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Denn sie tun nicht, was sie wissen

Klimaschutz ist wichtig – doch kaum einer reagiert wirklich auf die Probleme. Das lässt sich ändern.

Erde
Abbildung: colourbox.de

Zu den wenigen Forderungen, auf die man sich in Deutschland quer über sämtliche politischen Ausrichtungen hinweg einigen kann, gehört neben dem freien Zugang zu Bundesligaübertragungen und der Rettung von Robbenbabys auch der Klimaschutz. Regelmäßig gibt eine große Mehrheit an, dass letzterer zu den wichtigsten politischen Themen der Gegenwart gehört. Auf unser Handeln haben diese hehren Überzeugungen indessen wenig Einfluss: Die Bereitschaft, etwas gegen den Klimawandel zur unternehmen, ist erschreckend gering.

Doch wie erklärt sich dieser Widerspruch? Sind wir die Gefangenen unserer alltäglichen Gewohnheiten, an denen wir festhalten wie der Zigaretten-Junkie an seiner Kippe? Oder stehen unsere Überzeugungen ganz allgemein nur in einem losen Zusammenhang zu unserem Handeln?

Solche Fragen sind nicht nur von theoretischer Bedeutung. Wenn wir die dramatischen Konsequenzen des Klimawandels vermeiden wollen, dann müssen wir etwas unternehmen. Abgesehen davon ist die Sache auch aus individueller Perspektive interessant – es wäre schon eine schwerwiegende Einschränkung unseres Handlungsspielraums, wenn wir nicht imstande wären, unseren eigenen Überzeugungen entsprechend zu handeln.

Schauen wir uns zunächst einmal die Fakten an. Obwohl der Klimawandel seit der Finanzkrise etwas an Beachtung verloren hat, erklärt regelmäßig eine große Mehrheit der Befragten in Europa, dass es sich hier um eines der wichtigsten Probleme der Gegenwart handle. 80 Prozent der Befragten gaben bei einer Umfrage an, sie hielten den Klimawandel für ein ernstes Problem.

Geht es dagegen um die praktischen Konsequenzen, dann lässt der Eifer erheblich nach. Nur 59 Prozent der EU-Bürger waren selbst bereits in Sachen Klimaschutz aktiv geworden. Ein Viertel der Befragten, die den Klimawandel für ein ernstes Problem halten, hatte bislang also schlicht gar nichts unternommen. Und bei den anderen sah es nicht viel besser aus, schließlich konnte man die Frage schon mit „Ja“ beantworten, sobald man überhaupt irgendetwas getan hatte, egal wie klein der Beitrag war.

Und meist war er wohl ziemlich klein: So hatten in einer anderen Studie 75 Prozent der Befragten angegeben, umweltfreundliche Produkte gekauft zu haben. Doch nicht einmal ein Viertel der Befragten hatte sich dazu im letzten Monat aufgerafft.

Wie gesagt: Eine Packung Recyclingpapier, ein Apfel aus der Region oder einmal S-Bahnticket statt SUV-Fahrt hätte ja schon gereicht! Man muss sich nur die gesamten Einkäufe eines ganzen Monats vor Augen halten, um ermessen zu können, wie viele Gelegenheiten zum Kauf klimafreundlicher Produkte sich die Mehrheit der überzeugten Klimaschützer entgehen ließ.

Doch warum weicht unser Verhalten so weit von unseren Überzeugungen ab? Zeitweilig nahmen Psychologen an, dass es hier eine generelle Kluft gebe. Überzeugungen hätten eben nur einen schwachen Einfluss auf menschliches Verhalten. Doch dieser Verdacht konnte mittlerweile großenteils ausgeräumt werden.

Es gibt andere Erklärungen für die Kluft zwischen Überzeugung und Verhalten. Menschen sind sehr gut darin, auf Probleme zu reagieren, mit denen sie unmittelbar konfrontiert sind, für die es eine klare Handlungsstrategie mit erkennbaren Effekten gibt und für die niemand anders zuständig ist. Wenn sich ein großes Objekt schnell auf uns zubewegt, dann weichen wir instinktiv aus. Niemand kommt in solchen Situationen auf die Idee, die Sache erst einmal auf sich beruhen zu lassen oder auf die Reaktionen anderer zu warten. Doch der Klimawandel ist anders: Das Problem ist im Moment noch diffus, wirklich schlimm wird es irgendwann in ferner Zukunft. Klare Handlungsstrategien gibt es nicht, und auch wenn wir etwas tun, sehen wir praktisch keinerlei Effekte. Schließlich ist unklar, wer hier eigentlich zuständig ist: Betroffen ist schließlich jeder.

Deshalb spielen hier auch einige Besonderheiten unseres Sozialverhaltens eine wichtige Rolle. Eines der am besten untersuchten sozialpsychologischen Phänomene ist der sogenannte „Zuschauer-Effekt“. Wenn man beispielsweise zu einem Unfall kommt, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass man selbst eingreift, umso geringer, je mehr Menschen schon anwesend sind – auch wenn die nur unschlüssig herumstehen, es also jede Menge zu tun gäbe. Eigentlich sollte klar sein, dass etwas unternommen werden muss, doch niemand fühlt sich verantwortlich: Wenn die anderen nichts tun, dann lässt man besser auch selbst die Finger von der Sache.

In Sachen Klimawandel haben wir einen Extremfall dieser Situation: Im Grunde geht es jeden an, doch kaum einer tut etwas – warum soll ausgerechnet ich dann aktiv werden? Tatsächlich wird unser Verhalten in einem für uns selbst kaum überschaubaren Maße von dem Verhalten anderer Gruppenmitglieder bestimmt. Wenn alle anderen Mitglieder unserer Gruppe eine ganz offensichtlich falsche Antwort geben, dann machen wir häufig denselben Fehler – auch wenn uns der unter normalen Umständen niemals passieren würde. Und wenn alle anderen moralische Normen verletzen, die uns hoch und heilig sind, dann sind unsere Prinzipien möglicherweise schnell vergessen.

Besonders tückisch sind diese Mechanismen, weil sie unbewusst wirken. Vieles spricht dafür, dass die Vorbildwirkung des Gruppenverhaltens die allgemeine Passivität in Sachen Klimaschutz stabilisiert: Warum soll ich meine Bedürfnisse einschränken, wenn die anderen es nicht tun?

Eine wichtige Rolle spielt aber auch die Komplexität des Phänomens. Das Weltklima ist ein unvorstellbar kompliziertes System, das auch die besten Computersimulationen eher schlecht als recht nachbilden. Man muss nur an die Unzuverlässigkeit von Wettervorhersagen denken – und die sollen nur für ein paar Tage in einem eng umgrenzten Gebiet gelten!

Natürlich ist es unstrittig, dass es einen Klimawandel gibt, und dass er zumindest teilweise auf menschliches Handeln zurückzuführen ist. Doch die Experten streiten noch darüber, wie groß der menschliche Anteil ist, wie die Wirkungszusammenhänge sind und was man in Zukunft zu erwarten hat. Und immer wieder hört man, dass die bisherigen Modelle fehlerhaft waren, weil sie wichtige Faktoren nicht berücksichtigten. Schon ein Teil dieser Unklarheiten würde reichen, um unsere Handlungsbereitschaft zu lähmen, von der Gelegenheit, sich ein paar grandiose Ausreden zurechtzulegen, einmal ganz zu schweigen.

Unklar ist auch noch, wann wirklich gravierende Konsequenzen zu erwarten sind. Wenn es in Berlin ein wenig wärmer würde, wäre das ja nicht von vornherein schlecht. Schmelzende Gletscher gibt es weder hier noch in Brandenburg, und wenn der Meeresspiegel steigt, dann sollen sie an der Ostsee doch einfach die Deiche erhöhen! Länder wie Bangladesch, in denen schon ein Meeresanstieg von nur einem Meter große Teile des Landes überfluten und 15 Millionen Menschen heimatlos machen würde, sind weit weg, außerdem ist unklar, wann es soweit kommen wird.

Also vielleicht alles doch halb so schlimm? Nein, sicher nicht! Wir befinden uns nämlich in einer Art Wettlauf mit der Zeit: Vermutlich wird es noch eine ganze Weile dauern, bis die offenen Fragen geklärt sind. Bis dahin kann die Entwicklung aber schon so weit fortgeschritten sein, dass sie nicht mehr zurückzudrehen ist, ja vielleicht entgleitet sie vollständig unserer Kontrolle. Immerhin kann der Meeresspiegel neueren Prognosen zufolge im Extremfall sogar um bis zu 50 Meter steigen – sämtliche großen Hafenstädte der Welt und der Lebensraum eines großen Teils der Weltbevölkerung wären dann unbewohnbar.

Wie kann man also reagieren? Bloße Überzeugungsarbeit reicht offenbar nicht aus. Vielmehr kommt es darauf an, die Bedingungen zu verändern, die uns vom Handeln abhalten: Unklare Verantwortlichkeiten, der Mangel an Strategien, fehlende kurz- und mittelfristige Ziele, wenig Wissen um die Effekte unseres Handelns – es gibt einiges zu verbessern, wenn wir die Erkenntnisse über das menschliche Sozialverhalten ernst nehmen. Der Umweltschutz hat in vielen Bereichen bemerkenswerte Erfolge aufzuweisen. Es wäre verhängnisvoll und blamabel zugleich, würden wir ausgerechnet beim Klima an uns selbst scheitern.

Autor: Michael Pauen, Philosophie-Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Weitere Informationen

Der Text "Denn sie tun nicht, was sie wissen" ist in der Tagesspiegel-Beilage der Humboldt-Universität zu Berlin erschienen. Auf drei Seiten widmet sie sich dem Schwerpunkt Klimawandel - aus Anlass des Welt-Klima-Gipfels vom 30. November bis 11. Dezember dieses Jahres in Paris.

 

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