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Klassenfragen Folge 4: „Selbst Menschen derselben Klasse haben heute sehr unterschiedliche Chancen“

In unserem Winterspecial beschäftigen wir uns mit Klassenfragen: Wofür brauchen wir den Klassenbegriff, was hat er mit sozialer Gerechtigkeit zu tun, wie entsteht eine Klassenidentität, wo zeigen sich Klassen in der Bildung und ist eine klassenlose Gesellschaft möglich?

Für die dritte Folge der Serie „Klassenfragen“ sprachen wir mit der Politikwissenschaftlerin Prof. Dr. Hanna Schwander darüber, ob unsere Gesellschaft immer ungerechter wird und welche politischen Folgen soziale Ungleichheit haben kann.

„Die Ausgangslage für politische Entscheidungen hat sich extrem verändert: Es gibt weniger Loyalität zu den Parteien, mehr Wechselwähler und darum auch mehr Parteien“, sagt die Politikwissenschaftlerin Hanna Schwander. Die Opposition werde vielfältiger, das Regieren schwieriger – und entsprechend geringer die Zufriedenheit mit der jeweiligen Regierung. Schwander, Professorin für Politische Soziologie und Sozialpolitik am Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin (HU), untersucht, wie sich strukturelle Veränderungen in der Gesellschaft, des Sozialstaats und des Arbeitsmarkts auf den politischen Prozess auswirken, etwa auf politische Einstellungen, das Wählerverhalten, die Parteienbindungen oder Regierungszusammensetzungen. Und sie erforscht, wie sozialpolitische Maßnahmen wiederum in der Gesellschaft wirken und sie verändern.

Der Umbruch des Parteiensystems sei Spiegel und Folge der zunehmenden Individualisierung und Fragmentierung der Gesellschaft, sagt sie. „Die Berufsaussichten und Lebenschancen von Menschen in der gleichen Klasse unterscheiden sich heutzutage sehr stark. So stark, dass ich eigentlich gar nicht mehr von ‚Klassen‘ spreche.“ Traditionell bezögen sich Soziologen in ihrer Definition von Klassen stark auf Unterschiede in Besitzständen, insbesondere an den Produktionsmitteln. Zwar seien soziale Klassen, wie sie zum Beispiel Karl Marx und Friedrich Engels oder Max Weber definiert haben, auch früher nicht homogen gewesen, doch die Politik und auch die Forschung hätten stets den männlichen, besitzenden Klassenvertreter als Norm gesetzt und abweichende Lebensrealitäten ignoriert. Aber Frauen und Männer, jüngere und ältere Menschen oder Menschen mit Migrationshintergrund begegneten auf dem Arbeitsmarkt ganz unterschiedlichen Herausforderungen und Risiken – selbst, wenn sie derselben Berufs- oder Statusgruppe angehören. Schwander sagt: „Der Begriff der ‚Klasse‘ ist nicht falsch, es gibt immer noch die Vermögenden und das, was man als Unterschicht bezeichnen würde. Aber es gibt auch eine zunehmende Prekarisierung der Mittelschicht, eine wachsende Unsicherheit auf dem Arbeitsmarkt.“

„Insider“ und „Outsider“

In ihrer Forschung unterscheidet sie deshalb nach „Insidern“ und „Outsidern“: Insider sind diejenigen, die in sicheren Beschäftigungsverhältnissen stecken, vielleicht sogar Vermögen aufbauen und vererben können. Outsider jene, die in ständiger Angst um ihren Arbeitsplatz und ihr Auskommen leben – weil sie atypisch beschäftigt sind, alleinerziehend, gering qualifiziert oder im Leben nicht immer Glück hatten. „Es wird zunehmend schwieriger, sich über Erwerbsarbeit ein stabiles finanzielles Fundament aufzubauen. Sogar ein Hochschulabschluss ist heute keine Garantie für eine gesicherte, unbefristete, sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Also für das, was der deutsche Sozialstaat fordert und fördert“, sagt Schwander. Die Debatte um Sozialleistungen zeige die Konfliktlinie zwischen Insidern und Outsidern recht deutlich: „Wenn Sozialleistungen lohnabhängig gezahlt werden, zementieren sie bestehende Einkommensunterschiede. Menschen, die weniger in die Sozialversicherungen eingezahlt haben, würden hingegen von einer Umverteilung profitieren.“

Doch seit den 1980er und 1990er orientierten sich konservative Parteien an neoliberalen Prinzipien der Arbeitsmarktpolitik, wie sie von Ronald Reagan oder Margaret Thatcher eingeführt wurden. Die Sozialdemokraten reinterpretierten diese als „Third Way“, indem sie Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in die Verantwortung für ihren Erfolg – oder Misserfolg – auf dem Arbeitsmarkt nahmen. Auch aufgrund technologischer Entwicklungen, die von den Arbeitnehmern mehr Bildung verlangen, stagnieren die unteren Einkommen seitdem. Noch gravierender für die soziale Gerechtigkeit sei es jedoch, so Schwander, dass zugleich die Einkommen der oberen fünf Prozent der Beschäftigten rasant gestiegen seien. Zudem seien stabilisierende Faktoren wie Gewerkschaften oder Beschäftigungsschutz politisch entwertet worden.

„Männliche untere Mittelklasse hat es heute schwerer als früher“

Wie wirkt sich diese zunehmende ökonomische Ungleichheit auf das politische System aus? Sind es vor allem die „Abgehängten“ und „Modernisierungsverlierer“, die rechtspopulistische Parteien wie die AfD wählen? Um diese oft gehörte Hypothese zu unterprüfen, wertete Hanna Schwander gemeinsam mit dem Bremer Politikwissenschaftler Philip Manow Daten zur sozio-ökonomischen Situation von Kreisen und Gemeinden aus, in denen AfD gewählt wird. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass es nicht die „Outsider“ waren, die mit hoher Wahrscheinlichkeit AfD wählten. „Outsider nehmen an Wahlen gar nicht mehr teil.“ In west- wie in ostdeutschen Wahlkreisen wählten vor allem jene Menschen AfD, die eigentlich eine stabile Arbeitsmarktposition haben, also Insider sind, aber „gerade so auf der Kippe stehen und sich davor fürchten, abzusteigen.“

Ob die Angst vor dem sozialen Abstieg begründet ist oder nicht, oft geht damit ein Gefühl einher, von der Politik ungerecht behandelt zu werden. „Ganz vereinfacht gesagt, geht es hier um die männliche untere Mittelklasse, und die hat es heute tatsächlich schwerer als früher“, sagt Schwander. „Der männliche Alleinernährer hatte einen ganz anderen sozialen Status, er war das deutsche Modell. Die Gewerkschaften repräsentierten diesen Typ Mensch, die Parteien buhlten um ihn. Das ist heute nicht mehr so.“ Gerechter geworden sei die Gesellschaft hingegen zum Beispiel für Frauen. Sie hätten heute gesellschaftlich und wirtschaftlich mehr Chancen als früher. Im Vergleich zur glorifizierten Zeit des Wirtschaftswunders sei die Bundesrepublik heute weniger hierarchisch, sagt Schwander: „Althergebrachte Privilegien wurden in Frage gestellt, der Zugang zum Arbeitsmarkt geöffnet. Alle Gruppen, die vom männlichen Durchschnittsarbeitnehmer als Norm abweichen, stehen heute besser da.“

Autorin: Stefanie Hardick

Weitere Informationen

Klassenfragen Folge 1: „Schon Aristoteles spricht von sozialen Klassen“

Klassenfragen Folge 2: Streik für die Care Revolution

Klasssenfragen Folge 3: Ist unser Bildungssystem ein Klassensystem?