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Klassenfrage Folge 6: Kann es eine klassenlose Gesellschaft geben?

Für die einen ist es ein konkretes Ziel, für die anderen ein idealistischer Wunschtraum: die klassenlose Gesellschaft. Unter welchen Umständen könnte sie Realität werden? Gibt es aktuelle oder historische Beispiele? Die Antwort hängt auch davon ab, wie der Begriff „Klasse“ definiert wird.

Zum Abschluss unseres Winterspecials zum Thema Klassenfragen haben sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der Erziehungswissenschaft, den Geschichtswissenschaften, der Soziologie und der Philosophie auf das Gedankenspiel eingelassen und auf die Frage geantwortet, ob es eine klassenlose Gesellschaft geben kann.

Die Bildungsforscherin Prof. Dr. Rita Nikolai beschäftigt sich am Institut für Erziehungswissenschaften der Humboldt-Universität mit Schulsystemen und Bildungsungerechtigkeit.

„Das würde ich mir wünschen, aber das scheitert in der Realität oft daran, dass sich die Habenden durchzusetzen wissen. Umso wichtiger sind daher die zwei Seiten des Sozialstaates: Bildung und sozialer Schutz. Letzteres vor allem für diejenigen, die durch das Bildungssystem fallen.“

Dr. Martin Lutz ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Seine Forschungsinteressen sind der Einfluss von Religion auf ökonomisches Handeln, die Geschichte der Globalisierung, die Unternehmensgeschichte und die Institutionentheorie.

„Es gab in der Geschichte immer wieder Versuche, eine klassenlose Gesellschaft zu schaffen. Oft waren diese Versuche religiös motiviert. Ein Beispiel ist die christliche Glaubensgemeinschaft der Hutterischen Brüder. Für sie ist die Gleichheit der Menschen vor Gott Ausgangspunkt der sozialen Organisation ihrer Gemeinden. Dazu zählt die Eigentumslosigkeit des Individuums, wie sie in zwei Versen der Apostelgeschichte zur christlichen Urgemeinde formuliert wird: „Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte.“ (Apostelgeschichte 2:44-45, Lutherbibel)

Die Hutterer entstanden als Teil der Täuferbewegung in der Reformationszeit in Mitteleuropa. Nach Jahrhunderten religiöser Verfolgung und mehreren Migrationen befinden sich die gemeinschaftlichen Siedlungen („Bruderhöfe“) der heute rund 50.000 Gemeindemitglieder überwiegend in Kanada und den USA. Mitglieder eines Bruderhofs haben kein persönliches Eigentum. Sie werden nach ihren Bedürfnissen von der Gemeinschaft versorgt, allerdings nur so lange sie sich der strengen religiösen und sozialen Lebensreglementierung unterwerfen. Im sozioökonomischen Sinne ist eine klassenlose Gesellschaft unter Hutterern Realität. Die Gemeinden sind allerdings auch durch klare Hierarchien wie beispielsweise eine hohe Autorität von Predigern und Ältesten sowie einer klaren Aufteilung von Geschlechterrollen geprägt.“

Prof. Dr. Rahel Jaeggi ist Professorin für Praktische Philosophie an der HU und leitet das Humanities and Social Change Center Berlin. Ihre Schwerpunkte liegen unter anderem in der Sozial- und Rechtsphilosophie sowie der politischen Philosophie und der philosophischen Ethik.

„Das kommt darauf an:

Kann es eine moderne, arbeitsteilige, ausdifferenzierte Gesellschaft geben, in der Individuen nicht in unterschiedlichen Funktionen, mit je unterschiedlichen Kompetenzen, Qualifikationen und Motivationen am gesellschaftlichen Kooperationszusammenhang teilnehmen?

Vermutlich nicht.

Kann es eine Gesellschaft geben, in der diese Unterschiede nicht hierarchisch geschichtet sind und sich nicht in krass asymmetrischen Möglichkeiten gesellschaftlicher Teilhabe ausdrücken? In der also Pflegekräfte, Erzieher_innen, Müllarbeiter_innen, Arbeiter_innen gemäß ihrem Beitrag zur gesellschaftlichen Reproduktion anerkannt und bezahlt werden, statt ein Hundert- oder Tausendfaches weniger zu verdienen als Finanzmanager oder Manager z B in der Automobilindustrie, die uns in die vielfachen gegenwärtigen Krisen hineinmanövriert haben? Und kann es eine Gesellschaft geben, in der ein immer größerer Teil der Gesellschaft nicht in prekären Verhältnissen lebt?

Sicherlich.

Lässt sich andererseits eine Gesellschaft denken, in der sich die vielfältigen sozialen Konfliktlinien nicht zu Macht- und Interessensgegensätzen stabilisieren, bei denen vorentschieden ist, welche soziale Gruppe sich durchsetzt und welche Probleme überhaupt auf die Agenda der öffentlichen Auseinandersetzung gesetzt werden können? Daran wäre zu arbeiten. Unter anderem ist das eine Frage der sozialen Auseinandersetzung und sozialer Kämpfe, des Willens zur politischen Gestaltung ökonomischer Verhältnisse und der (Wieder-) Aneignung unserer Lebensbedingungen. Manche würden dieses Projekt einen erneuerten demokratischen Sozialismus nennen.“

Prof. Dr. Hans-Peter Müller ist Professor für Allgemeine Soziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin, seit Oktober 2019 emeritiert. Seine Forschungsfelder sind unter anderem die Soziologie der Lebensführung sowie Sozialstruktur und Ungleichheit. Er ist Mitglied des Vorstands in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS).

„Dafür müssten wir erst einmal klären, ob wir heute überhaupt in einer Klassengesellschaft leben. Bourdieus Idee war, dass jede Gesellschaft hierarchisch aufgebaut ist. Es gibt ein Oben, ein Unten und eine Mitte. Das Distinktionskriterium ist der Geschmack. Ich schaue mir Lebensstile an – beispielsweise Freizeit- und Familienmuster – und kann die Menschen danach in Klassen einteilen. Auf diese Weise kann ich ein relativ kohärentes Bild einer Gesellschaft bekommen. Den Wandel der Gestalt der Klassengesellschaft kann ich daran sehen, wie groß das Oben, die Mitte und das Unten sind.

Wenn das Unten wächst und die Mitte schrumpft, ist das ein Anzeichen für ein Wiederkehren der Klassengesellschaft. Insofern kann man im Vergleich zu den Achtziger- und den Neunzigerjahren schon sagen, dass es Anzeichen gibt, dass die Klassengesellschaft in Deutschland zurückkehrt.

Man darf aber die Wirkung des Sozialstaats nicht unterschätzen, der nach wie vor in erheblichem Maße Ungerechtigkeiten ausgleicht. Eine klassenlose Gesellschaft ist eine Utopie. Wenn man davon ausgeht, dass alle Menschen gleich sind, dann sollten sie auch gleichwertige Lebensverhältnisse haben. Das ist das Ziel von Politik. Klassenlos aber ist keine Gesellschaft, denn es wird immer Reichtumsunterschiede geben. Aber es kommt dem Eindruck von Klassenlosigkeit recht nah, wenn eine Gesellschaft sehr wohlhabend ist. Denn dann verorten sich Menschen nicht unter der Klassenbegrifflichkeit, sondern haben das Gefühl, annähernd auf Augenhöhe verkehren zu können.“

Weitere Informationen

Klassenfragen Folge 1: „Schon Aristoteles spricht von sozialen Klassen“

Klassenfragen Folge 2: Streik für die Care Revolution

Klasssenfragen Folge 3: Ist unser Bildungssystem ein Klassensystem?

Klassenfragen Folge 4: „Selbst Menschen derselben Klasse haben heute sehr unterschiedliche Chancen“

Klassenfragen Folge 5: Ist eine klassenlose Gesellschaft möglich?