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Klassenfragen Folge 5: Ist eine klassenlose Gesellschaft möglich?

In unserem Winterspecial beschäftigen wir uns mit Klassenfragen: Wofür brauchen wir den Klassenbegriff, was hat er mit sozialer Gerechtigkeit zu tun, wie entsteht eine Klassenidentität, wo zeigen sich Klassen in der Bildung und ist eine klassenlose Gesellschaft möglich?

In der fünften Folge der Serie „Klassenfragen“ erläutert Professor Dr. Joseph Vogl die Widersprüche des Klassenbegriffs und warum er heute eine Renaissance erlebt. Joseph Vogl ist Professor für Neuere deutsche Literatur / Literatur- und Kulturwissenschaft / Medien an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er beschäftigt sich unter anderem mit der kapitalistischen Moderne und ihren Akteuren.

Die Rede von „Klassenfragen“ ist mit einem nicht unerheblichen Begriffsrisiko verknüpft. Denn mit Klassenfragen und mit allem, was sich darauf reimt – wie Klassenlage, Klassenverhältnisse, Klassenbewusstsein, Klassenkampf –, gerät man nicht nur in einen Resonanzraum, in dem sich der Lärm älterer und scheinbar erledigter Schlachten auf eigentümliche Weise bewahrt hat. Vielmehr ist der Begriff der Klasse selbst immer noch ein Unruhekonzept. Es ist mit einem oszillierenden Begriffsinhalt ausgestattet und verweist damit auf überaus dynamische Sachverhalte in der sozialen, politischen und ökonomischen Welt. Heute ist die Kategorie der sozialen Schichtung gebräuchlich, die von einem distanzierten, neutralen und gleichsam geläuterten Blick auf die Gesellschaftsgeologie zeugt und sich dabei mit der aufgestapelten, mehr oder weniger stabilen Lagerung von Unter-, Mittel- und Oberschichten irgendwie abgefunden hat. Dagegen war schon die Entstehung des Klassenbegriffs von einer unruhigen Lage gekennzeichnet, in der sich eine Auflösung des Stehenden und des Ständischen vollzog.

Klassenbegriff nimmt Wirtschaftsverhältnisse in den Blick

Als man seit dem achtzehnten Jahrhundert damit angefangen hatte, das Ordnungskonzept der Klasse von Pflanzen und Tieren auf soziale Wesenheiten zu übertragen, wurde eben damit der Verlust älterer Ordnungsfiguren festgestellt. Der Klassenbegriff hat dabei nicht bloß den älteren Begriff des Standes ersetzt, er geriet vielmehr vor allem in jenen Zeiten in Umlauf, in denen die Ständegesellschaft samt ihrer Institutionen und Gesetze schleichend, revolutionär oder per Dekret an ihr Ende gelangt war: sei es mit der Französischen Revolution, sei es mit den preußischen Reformen zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts, sei es mit den Prozessen der Industrialisierung in Europa. So wenig es bis heute eine kohärente Theorie sozialer Klassen gibt (das Hauptwerk von Karl Marx brach übrigens genau mit dem Kapitel „Die Klassen“ ab), so sehr muss man das wohl als eine erste Bedeutungseinheit, als einen wesentlichen Grundton in der Verwendung des Klassenbegriffs festhalten: Wer von Klassen redet, unterstellt, dass es keine naturwüchsige Sozialordnung gibt, dass jedes Sozialverhältnis auf der Zerstörung von Sozialverhältnissen beruht. Man unterstellt also, dass sich die Kategorien, mit denen man soziale Verhältnisse zu erfassen versucht, an der Erfassung von Veränderungen und Prozessen messen lassen müssen.

Damit sind drei weitere Begriffselemente verknüpft. Schon bei den Physiokraten und bei Adam Smith, vor allem aber seit David Ricardo und Karl Marx nimmt der Klassenbegriff insbesondere Wirtschaftsverhältnisse in den Blick. Mit ihm werden der Ökonomie, den Reichtumsverteilungen, den Produktionsverhältnissen eine privilegierte Rolle in der Beschreibung und Selbstbeschreibung von Gesellschaften zugewiesen.

Wenn es dabei nicht zuletzt um die Feststellung von unterschiedlichen, unvereinbaren oder widerstreitenden Interessen geht, so ist der Klassenbegriff zweitens aus einem umkämpften Feld hervorgegangen, um sich wiederum auf Kämpfe und Konflikte zu beziehen. Die Rede von Klassen macht nur Sinn, wenn sie Machtgefüge, Antagonismen, strategische und taktische Operationen berücksichtigt. Und gerade weil diese Rede seit dem neunzehnten Jahrhundert mit der Beobachtung von Konfliktlinien (etwa zwischen Kapital und Arbeit), mit der Beobachtung von Repressionen und Emanzipationsbewegungen (etwa der Arbeiterklasse) verknüpft war, ist der Klassenbegriff selbst zu einem polemischen, das heißt kämpferischen und umkämpften Begriff geworden. Nicht von ungefähr wurden zuweilen Gesetze gegen die politische und diskursive Zuspitzung von Klassenkonflikten (bei Androhung von Geld- oder Freiheitsstrafen) erlassen; und gerade der deutsche Liberalismus hat keinen Zweifel daran gelassen, dass auch liberale Politik Klassenkampf bedeutet. Die „ganze Zukunft des Liberalismus“, schrieb etwa Friedrich Naumann um 1900, hängt „im weitesten Sinne davon ab, dass der Klassencharakter des Liberalismus frei und offen anerkannt werde, denn nur ein klassenbewusster Liberalismus hatte die Festigkeit, im allgemeinen Klassenkampf, der heute einmal da ist, seinen Mann zu stehen“. Das sollte man nicht vergessen: Der Liberalismus hat sich bis heute einer vehementen Klassenpolitik verschrieben.

Utopie einer klassenlosen Gesellschaft ist ferner denn je

Drittens aber ist der Klassenbegriff von inneren Spannungen geprägt, die ihn zu einem ebenso problematischen wie ergiebigen Diskurswerkzeug machen. Der Begriff der Klasse erfasst eben keine irgendwie „klassifizierbaren“ sozialen Einheiten, er erhält seine Prägnanz vielmehr dadurch, dass er sich auf die Problematisierung sozialer Verhältnisse bezieht. Das betrifft nicht nur das Verhältnis zwischen einer Klasse für sich und einer Klasse an sich (wie Marx gesagt hätte). Das betrifft auch jene Verwerfungen und Widersprüche, die zwischen gegebenen Klasseninteressen, politischen Standpunkten und Organisationsweisen und einem subjektiven oder soziokulturell bestimmten „Klassenbewusstsein“ bestehen. Der Klassenbegriff ruft somit eine soziale Ontologie auf den Plan, die weniger das Vorhandensein als das Werden und die Formierung von Klassensubjekten verfolgt. Es ist eben keine Selbstverständlichkeit, dass und wie sich Erfahrungen in kollektive Erfahrungen, diese in Klassenbewusstsein und dieses wiederum in politische Aktionsformen übersetzen.

Schließlich sollte man nicht übersehen, wie der Klassenbegriff (und seine Wiederkehr) heute mit einem intellektuellen und politischen Phantomschmerz verbunden ist, der entweder von fehlenden Begriffen für neue Sachverhalte oder von überholten Begriffen für verschwundene Sachlagen ausgelöst werden kann. Wahrscheinlich sind es wenigstens zwei Aspekte beziehungsweise Entwicklungen, die den Klassenbegriff heute im strengen Sinn frag-würdig und also diskutierenswert erscheinen lassen. Einerseits haben neue Arbeits- und Beschäftigungsformate sowie die Arbeitsmarktreformen der letzten Jahrzehnte zu einer systematischen Atomisierung in den gegenwärtigen Marktgesellschaften geführt. Sie haben eben jene Solidarmilieus zerstört, in denen einst gemeinsame Interessen politisches Interventionspotential und also Klassenbewusstsein entwickeln konnten. Andererseits möchte man daran erinnern, dass das aktuelle Finanzregime selbst einen neuen Klassenkampf ausgerufen hat. Warren Buffet, der amerikanische Großinvestor, hat das direkt, unmissverständlich und durchaus selbstkritisch formuliert: „Der Klassenkrieg (class warfare) ist eine historische Tatsache; er wird von meiner Klasse – der Klasse der Reichen – geführt und wir sind dabei, ihn zu gewinnen.“ Tatsächlich hat man es heute wohl mit einer internationalen Reichtumsverteidigungspolitik zu tun, in der eine global operierende Klasse von Finanzoligarchien und supercitizens den erdschweren Staats- oder Unterbürgern (also dem Rest der Bevölkerung) den Krieg erklärt hat. Die Utopie einer klassenlosen Gesellschaft ist ferner denn je.

Weitere Informationen

Klassenfragen Folge 1: „Schon Aristoteles spricht von sozialen Klassen“

Klassenfragen Folge 2: Streik für die Care Revolution

Klasssenfragen Folge 3: Ist unser Bildungssystem ein Klassensystem?

Klassenfragen Folge 4: „Selbst Menschen derselben Klasse haben heute sehr unterschiedliche Chancen“