Projekt dort, wo viele Forschungsprojekte aufhören: bei der direkten Zusammenarbeit mit den Menschen, die neues Wissen in die Praxis umsetzen können. Im Verlauf des Projekts werden in Zusammenarbeit mit Special Olympics Deutschland bundesweit Fortbildungsworkshops für Trainer*innen angeboten. Während der Nationalen Spiele 2026 im Saarland beobachtete das Forschungsteam zudem Unified-Wettbewerbe und führte Interviews mit Trainer*innen, Sportkoordinator*innen, Angehörigen sowie Athlet*innen. Die Einsichten der Feldforschung flossen anschließend direkt in die Unterrichtsmaterialien ein und schaffen so einen fortlaufenden Kreislauf aus Forschung, Reflexion und Weiterentwicklung.
„Die Workshops und die Feldforschung ergänzen sich perfekt“, erklärt Greve. „In den Workshops können wir evidenzbasierte Ansätze mit den Trainer*innen teilen und über ihre Erfahrungen sprechen. Bei den Nationalen Spielen wiederum können wir inklusiven Sport live erleben und mit den Trainer*innen darüber sprechen, was funktioniert, wo weiterhin Herausforderungen bestehen und was sie noch benötigen.“ Diese Erkenntnisse fließen anschließend direkt in den Verbesserungsprozess der entsprechenden Bildungsmaterialien ein.
