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„Next Frontier Debate“ zum Klimawandel

Was sind gerechte Ziele? Expertinnen und Experten diskutieren über den gesellschaftlichen Umbruch

Gletschervermessung
Eisfront des Grey-Gletschers, einem der Auslassgletscher des Südlichen Patagonischen Inlandeises in Chile. Foto: Christoph Schneider

„Die Reichen sollten für Gerechtigkeit sorgen, nicht die Armen.

Klimaexpertinnen und -experten sind sich weitgehend einig: Werden Treibhausgase weiterhin ungebremst ausgestoßen, dann wird die globale Mitteltemperatur der Erde bis zum Ende des Jahrhunderts um 4 bis 5 Grad höher sein als vor Beginn der Industrialisierung. Die Folgen für Mensch und Umwelt wären katastrophal.

Bereits heute ist der Klimawandel vielerorts spürbar. Polkappen und Gebirgsgletscher schmelzen, Ozeane versauern und der Meeresspiegel steigt. Inseln und Küstenstaaten werden überflutet, während aufgrund von Hitze, Dürre und verschobenen Niederschlagsgürteln andernorts das Wasser knapp wird, Ernten ausfallen oder Wälder Feuer fangen. Ganze Ökosysteme geraten aus dem Gleichgewicht, Wetterextreme und Naturkatastrophen nehmen zu, Tiere und Pflanzen verlieren ihren Lebensraum. Vor allem in den Ländern des Globalen Südens leiden Menschen Durst und Hunger, Infektionskrankheiten breiten sich aus und globale Wirtschaftskrisen drohen. Ursache dafür ist der Mensch, der mit seinem Ressourcenverbrauch für Wirtschaft, Verkehr und Privathaushalte den natürlichen Treibhaus effekt der Erde künstlich befeuert.

Wie soll's gehen?

Eine klimabewusste Gesellschaft muss also her, aber wie genau soll das gehen? Dass die Weltgemeinschaft gewillt ist zu handeln, das hat sie im Dezember 2015 bei der UN-Klimakonferenz in Paris bewiesen. Erstmals haben sich hier 195 Staaten auf ein weltweites Klimaschutzübereinkommen, das Abkommen von Paris, geeinigt. Es sieht vor, die globale Erwärmung auf maximal zwei Grad Celsius gegenüber dem Niveau vor Beginn der Industrialisierung zu begrenzen – dies gilt als unterste Grenze, um Klima- und Umweltveränderungen nicht unbeherrschbar werden zu lassen. Das Klimaziel gehört auch zum Katalog der 17 Nachhaltigkeitsziele (SDGs) der Vereinten Nationen, die im Rahmen der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung so schnell wie möglich umgesetzt werden sollen.

Kriterien für eine gerechtere Welt

„Was da angestoßen wurde, ist ein beispielloser politischer und gesellschaftlicher Aushandlungsprozess“, sagt Hermann Lotze-Campen, Professor für Nachhaltige Landnutzung und Klimawandel an der Humboldt-Universität sowie Forscher am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Lotze-Campen, der am PIK Agrarszenarien modelliert, unterstreicht, dass das Klimaziel nicht isoliert betrachtet werden dürfe, sondern im Zusammenhang mit anderen, notwendigen Kriterien einer nachhaltigeren und gerechteren Welt. Nimmt man jedoch alle 17 SDGs in den Blick, so lasse sich aus wissenschaftlicher Sicht allein noch nicht schlüssig darlegen, wie sie gleichzeitig erreicht werden könnten. „Den Klimawandel stoppen, den Hunger eliminieren und die Ökosysteme schützen – in unseren Modellen ist das zwar lösbar, aber es gibt verschiedene Wege, die einen gesellschaftlichen Diskurs erfordern“, verdeutlicht der Agrarökonom.

Welches Ziel hat Priorität?

„Wenn wir viel Bioenergie produzieren, um das Klimaziel zu erreichen, dann bekommen wir Probleme, die tropischen Wälder zu schützen und die Nahrungsmittelpreise niedrig zu halten. Und das sind nur drei der 17 Ziele.“ Es wird also Zielkonflikte geben, die gesellschaftlich ausgehandelt werden müssen. Und wer wollte da entscheiden, welche Ziele wichtiger sind als andere?

Unser individuelles Handeln ändern

Nach ersten politischen Weichenstellungen stehen die Staaten der Welt nun vor der Aufgabe, ihre Treibhausgasemissionen tatsächlich zu senken – sprich auf fossile Brennstoffe zugunsten nachhaltiger Energien zu verzichten, Energie einzusparen oder die Landwirtschaft schonender zu gestalten. Alles das heißt aber auch, von liebgewonnenen Privilegien, insbesondere im globalen Norden, abzurücken. „Wir müssten den Maßstab der Gerechtigkeit an uns selbst anlegen. Dann würden wir unser individuelles Handeln ändern und gleichzeitig eine entsprechende Politik befürworten“, sagt Kirsten Meyer, Professorin für Praktische Philosophie an der HU. „Konkret kann das bedeuten, selbst kein Fleisch mehr zu essen und eine Politik zu unterstützen, die im Ergebnis den Fleischkonsum reduziert.“ Für die große Transformation seien Bürgerinnen und Bürger, die bereit sind, ihren eigenen Alltag klimafreundlicher zu gestalten, unverzichtbar. Grundsätzlich gelte auch beim Klimaschutz: „Die Reichen sollten für Gerechtigkeit sorgen, nicht die Armen. Und die Verursacher sollten den Schaden beheben“, betont die Philosophin.

Schließlich ist eine globale Zwei-Klassen-Gesellschaft im Hinblick auf Umweltgerechtigkeit längst Realität. Wenn Industrienationen zwar den Großteil der weltweiten Treibhausgasemissionen verursachen, von den Auswirkungen aber die Länder des Globalen Südens am stärksten betroffen sind, stellt sich die Frage, wie Maßnahmen zur Eindämmung des Klimawandels gerecht verteilt und durchgeführt werden können.

In der „Next Frontier Debate“ am 9. November diskutieren deshalb Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen sowie Praktikerinnen und Praktiker unter dem Titel „Am Schmelzpunkt. Wie kann das 2-Grad-Ziel auf gerechte und nachhaltige Weise erreicht werden?“ über den aktuellen Stand der Forschung, ihre Anwendungsmöglichkeiten und Perspektiven. Hermann Lotze-Campen und Kirsten Meyer sind zwei der insgesamt vier Mitwirkenden. Komplettiert wird das Quartett durch Christoph Schneider, Professor für Klimageographie an der Humboldt-Universität, und Marie-Luise Beck, Geschäftsführerin des Deutschen Klima-Konsortiums. Die Frage, wie menschliches Wohlergehen und Gerechtigkeit erreicht werden können, ohne dabei die Grenzen des Planeten zu überschreiten, wird im Zentrum der Debatte stehen.

Die Veranstaltung, die auf der Berlin Science Week stattfindet, wird vom Integrativen Forschungsinstitut zu Transformationen von Mensch-Umwelt-Systemen (IRI THESys) unterstützt, das seit 2013 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften vereint, um disziplinübergreifend über und für globale Nachhaltigkeit zu forschen.

Autorin Anne Dombrowski

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