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Wenn der Algorithmus die Kontrolle übernimmt

Die Digitalisierung gehört mittlerweile zu unserem Alltag. Sie bringt viele Vorteile, doch es gibt auch Bedenken. Sind sie berechtigt?

Besonders junge Menschen – wie hier Studierende im Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum der Humboldt-Universität – können sich eine Welt ohne digitale Medien kaum vorstellen. Foto: Matthias Heyde

Die Digitalisierung verblüfft ihre Fans und ihre Kritiker immer wieder aufs Neue. Mal schreitet dieser Trend so rasend schnell voran, dass man kaum hinterherkommt, mal wieder geht es im Schneckentempo weiter, so dass die Politik eine Digitalisierungsstrategie ausrufen muss, um den Wandel zu beschleunigen. Was bedeutet das?

Technologische Revolutionen können zerstörerisch sein und soziale und ökonomische Verhältnisse massiv verändern, sie sind aber kein Selbstläufer. Einschlägige Indikatoren zeigen, dass die Digitalisierung auf dem Vormarsch ist, auch wenn es zwischen Regionen, Generationen und Gruppen gravierende Unterschiede gibt: Das jährliche Datenwachstum wird auf circa 30 Prozent beziffert. In weniger als zwei Tagen, so schätzt man, werden heute so viele Daten gespeichert wie in den Archiven der Menschheitsgeschichte bis zum Jahr 2003 insgesamt. Allein von 2016 bis 2025 wird das Datenvolumen um das Zehnfache auf dann 163 Zettabyte (ein Zettabyte entspricht einer Milliarde Terabytes) steigen.

Alles wird smart

Studien gehen davon aus, dass der durchschnittliche Mensch zu diesem Zeitpunkt täglich etwa 4800-mal mit irgendwelchen vernetzten Geräten interagiert und digitale Spuren hinterlassen wird. Alles wird smart: das Auto, das Zuhause, das Fitnessstudio, die Freundschaftsnetzwerke und der Arbeitsplatz sowieso. In der Wissenschaft haben sich ganz neue Big-Data-Forschungsbereiche etabliert, etwa die Digital Humanities, diemittels algorithmischer Verfahren sehr große Textmengen bearbeiten können. Statt einen einzelnen Text genau zu lesen und zu interpretieren, können es nun Hundertausende, sich über Jahrhunderte und Kulturen erstreckende Texte sein, die analysiert werden.

Auch in anderen Bereichen verspricht der Zugriff auf immer größere Datenmengen neue Erkenntnisse, etwa in den Natur- und Lebenswissenschaften. So können unter anderem die durch Fitness oder Bewegungsapps gewonnenen Daten dazu beitragen, den Faktoren eines gesunden Lebens besser auf die Spur zu kommen. Crowdsourcing Data, also durch viele Menschen kollaborativ zusammengetragene Daten zu Krankheitsverläufen, Medikamenteneinnahmen und Therapien, können helfen, Ursache und Wirkung besser zu verstehen. Auch Betreuung und Überwachung von Patienten können digital besser gelingen.

Universitäre Lehre verändert sich durch Digitalisierung

Andererseits gibt es nach wie vor Probleme mit der Validität dieser Daten. Viele kommerzielle Gesundheitsapps erfüllen nicht die Standards wissenschaftlicher Messungen, so dass sie Fehlinformationen liefern oder Verwirrung stiften. Auch stellt sich die Frage der Datennutzung und -sicherheit, die bei privaten und damit hochsensiblen Vitaldaten besonderes Gewicht hat. Denn wer weiß eigentlich, wo diese Daten landen?

Auch die universitäre Lehre verändert sich durch die Digitalisierung grundlegend, wenngleich manche Erwartungen der Vergangenheit überzogen gewesen sein dürften. Dass Universitäten schließen, weil jeder die besten Vorlesungen der Welt online anschauen kann, scheint heute kaum mehr wahrscheinlich. Selbst wenn es Fernlerner gibt, die in Youtube- Kursen besser abschließen als die besten eingeschriebenen Studierenden vor Ort – die meisten brauchen einen motivierenden Lehrer in direkter Interaktion. Es zeigt sich, dass der Seminarraum nicht so einfach durch einen virtuellen Raum zu ersetzen ist. Die physische Kopräsenz – der „Human Touch“ – scheint für Lernprozesse immer noch eine große Rolle zu spielen. Sie schafft Verbindlichkeit und Unmittelbarkeit, die in einer rein mediatisierten Welt nur unter bestimmten Voraussetzungen zu erzeugen ist. Dennoch wird der Einsatz digitaler Medien immer selbstverständlicher. Es gilt: Die Mischung macht’s!

Digitale Erkennbarkeit mit „toxischen“ Folgen

Die Bereitschaft, den digitalen Technologien Tür und Tor zu öffnen, ist vor allem in den jüngeren Generationen – den Digital Natives – sehr groß. Die Vorteile des Konsums, des Zugangs zu Informationen und der sozialen Vernetzung sind erheblich und daraus speist sich auch die gesellschaftliche Mitmachbereitschaft. Wer 15-Jährige heute fragt, ob sie sich eine Welt ohne digitale Medien vorstellen könnten, erntet ein müdes Lächeln. Das digitale Leben samt einer digitalen Identität ist alltäglich geworden. Dennoch gibt es auch Skepsis und Befürchtungen: Datenmissbrauch, die totale soziale Kontrolle, der durchleuchtete Mensch – das alles sind nicht leicht wegzuwischende Sorgen. Wenn alles digital erfasst und weiterverarbeitet werden kann, dann wird es immer schwerer, die Grenze zwischen privat und öffentlich zu ziehen. Digitales Eremitentum oder das sogenannte Digital Detox bleiben dann oftmals die einzigen Möglichkeiten, sich den Blicken smarter Apparaturen zu entziehen. In der Zukunft bleiben die Reservate des Unbeobachtet-Seins womöglich dann nur noch jenen vorbehalten, die es sich leisten können. Alle anderen müssen sich – wohl oder übel – mit der Totalprotokollierung abfinden.

Die digitale Erkennbarkeit des Einzelnen kann „toxische“ Folgen haben, wenn es etwa um die Manipulation der demokratischen Willensbildung geht. Dass sich aus Facebook-Likes, Google-Anfragen und der Bewegung im Raum ein individuelles Persönlichkeitsprofil erstellen lässt, das über eine Person mehr verrät als das, was gute Freunde, Eltern oder Partner über einen wissen, mutet schon beängstigend an. Noch gespenstischer wird es, wenn man bedenkt, dass Big-Data-Firmen dieses Wissen nutzen, um Menschen gezielt in ihrer Wahlentscheidung zu beeinflussen.

„Wir brauchen einen offenen Diskurs über Datenrechte“

Außerdem entstehen durch algorithmische Berechnungen neue Formen von Bewertungen, die sich unmittelbar auf unsere Lebenschancen auswirken. Wer als unzuverlässig, arm oder bewegungsfaul klassifiziert wird, muss auf Arbeits-,Wohnungs- oder Versicherungsmärkten mit Nachteilen rechnen. Problematisch ist hierbei auch die wachsende Asymmetrie zwischen der Durchleuchtung unserer Lebenswelten und Gewohnheiten einerseits und der Intransparenz der Algorithmen andererseits. Während wir immer sichtbarer werden, werden die Bewertungsmaschinen immer unsichtbarer. Ihre Bedeutung wächst auch deshalb, weil sich nur einige wenige Konzerne den digitalen Markt teilen. Derzeit baut sich eine Frontstellung auf, und zwar zwischen denen, die alle Kritiker dieser Entwicklung als Innovationsfeinde und Bedenkenträger brandmarken und jenen, die hinter jedem Digitalisierungsschritt eine Verschwörung geheimer Mächte wittern. Doch so einfach ist es wohl nicht. Es geht nicht um die Wahl zwischen „digitalem Paradies“ oder „smarter Diktatur“. Doch dafür brauchen wir kraftvolle Ideen der Gestaltung der digitalen Welt, Strategien für den Umgang mit den widersprüchlichen Trends sowie einen offenen Diskurs über Datenrechte, die Demokratisierung der algorithmischen Macht und die Grenzen des Privaten. Nur dann werden wir es schaffen, dass sich die Digitalisierung nicht gegen uns selbst wendet und ihre gesellschaftliche Rendite nicht in den Händen einer weniger Profiteure verbleibt.

Autor: Steffen Mau

Der Autor ist Professor für Makrosoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Jüngst ist sein Buch „Das metrische Wir. Über die Quantifizierung des Sozialen“ (edition suhrkamp) erschienen.

Der Artikel erschien zuerst in der Tagesspiegel-Beilage der HU.

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