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Der gefälschte Galileo: Der New Yorker Sternenbote neu analysiert

Ein Forschersteam um Horst Bredekamp hat wissenschaftliche Erkenntnisse, die auf einer Fälschung basierten, in einem neuen Buch korrigiert und weitere Ergebnisse zusammengefasst.

Ein Kreis von Spezialisten der Kunst-, Buch-, Wissenschafts-, Material- und Restaurierungsgeschichte hat in der Humboldt-Universität zu Berlin eigene Ergebnisse korrigiert und in einem weiteren Band von „Galileo's O“ zusammengefasst. In den ersten beiden Bänden stand das New Yorker Exemplar von Galileis "Sternenboten" (Sidereus Nuncius Martayan Lan, kurz: SNML) von 1610 im Fokus. Dieses hatte sich jedoch im vergangenen Jahr als eine Fälschung erwiesen. Der dritte Band, den heute Horst Bredekamp, Kunsthistoriker an der Humboldt-Universität, mit seinen internationalen Forscherkollegen vorstellte, beschreibt die Chronologie sowie die Methoden der Entdeckung.

Dieser dritte Band ist ein Novum in der Wissenschaftsgeschichte. Es stellt eine Art Wasserscheide dar im andauernden Wettstreit zwischen den fortwährend verfeinerten Methoden von Fälschern sowie den wissenschaftlichen Technologien und Methoden, ihnen auf die Spur zu kommen. Das Buch ist darüber hinaus ein Psychogramm von Spezialisten, die gleichsam gegen sich selbst forschten, um vergleichbare Irrtümer in Zukunft zu vermeiden.

Hintergrund

In seinem Buch "Galilei der Künstler" beschrieb Bredekamp 2007 den Fund eines bis dahin unbekannten Exemplars von Galileo Galileis "Sidereus Nuncius" (Sternenbote) als überzeugendes Beispiel dafür, wie Galilei gelernt hat, "durch die Bewegung der Hand zu denken und visuelle Probleme sofort umzusetzen". Der Grundansatz ist unberührt, aber es stellte sich aber heraus, das es sich bei dem New Yorker Exemplar um die Fälschung des italienischen Antiquars Marino Massimo De Caro handelte. Sie war derart perfekt, dass es vielen Forschern nicht auffiel, obwohl sie es mit unterschiedlichsten Methoden untersuchten.

Ausgewählte Zitate der Autoren aus ihren Kurzvorträgen

Oliver Hahn, Bundesanstalt für Materialforschung und –prüfung, Berlin
„Fälschungen können nur dann eindeutig durch Analysemethoden erkannt werden, wenn nicht-zeitgenössische Materialien in Artefakten nachgewiesen werden. Verwenden die Fälscher jedoch Substanzen, deren zeitgenössischer Gebrauch überliefert ist, so zum Beispiel für die Fälschung eines Buches historisches Papier bedruckt und bemalt wurde, ist der Beweis für eine Fälschung aus materialwissenschaftlicher Sicht nicht möglich. So geschehen bei den naturwissenschaftlichen Untersuchungen des Sternenboten Sidéreus Nuncius, ein 60-seitiger Studienband mit vermeintlich Hand gemalten Mond-Illustrationen von Galileo Galilei aus dem Jahr 1610. Heute ist bekannt: Das Buch ist eine Fälschung. Konfrontiert mit der Aussage, dass dieses Exemplar des Sidéreus Nuncius eine Fälschung ist, hat die BAM ihre Daten der vorangegangenen Untersuchungen noch einmal überprüft und mit weiteren Messungen zu Papier und Druckerschwärze ergänzt. Auch diese Messungen liefen wie frühere Messkampagnen unter der Vorgabe, keine Proben zu entnehmen. Die Untersuchungen der BAM-Experten am Sidéreus Nuncius zeigten aber deutlich, dass der Nachweis der Echtheit dieses Kulturgutes allein durch Materialanalysen nicht möglich ist, sei es durch zerstörende oder zerstörungsfreie Verfahren, da auch Fälscher zeitgenössische Materialien verwendet haben können.

Irene Brückle, Staatliche Akademie der Bildenden Künste
„Das gefälschte Papier des New Yorker Exemplars wird mit dem originalen Papier der gedruckten Edition des Sidereus Nuncius verglichen, um Übereinstimmungen und Abweichungen darzustellen. Die Wasserzeichen weisen Ähnlichkeiten mit dem Original auf. Weitere Merkmale des Papiers lassen sich in zwei Gruppen sortieren: in solche, die zwar vom Original abweichen, es jedoch nicht als Fälschung überführen, und andere, die, etwa durch das Vorkommen von Baumwolle, die Fälschung beweisen. Eine weit dilettantischere Fälschung aus dem Kreis von De Caro wird herangezogen“.

Manfred Mayer, Karl-Franzens-Universität, Graz
„Galileo Galileis Le Operazioni del Compasso geometrico et militare (Padua, 1606) wird in der Biblioteca del Seminario in Padua aufbewahrt und wurde von Irene Brückle und mir im November 2012 untersucht. Anlass dafür war die kurz zuvor aufgedeckte Fälschung des Sidéreus Nuncius. Es handelt sich um einen Einband aus dunkelrotem Maroquin-Leder mit Goldstempeln an Vorder- und Hinterdeckel, aber auch an allen Stechkanten. Schlägt man den Deckel auf, fallen zunächst die zeitgleichen mehrfarbigen Kleisterpapiere ins Auge. Nimmt man die Details des Einbandes genauer unter die Lupe, findet man heraus, dass der Buchblock zu einer späteren Zeit in die Einbanddecke gehängt wurde. Das allerdings ist noch nicht sehr außergewöhnlich. Aber es gibt mehr zu entdecken. Die größte Überraschung zeigte sich bei der Untersuchung des Heftfadenverlaufes. Hier fanden wir in jeder Lagenmitte am Oberschnitt abgeschnittene Heftfäden. Das bedeutet, dass der Buchblock zuvor geheftet wurde. Als er dann nicht in den dafür ausgesuchten Einband passte, entschied man sich kurzerhand, den Buchblock entsprechend zurechtzuschneiden und verletzte dabei die Heftung solcherart. Dass die Heftstellen des Buchblocks mit den erhabenen Bünden am Rücken nicht übereinstimmen untermauert diese Feststellung. Der Padua Compasso präsentiert sich demgemäß ebenso wie der SNML als eine Zusammenführung von originalen mit gefälschten Buchelementen. Daraus entsteht eine täuschend echte Gesamtfälschung, nicht zuletzt, weil selbst das geschulte Auge durch den buchbindetechnisch hervorragend gemachten Originaleinband abgelenkt und beeinflusst ist.“

 

Kontakt

Ibou Diop
Pressereferent
Humboldt-Universität zu Berlin
Tel.: 030 2093 2945 
ibou.diop.1@hu-berlin.de

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Pressemitteilung vom 14.02.2014, erstellt von Ibou Diop