Zwischen Forschung und Praxis: Wie Zusammenarbeit Erinnerung stärkt

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Open Humboldt
Das „Open Humboldt Freiräume” Projekt von Dr. Jeanette Ehrmann entwickelt neue Ansätze für multidirektionales Erinnern durch partizipative Forschung und gegenseitiges Lernen.

Von einem umstrittenen Denkmal zu einer Forschungskooperation

Auf der Kölner Hohenzollernbrücke steht ein Mahnmal, das in dieser Form einmalig in Deutschland ist. Es wurde 2018 von der zivilgesellschaftlichen Initiative Völkermord erinnern errichtet und ist das erste nicht-religiöse Mahnmal für den Völkermord an den Armenier*innen im öffentlichen Raum in Deutschland. Mit der Inschrift „Dieser Schmerz betrifft uns alle“ auf Armenisch, Deutsch, Türkisch und Englisch erinnert es an den Genozid an den Armenier*innen und verweist zugleich auf Deutschlands historische Beteiligung daran. Seit seiner Errichtung wurde das Mahnmal jedoch wiederholt von der Stadtverwaltung entfernt und ist so in den Mittelpunkt von Debatten über Erinnerung, Verantwortung und demokratisches Zusammenleben gerückt.

Für Dr. Jeanette Ehrmann wurde dieses Mahnmal zum Ausgangspunkt eines kollaborativen Forschungsprojekts, welches durch das Programm Open Humboldt Freiräume 2026/2027 gefördert wird. Statt Erinnerungspolitik aus der Distanz zu betrachten, bringt das Projekt Wissenschaftler*innen, Aktivist*innen, Künstler*innen und Community-Organisationen zusammen, um zu untersuchen, wie Erinnerung in der postmigrantischen Gegenwart praktiziert wird und zugleich umkämpft ist. Darüberhinaus soll erprobt werden, wie eine solche kollaborative Forschung zu demokratischer Transformation beitragen kann.

Das Projekt reagiert auf einen augenscheinlichen Widerspruch. 2016 erkannte der Deutsche Bundestag den Völkermord an den Armenier*innen und anderen minorisierten christlichen Gemeinschaften im Osmanischen Reich an und bekannte sich zur deutschen Mitverantwortung. Die Resolution forderte, die Geschichte des Völkermords zu einem Bestandteil schulischer, universitärer und politischer Bildung zu machen. Ehrmann stellt jedoch fest: „Trotz dieses demokratisch beschlossenen Auftrags ist eine umfassende öffentliche Auseinandersetzung mit dem Genozid an den Armenier*innen und der deutschen Beteiligung daran weitgehend ausgeblieben.” Bis heute gibt es in Deutschland kein staatlich finanziertes Mahnmal für den Genozid an den Armenier*innen, während Leugnungskampagnen von Seiten des türkischen Staats und Akteur*innen der türkischen Diaspora auch in Deutschland fortwirken.

Das Mahnmal in Köln entstand als Antwort auf diese Leerstelle. Anders als die Bundestagsresolution, die ihr Bedauern über die „unrühmliche Rolle" Deutschlands ausdrückt ohne daraus politische Konsequenzen zu ziehen, benennt das Mahnmal explizit die deutsche Beteiligung am Völkermord und leitet daraus eine Verantwortung ab, Genozide und andere Verbrechen gegen die Menschheit in der Gegenwart zu verhindern. Die wiederholte Entfernung des Mahnmals hat die Spannungen offengelegt, die öffentliches Gedenken heute prägen: „Das Projekt zeichnet diesen Konflikt nach, um Erinnerungskonflikte in der postmigrantischen Realität Deutschlands präziser zu verorten und zu untersuchen, wie multidirektionales Erinnern zu demokratischer Transformation beitragen kann. Nur ein demokratischer Ansatz und nicht die administrative Unterdrückung, wie wir sie derzeit erleben, kann zu einem ‚friedlichen und respektvollen Zusammenleben‘ führen – was die Behörden ironischerweise als Grund für die Räumung des Mahnmals anführen,” führt Ehrmann aus.

Erinnerung in der postmigrantischen Gesellschaft neu denken

Neben diesen Konflikten hat Ehrmann jedoch auch etwas anderes beobachtet. Das Mahnmal ist nicht nur zu einem zentralen Erinnerungsort für Armenier*innen in ganz Deutschland geworden, die jedes Jahr am 24. April, dem internationalen Gedenktag an den Genozid an den Armenier*innenn, nach Köln kommen. Rund um das Mahnmal habe sich auch „eine postmigrantische Erinnerungsgemeinschaft gebildet …, die multidirektionale und relationale Formen des Erinnerns praktiziert, indem sie die Verbrechen gegen die Menschheit, die Deutschland im 20. Jahrhundert begangen hat oder an denen Deutschland beteiligt war, miteinander verbindet, ohne sie zu relativieren.” Diese Praktiken verknüpfen den  Genozid an den Herero und Nama, den Genozid an den Armenier*innen, den Genozid an Sinti und Roma sowie die Shoah und zeigen damit, dass unterschiedliche Gewaltgeschichten gemeinsam erinnert werden können, ohne ihre je eigenen Besonderheiten zu verwischen.

Diese Idee steht im Zentrum von Ehrmanns Forschung zum multidirektionalen Erinnern. Statt Erinnern als Konkurrenz zwischen verschiedenen Gruppen oder Geschichten zu verstehen, erkennt Konzept des multidirektionalen Erinnerns (geprägt von Michael Rothberg) an, dass Gewalterfahrungen historisch, politisch und emotional miteinander verflochten sind.

Erinnerung ist keine endliche Ressource, die verteilt werden muss, sondern ein dynamisches Feld, in dem die Erinnerung an eine Vergangenheit Wege eröffnen kann, sich mit anderen auseinanderzusetzen – vorausgesetzt, dass solche Verbindungen unterschiedliche Geschichten nicht ineinander verschwimmen lassen und keine Hierarchie des Leidens errichten.

Dr. Jeanette Ehrmann

Dr. Jeanette Ehrmann

Das Kölner Mahnmal bietet einen besonders ergiebigen Fall für diese Fragen, weil es armenische Perspektiven in den Vordergrund rückt. Diese werden in deutschen Debatten sowie in der internationalen Forschung, die einen Fokus auf migrantische Erinnerung an den Holocaust legen, oft übersehen. Ehrmann argumentiert, dass die anhaltende Leugnung des Genozids  an den Armenier*innen es besonders wichtig macht, zu verstehen, wie Communities sich an einen Genozid erinnern, dessen Nachwirkungen sowohl persönlich als auch politisch in der Gegenwart fortwirken. Zugleich fragt das Projekt, wie Erinnerungspraxis auf die Realitäten einer postmigrantischen Gesellschaft reagieren kann, in der unterschiedliche Geschichten, Identitäten und Erfahrungen aufeinandertreffen und in Konflikt miteinander geraten.

Wissen durch Zusammenarbeit

Ebenso zentral ist der kollaborative Ansatz des Projekts. Gefördert durch das Programm „Open Humboldt Freiräume“ arbeitet Ehrmann eng mit der Kölner Initiative Völkermord erinnern zusammen und bringt so aktivistisches Wissen in einen Dialog mit politischer Theorie und Memory Studies. Das Projekt knüpft an das an, was die Philosophin Angela Davis den „epistemologischen Wert von Praxis“ genannt hat: das Verständnis, dass Wissen zunächst in der praktischen Auseinandersetzung entsteht, bevor es systematisch theoretisiert wird. 

Für Ehrmann ist diese Zusammenarbeit nicht bloß eine Methode öffentlicher Vermittlung, sondern konstitutiv für die Forschungspraxis selbst. Workshops, gemeinsames Schreiben, Austausch über Forschung und Gespräche mit Künstler*innen, Multiplikator*innen und Community-Organisationen schaffen einen gemeinsamen Raum, in dem sich theoretische Konzepte und Erfahrungswissen gemeinsam entwickeln können. Das ist besonders wichtig bei Gewaltgeschichten, die von Trauma, Leugnung und fragmentarischen Archiven geprägt sind. Künstlerische und aktivistische Zugänge, so erklärt sie, machen es möglich, „Leerstellen sichtbar zu machen, eine andere Sprache für das Unausgesprochene zu finden, eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen und ein verständigungsorientiertes Gespräch über schwierige Themen zu ermöglichen.“ 

Das Programm „Open Humboldt Freiräume“ hat es dem Projekt zudem ermöglicht, dauerhafte Partnerschaften aufzubauen. Die Förderung der studentischen Mitarbeiterin Siranusch Kuhn hat jede Phase des Forschungsprozesses gestärkt, von der Koordination mit Partner*innen über die Literaturrecherche bis hin zu theoretischen Diskussionen und der organisatorischen Arbeit. Ehrmann betont wie wertvoll es ist, ihre eigene und Siranusch Kuhns einander ergänzende west- und ostarmenische diasporische Perspektive zusammenzubringen, was die Zusammenarbeit mit den Projektpartner*innen und der armenischen Gemeinschaft in Köln bereichert. 

Die Mitglieder der Initiative nehmen nicht bloß als Praktiker*innen teil, sondern als Wissensproduzent*innen. Uns verbindet eine gemeinsame Suche nach Wissen, und dabei lernen wir voneinander.

Dr. Jeanette Ehrmann

Dr. Jeanette Ehrmann

Räume für demokratischen Dialog schaffen

Über wissenschaftliche Publikationen hinaus wird das Projekt ein kollaboratives Archiv des multidirektionalen Erinnerns konzipieren und den Grundstein für einen erinnerungsorientierten Stadtrundgang durch Köln legen. Beide bauen auf dem Mahnmal als „einem öffentlichen Raum der Begegnung und Verbindung auf, in dem Menschen und Communities mit unterschiedlichen Geschichten und schmerzhaften Vergangenheiten einander begegnen, ihre Geschichten erzählen und einander zuhören können.” Durch Erzählungen, Dialog und kollektives Erinnern will das Projekt eine öffentliche Verständigung vertiefen und zugleich die Bildungsarbeit seiner zivilgesellschaftlichen Partner*innen unterstützen und auf die Legalisierung des Mahnmals hinwirken.

Die Debatten um das Mahnmal verweisen zudem auf weitreichendere demokratische Fragen. Migration, so Ehrmann, habe „die Erinnerungslandschaft pluralisiert" und das öffentliche Gedenken über das Paradigma der beiden deutschen Diktaturen hinaus erweitert. Sie schließt nun auch Kolonialismus und Versklavung, deutsche Beteiligung an Verbrechen gegen die Menschlichkeit andernorts, sowie rassistische Gewalt, rechtsextreme Terrorakte und die politischen Kämpfe von Migrant*innen ein: „Konflikte um Erinnerung sind zu einem zentralen Schauplatz politischer Auseinandersetzungen geworden. Sie werfen eine grundlegende Frage auf: Wer ist der Demos in der postmigrantischen Gesellschaft? Wessen Stimmen und Geschichten zählen in der Öffentlichkeit?” Für Ehrmann sind dies Fragen, „die demokratisch beantwortet werden müssen; sie können nicht vom Staat vorgeschrieben werden.” Das Projekt versteht Erinnerung deshalb nicht nur als Umgang mit der Vergangenheit, sondern auch als Weg, sich eine andere demokratische Zukunft vorzustellen.

Rückblickend betont Ehrmann, dass das Programm „Open Humboldt Freiräume“ ihr Verständnis von Forschung selbst verändert hat. Das Programm hat ihr den Raum geboten, Partnerschaften mit außeruniversitären Akteuren zu intensivieren und sich im Bereich des Wissensaustauschs mit der Gesellschaft weiterzubilden, um tatsächlich kollaborative Formen der Wissensproduktion zu entwickeln. „Normalerweise wird Wissenschaftskommunikation als unidirektionaler Transfer gedacht, von der Universität in die Gesellschaft hinein. Die Idee eines multidirektionalen Austauschs zwischen Forschung und Gesellschaft eröffnet eine andere Perspektive” – für Ehrmann liegt darin die bleibende Bedeutung des Projekts.

Das Ziel ist also nicht bloß Austausch, sondern ein wechselseitiger Lernprozess. Das kann nicht nur zu demokratischen Lösungen für gesellschaftspolitische Herausforderungen beitragen, sondern auch zu einer Demokratisierung der Wissenschaft selbst.

Dr. Jeanette Ehrmann

Dr. Jeanette Ehrmann

Autorin: Lena Vallejo, deutsche Übersetzung: Marlene Lüdorff

Weitere Informationen zum Thema

Open Humboldt Freiräume

„Open Humboldt Freiräume“ ist ein Programm, das Forschende der Humboldt-Universität dabei unterstützt, Projekte in Zusammenarbeit mit außeruniversitären Partner*innen zu entwickeln. Hauptziel des Programms ist es, durch Lehrfreistellung oder eine zusätzliche studentische Projektstelle zeitliche Freiräume zu schaffen, um ein solches Projekt umzusetzen.

Mehr zum Programm
Themen:
Wissen & Gesellschaft
Zentralinstitut Hermann von Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik

Sitz

Zentralinstitut Hermann von Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik
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