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Philosophie für Körper und Geist

Dr. Peter Kalinowski lehrt als Philosoph am Institut für Asien- und Afrikawissenschaften der Humboldt-Universität. Kürzlich erhielt er den 9. Dan im Karate, die höchste Auszeichnung, die ein Meister in Japan traditionell zu Lebzeiten erlangen kann

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Dr. Peter Kalinowski und Prof. Dr. Boike Rehbein (v.l.).
Das Foto wurde vor der Corona-Pandemie aufgenommen.
Foto: privat

Als erster Deutscher ist Dr. Peter Kalinowski, Lehrbeauftragter am Institut für Asien- und Afrikawissenschaften der Humboldt-Universität, im klassischen japanischen Karate in der Traditionslinie der „Japan-Karate Association“ mit dem 9. Dan geehrt worden. Er ist darin nun einer von nur drei nicht-japanischen Großmeistern, die diese Stufe (japanisch: Dan) erreicht haben. Traditionell wird mit dieser Auszeichnung der Nachfolger des Meisters einer bestimmten Karaterichtung festgelegt. Umso bemerkenswerter findet Peter Kalinowski, dass diese Auszeichnung nun ihm zuteilwurde. Er sagt: „Ich war nie ein braver Parteigänger der traditionellen Karate-Schulen und stehe Hierarchien eher kritisch gegenüber.“ Seine eigene Schule, das „Modern Shotokai Karate“, ist vom Weltverband als neue Disziplin anerkannt worden. Kalinowski hofft, dass die Ehrung Menschen neugierig auf seinen innovativen Ansatz macht, der eng mit seiner philosophischen Lehre und Praxis verbunden ist.

Karate als als Möglichkeit der Selbstbehauptung und Selbsterfahrung

Schon als Kind stöberte Peter Kalinowski in den ersten deutschsprachigen Lehrbüchern und begleitete Mitschüler zum Karatetraining. Nach und nach bemerkte er, dass ihn nicht spektakuläre Tritte und Handkantenschläge beeindruckten, sondern die Konzentration und Fokussierung auf das eigene Selbst, die mit den Bewegungen einhergehen. Obwohl er schon in Kindheit und Jugend bemerkenswerte Fortschritte machte und mit 18 Jahren den schwarzen Gürtel erlangte, reizten ihn Wettkämpfe nie: „Karate wurde entwickelt, damit Menschen sich auch gegen einen körperlich überlegenen Angreifer wehren können. Ein Wettkampf, in dem beide siegen wollen, wird diesem Geist nicht gerecht.“ Ihn interessierte Karate als reine Verteidigungskunst, als Möglichkeit der Selbstbehauptung und Selbsterfahrung.

„Bewegung ist eine andere Art der Empirie“

Bereits 1987 gründete Peter Kalinowski deshalb einen Karateverein neuer Prägung, die Initiative „KarateKunst“ – und schaffte als erstes die sich in den Gürtelfarben ausdrückende Hierarchie ab: „Viele Menschen denken, die farbigen Gürtel seien traditionell japanisch. Dabei waren es Bewunderer des preußischen Schulsystems mit seinen farbigen Mützenbändern für Sextaner, Quintaner und so weiter, die dieses System in Japan eingeführt haben.“

Parallel zu seinem Studium der Philosophie und Soziologie beschäftigte sich Kalinowski intensiv mit den Wurzeln des Kampfsports und hinterfragte viele Traditionen kritisch: „Japanischen Meistern wird oft ‚östliche Weisheit‘ zugeschrieben. Das ist ein kulturelles Vorurteil, denn die meisten sind gar nicht besonders tief in der Philosophie und Religion verankert.“ Die ostasiatische Perspektive auf Bewegung und Meditation halfen Kalinowski jedoch, klassische philosophische Fragen anders zu beantworten, als ihm dies durch Lektüre allein möglich gewesen wäre: „Bewegung ist eine andere Art der Empirie. Man erfährt sich selbst, die eigenen Möglichkeiten als Mensch, kann spüren, was ein ‚Ziel‘ ist, woher Energie kommt und was ‚Wille‘ oder ‚Intentionalität‘ bedeutet.“

An den Schnittstellen zwischen Philosophie, Soziologie, Psychologie und Bewegungswissenschaften

Ausgehend vom Karate entwickelte Kalinowski einen Ansatz für eine kulturübergreifende Philosophie des Körpers und der Bewegung. Eine Weichenstellung war dabei die kritische Auseinandersetzung mit dem Habitus-Konzept des französischen Sozialphilosophen Pierre Bourdieu in seiner Doktorarbeit, also die Frage der Grundhaltung eines Menschen zur Gesellschaft, zu sich selbst und zur Welt. In seiner eigenen Lehre am Institut für Asien- und Afrikawissenschaften der Humboldt-Universität bewegt sich Kalinowski an den Schnittstellen zwischen Philosophie, Soziologie, Psychologie und Bewegungswissenschaften. Prof. Dr. Boike Rehbein lud Dr. Peter Kalinowski vor einigen Jahren ein, seinen innovativen interdisziplinären Ansatz zwischen Theorie und Praxis an der Humboldt-Universität einzubringen.

Kalinowskis Seminare zu „Leiblichkeit im interkulturellen Kontext“ mit den Schwerpunkten Bewegung, Wille, Kreativität, Heilung und Körperpräsenz finden seitdem großen Anklang bei den Studierenden. Über ihr gemeinsames Seminar „Freiheit, Kreativität, Ursprung und Einfühlung“ im kommenden Semester sagt Peter Kalinowski: „Das Format könnte wegweisend dafür sein, wie man leiblich-emotionale Bildung und Forschung in die universitäre Arbeit integrieren kann. Menschliche Kompetenzen sollten nicht länger auf das Schlagwort ‚Soft Skills‘ reduziert werden, sondern in ihrem produktiven und kreativen Potenzial ergründet werden.“

Investition in die leiblich-emotionale Bildung wichtig

Zu seinen Lehrveranstaltungen lädt Peter Kalinowski ausdrücklich Studierende und Lehrende ein, die Erfahrung mit Tanz-, Kampf- oder andere Bewegungskünsten haben. Vor die wissenschaftliche Arbeit setzt er praktische Einstiegsübungen aus seinem Konzept der „Körperpräsenz“, das er ursprünglich für den Hochschulsport entwickelte: Eine „Grammatik der Körperbewegung“ um die Grundelemente Stand, Haltung, Schwingung und Bewegung. Kalinowski sagt: „Diese Übungen sorgen bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern für sehr individuelle ‚Aha-Effekte‘. Praktische Philosophie, wie ich sie verstehe, ermöglicht durch die Verkörperlichung von geistigen Phänomenen eine tiefere Selbsterkenntnis. Das Ziel ist, sich als Mensch in den Texten wiederzufinden und gemeint zu fühlen.“

Peter Kalinowski stellt die Frage, wie sich durch Bewegung ein eigener Standpunkt finden lässt – auch im moralischen und ethischen Sinne: Wo die eigenen Grenzen und die Grenzen des anderen sind, wann sie verletzt werden und wie man sich dazu verhält. Seit Jahren leitet er deshalb Projekte zur Gewaltprävention, für die er unter anderem den Ehrenamtspreis des Landes Baden-Württemberg erhielt. Die Corona-Krise zeigt, wie wichtig solche Programme sind: Mit dem Lock-Down ist das Risiko, Opfer von familiärer Gewalt zu werden, deutlich gestiegen. Peter Kalinowski sagt: „Es wäre wichtig, schon lange vor dem Ausbruch solcher Krisen ausreichend in die leiblich-emotionale Bildung zu investieren. Wer ein gutes Empfinden dafür hat, wenn etwas nicht in Ordnung ist und weiß, wie er reagieren kann, bleibt auch in schwierigen Situationen handlungsfähig.“

Autorin: Stephanie Hardick

Weitere Informationen

Webseite Asien- und Afrikawissenschaften der Humboldt-Universität