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Flucht nach vorn

Kolumne des HU-Präsidenten Jan-Hendrik Olbertz

Portrait von HU-Präsident Jan-Hendrik Olbertz
HU-Präsident Jan-Hendrik Olbertz
Foto: Matthias Heyde

Aus der Historischen Kommission der Humboldt-Universität zu Berlin kam kürzlich die Anregung, das Thema Flucht einmal aus der institutionellen „Eigengeschichte“ der Universität zu betrachten. Hier wäre zuerst an den Exodus jüdischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu Zeiten des „Dritten Reiches“ zu erinnern, ebenso wie an die aus ihrer Heimat vertriebenen Menschen, die gegen Ende des Krieges in kilometerlangen Flüchtlingstrecks Richtung Westen flohen. Wie viele Akademikerinnen oder Akademiker unter ihnen fanden zum Beispiel Aufnahme an der 1949 nach Wilhelm und Alexander von Humboldt benannten Berliner Universität? Wie wurden sie in den Folgejahren in den Wissenschaftsbetrieb integriert, welche Karrieren machten sie, mit welchen neuen Bedrängnissen wurden sie konfrontiert?

Eine weitere große Flüchtlingswelle erreichte gegen Ende der 1980er Jahre ihren Höhepunkt, als Hundertausende aus der DDR ihr Recht auf Selbstbestimmung im Westen des geteilten Deutschlands suchten, darunter viele aus der Humboldt-Universität. Gewiss drohte ihnen daheim nicht Krieg und Vertreibung, aber neben Frieden, genug zu essen und einem Dach über dem Kopf ist eben auch Freiheit ein Wert, für den sich Menschen auf den Weg machen. Das gilt erst recht, wenn ihr Beruf Wissenschaft heißt.

So wiederholt sich unter wechselnden Vorzeichen die Geschichte des Flüchtens. Jedes Mal gab es eine Welle der Hilfsbereitschaft, auch wenn eine Vielzahl von Problemen zu lösen war. Gewiss wird die Integration der Geflüchteten, die derzeit nach Deutschland kommen, komplizierter werden. Die kulturelle und religiöse Vielfalt sowohl unter den Geflüchteten selbst wie mit Bezug auf die deutsche Bevölkerung ist ungleich größer als zum Beispiel in der Nachkriegszeit oder zum Ende der DDR.

Bildung ist der beste Weg, die Geflüchteten in unsere Gesellschaft zu integrieren. Jungen Menschen gegenüber, die zu Hause ihr Studium abbrechen mussten oder – trotz Hochschulreife – nicht mehr beginnen konnten, haben wir die Verpflichtung, ihnen ohne allzu lange Wartezeiten oder bürokratische Hürden die Möglichkeit zur Fortsetzung der Ausbildung zu eröffnen. Natürlich sind sie gehalten, sich auch beim Hochschulzugang dem Wettbewerb mit Gleichaltrigen zu stellen, denn bei der Verteilung knapper Studienplätze muss es bei aller Hilfsbereitschaft weiterhin gerecht zugehen. Hier ist die Politik gefragt; sie muss die Hochschulkapazitäten bedarfsgerecht ausbauen. Es liegt darin die große Chance nicht nur der Befriedigung des Fachkräftebedarfs der Zukunft, sondern auch der Inspiration der Wissenschaft. Wissenschaft ist ohnehin international. Der Humboldt-Universität ist das nicht neu. Sie hat schon heute deutschlandweit einen der höchsten Anteile an internationalen Forschenden und Studierenden. Diese Vielfalt ist nicht ihr Problem, sondern ihr Reichtum.

Dasselbe gilt für die Gesellschaft im Ganzen – vorausgesetzt, die Integration gelingt. Hier könnte Deutschland aus den Erfahrungen der Nachkriegszeit lernen; erst bei der dritten Generation der Nachkommen aus den Gastarbeiterfamilien der 60er Jahre kann man beobachten, wie Integration spürbar gelingt. So viel Zeit können wir uns diesmal nicht nehmen.

Doch es gibt hoffnungsvolle Zeichen. Die Berliner Politik hat schnell reagiert, indem der Senat den Hochschulen die Gasthörerbeiträge für Geflüchtete erstattet, das Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt die Studienkollegs und trifft neue Regelungen zum BAföG. Damit werden die Hochschulen wirksam unterstützt, die mit vielfältigen Initiativen Geflüchteten mit akademischem Hintergrund Angebote unterbreiten: Gasthörerstatus, Sprachkurse, Beratungsangebote, freie Nutzung von Bibliotheken und weiteren Serviceeinrichtungen der Universität. Trotzdem dienen alle diese Angebote derzeit nur zur Überbrückung von Wartezeiten. Die eigentlichen – rechtlichen – Weichenstellungen, Flüchtlingen, die über die notwendigen Voraussetzungen verfügen, einen regulären Hochschulzugang zu eröffnen, stehen noch aus.

Weitere Informationen

Die Kolumne "Flucht nach vorn" von HU-Präsident Jan-Hendrik Olbertz ist am 2. Oktober 2015 auf der HU-Sonderseite in der Berliner Zeitung erschienen.

 

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