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Wem gehört die Welt? Folge 1: Wem gehört der Schlaf?

Unser Sommerthema widmet sich dem Eigentum. Wem gehören zum Beispiel die Luft, das Wasser, das Klima, unsere Städte – oder der Schlaf? Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der HU forschen dazu. Folge 1 mit der Historikerin Dr. Hannah Ahlheim

Dr. Hannah Ahlheim
Dr. Hannah Ahlheim. Foto: fotostudioneukoelln.de

Schlaf, Zeit und Arbeit - das sind die Forschungsthemen von Historikerin Dr. Hannah Ahlheim. Sie beendet gerade ihr Fellowship zur Geschichte der Arbeitszeit im Programm re:work an der HU. Etwa ein Jahr lang konnte sie sich – losgelöst von ihrer Lehrtätigkeit – mit dem Wandel von vorherrschenden Zeit- und Arbeitskonzepten beschäftigen. Ihr neues Buch „Der Traum vom Schlaf im 20. Jahrhundert. Wissen, Optimierungsphantasien und Widerständigkeit" ist kürzlich im Wallstein Verlag erschienen. Im Interview erklärt sie, warum unser Schlaf fremdbestimmt ist und warum eine flexible Arbeitszeit nicht unbedingt glücklicher macht.

Eines Ihrer Forschungsthemen ist der Schlaf. Warum?

Immerhin verbringen wir ein Drittel unserer Lebenszeit mit Schlafen. Das ist eine ganze Menge. Der Schlaf macht uns als Menschen genauso aus wie das Wachsein. Fehlt der Schlaf, auch dauerhaft, führen wir ein anderes Leben, sind andere Menschen. Damit bestimmt die Art und Weise, wie wir schlafen, unser gesellschaftliches Leben – und auch unsere Geschichte.

Ich interessiere mich vor allem für die soziologische und ökonomische Perspektive auf den Schlaf. Dabei ist mir bewusst geworden, dass das Individualerlebnis Schlaf gar nicht so individuell und privat ist wie man gemeinhin glaubt. Die meisten von uns unterliegen einem Schlafregime, müssen ihren Schlaf als Ressource nutzen und schützen. Die Arbeit und das soziale Leben geben den Takt vor.

Seit wann ist das so?

Die Erfordernisse von Technik, Kapitalismus und Kriegsführung haben den Schlaf seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert massenhaft entindividualisiert. Mit der zunehmenden Verfügbarkeit des elektrischen Lichts konnten Fabriken beständig und quasi rund um die Uhr beleuchtet werden. Die Maschinen schliefen einfach nicht, und somit mussten auch die Arbeiterinnen und Arbeiter anders schlafen.

Im 20. Jahrhundert entdeckte man den Schlaf und das Wachsein als strategische Ressource, und begann ihn gezielt zu erforschen und zu manipulieren. Die Entwicklung von chemischen Schlaf-und Wachhaltemitteln folgte – unter anderem mit Tests an Soldaten. Man brauchte eben wache und gesunde Fabrikarbeiterinnen und -arbeiter und Soldaten.

Womit haben Sie sich im re:work-Fellowship an der HU beschäftigt?

Ich habe bei re:work ein neues Projekt begonnen, in dem ich mich mit der Geschichte der Arbeitszeit in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beschäftige, zunächst einmal in der Bundesrepublik. Dabei interessiert mich, wie Machstrukturen in der Gesellschaft funktionierten – wer und was eigentlich die Zeit bestimmt hat, wie Ökonomie und Alltagskultur ineinander spielten. Der Sozialphilosoph Oskar Negt hat 1984 die Verfügungsmöglichkeiten des Einzelnen über seine Zeit als den „Kern von Freiheit und Unfreiheit“ in einer Gesellschaft bezeichnet. Das war für mich ein sehr inspirierender Ausgangsgedanke.

Im neuen Projekt schaue ich auch, ob und wie sich die zeitlichen Strukturen der Gesellschaft verändert haben. Wenn es um die Zeit seit den 1970er Jahren geht, ist immer von Beschleunigung und Flexibilisierung im „Postfordismus“ und der „Postmoderne“ die Rede – aber was bedeutet das eigentlich für das Alltagsleben? Was genau ändert sich, und was vielleicht auch nicht? Welche Zeiten und Strukturen bleiben unflexibel und setzen uns klare Vorgaben, wie wir unseren Tag strukturieren können und müssen?

Wie schätzen Sie die heutigen Arbeits(zeit)modelle ein?

Flexible Arbeitszeitmodelle – die „Gleitzeit“ etwa, „Vertrauensarbeitszeit“ oder „Homeoffice“ – und die damit gewonnene Verfügungsmöglichkeit über „eigene Zeit“ verlangen ein sehr hohes Maß an Selbststeuerung und Eigenverantwortung. Ich muss mich selbst „optimieren“, um am Markt erfolgreich zu sein.

Diese Modelle erfordern auch ein höheres Maß an Selbstkontrolle und Einpassungszwang. Die Arbeitnehmerin und der Arbeitnehmer arbeiten eben nicht ort- und zeitgebunden vor den Augen des Chefs, sondern müssen sich jetzt auch zu Hause oder in der Einteilung der Freizeit selbst disziplinieren, um eben der geforderten Flexibilität gerecht zu werden und Ergebnisse „just in time“ zu liefern. Es kann also sein, dass wir mit der Flexibilisierung der Arbeit und der Arbeitszeit nur scheinbar freier und selbstbestimmter sind.

Im Übrigen sind bestimmte Modelle wie die sogenannte Gleitzeit nicht nur zugunsten der Arbeitnehmerin und dem Arbeitnehmer geschaffen worden – sondern beispielsweise um Bewegungen zu steuern. Eine Infrastruktur verkraftet es eben nicht, wenn alle zur selben Zeit zur Arbeit fahren.

Welchen Einfluss hat das digitalisierte Leben auf unser Arbeitsleben?

Mit dem Auftauchen von Smartphones und Co. ist die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit noch fließender geworden als sie mit der Ausbreitung des Internet schon war. Die Arbeit greift ins Private. Aber viele sehen darin gar kein Problem mehr. Es ist eine neue Normalität – die im Übrigen auch den Schlaf beeinflusst und weiter fremdbestimmt. Man kann hier von einer Entgrenzung der Arbeit sprechen.

Welche Entwicklungen sehen Sie in der Zukunft?

Das kann ich nur schwer sagen. Was wir aber sehen können, ist, dass der ständige Optimierungsdrang nicht einfach und reibungslos funktioniert. Flexibilität, die nicht zu mehr Autonomie führt, sondern mehr Einpassung und Effizienz fordert, belastet den Menschen. Schlafstörungen sind in den letzten Jahren zu einem ernsten Problem geworden.

Auch wächst die soziale Ungleichheit, wenn es um den Umgang mit Zeit und Arbeit geht: Die einen können ihre Zeit vollkommen frei einteilen (oder sind arbeitslos), die anderen arbeiten in starren Systemen der Nacht- und Schichtarbeit oder machen dauerhaft Überstunden, arbeiten nur noch.

Ich denke, wir sollten uns diese Konflikte bewusst machen, „eigene“ Zeit genießen, ganz unflexibel verteidigen und gerechter verteilen. Die Geschichte des Schlafs zeigt uns, dass auch die unproduktive Zeit ein großer, vor allem aber ein wichtiger und schöner, verträumter Teil unseres Lebens ist.

Das Interview führte Christin Bargel.

Weitere Informationen

Das Fellowship von Hannah Ahlheim und zwei weiteren Fellows wurde vom „Institut für die Geschichte und Zukunft der Arbeit" (IGZA) finanziert. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für das kommende re:work-Fellowjahr 2018/19 sind bereits ausgewählt. 

Mehr zum re:work-Fellowship von Hannah Ahlheim

Das internationale Forschungskolleg „Arbeit und Lebenslauf in globalgeschichtlicher Perspektive“, kurz re:work, wurde 2009 gegründet und gehört zu den Käte Hamburger Kollegs für geisteswissenschaftliche Forschung und ist somit Teil der Initiative „Freiraum für die Geisteswissenschaften“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

Seit 2009 haben etwa 130 Forscherinnen und Forscher ein re:work-Fellowship erhalten. Übergreifendes Ziel der Forschungen und Diskussionen bei re:work ist es, dem Beziehungs- und Wechselverhältnis von Arbeit und Lebenslauf, von Arbeitsbildern und Lebenslaufbildern, von Arbeitsordnung und Lebenslaufordnung komparativ und verflechtungsgeschichtlich nachzugehen, um eine Typologie der Arbeit zu erarbeiten, Haupttrends zu bestimmen und die gegenwärtige Situation gleichsam historisch einzukreisen.

Jedes Jahr lädt re:work 10 bis 15 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen und Herkunft ein, um ihnen in einem akademischen Jahr (Oktober – Juli) ein Forum zum Austausch über zentrale Fragen des Kollegthemas zu verschaffen und überdies den Austausch zwischen etablierten und jüngeren Forschern und Forscherinnen zu fördern. re:work organisiert Workshops, internationale Konferenzen und Sommerschulen; die Fellows stellen ihre Forschungen zudem an verschiedenen Berliner Institutionen zur Diskussion.

Kontakt

Dr. Hannah Ahlheim

hannah.ahlheim@phil.uni-goettingen.de 

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