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Abb.: Philipp Plum

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Tango: Tanz mit Migrationsgeschichte

Von den Stadträndern in Buenos Aires und Montevideo bis zu den Rändern dieser Welt – die Geschichte des Tangos ist eine Geschichte von Migration, Exil und der Vermischung von Kulturen und Rhythmen. Prof. Dr. Liliana Ruth Feierstein, Historikerin an der Humboldt-Universität zu Berlin, erläutert im Interview die Ursprünge des Tangos und zeigt, wie Migration seine Geschichte beeinflusst hat.

Schwarz weißes Foto von Professor Liliana Ruth Feierstein
Prof. Dr. Liliana Ruth Feierstein, Foto: Daniel Grad

Frau Feierstein, wie entstand der Tango und wer hat ihn erfunden?

Prof. Dr. Liliana Ruth Feierstein: Der Tango entstand in den Zwischenräumen, an den Ufern, den Rändern, den Rissen. Die Erfahrungen und Kulturen der Heimatvertriebenen, Migrant:innen und Verbannten aus allen Ecken in der Welt, die in den armen Stadträndern von Buenos Aires und Montevideo aufeinander trafen, flossen in die Geschichte des Tangos ein.

So chaotisch wie die Immigrant:innen sich in den Häfen von Buenos Aires und Montevideo Ende des 19. Jahrhunderts vermischt haben, haben sich auch die musikalischen Einflüsse vermischt, die den Tango beeinflussten. Zu der Habanera, die zwischen Kuba und Spanien kursierte, kamen die Rhythmen der Mazurka aus Polen und der europäischen Polka hinzu, auch der andalusische Tango mit seinen Gitano-Einflüssen flossen ein, genauso wie afrikanische Rhythmen, der afro-lateinamerikanische Candombe und die Milonga. Dabei handelt es sich um populäre Tänze: Die Enkel der Sklave:innen und armen Immigrant:innen erfinden Melodien, Rhythmen und Muttersprachen an beiden Rändern des Río de la Plata neu. Dass Milieu, in dem der Tango entstand, wird in den sozialen Lebensumständen einiger der berühmtesten Tangoautoren der Zeit deutlich: Manuel Aróstegui war Angestellter in einem Lottogeschäft in Montevideo; Juan Carlos Barzán ein Druckereiangestellter; Manuel Campoamor arbeitete als Bürogehilfe; Roberto Firpo als Landarbeiter; Vicente Greco verdiente sein Geld als Automobilmechaniker und Gerardo Mattos Rodríguez zog Gitarrist von Ort zu Ort.

Wie kam der Tango dann nach Europa?

Feierstein: Auch die Geschichte des europäischen Tangos entsteht gewissermaßen im Zwischen- und Grenzraum des Ozeans. Einer Legende zufolge verteilten sich auf einer 1906 unternommenen Reise der Fregatte Sarmiento – ein Schulschiff der argentinischen Marine, das über den Erdball navigierte und argentinische Produkte an internationalen Häfen zurückließ – tausend Partituren des Tangos ‚La morocha von Saborido und Villedo in den Häfen Europas. Und einmal in Europa angelangt, erlebt der Tango einen fantastischen Erfolg – und löst ein Fieber aus, das mit Höhen und Tiefen bis in die heutige Zeit anhält: die Tangomanie.

Von Rodolfo Valentino zu Charles Chaplin und Groucho Marx, von Barcelona bis nach Berlin. Die argentinischen Orchester und Tangolehrer nehmen um ein Vielfaches zu. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts sorgen die Argentinier in Paris für Furore. Neben der Tango-Musik ist es vor allem der Tanz, der diesen Eifer hervorruft: die ‚Umarmung stellt choreografisch eine absolute Neuheit dar. Zwar wurden in Europa der Walzer oder die Polka bereits paarweise getanzt, aber die Distanz und die Art und Weise der Kommunikation ist da nochmal anders. Gleichzeitig heben die Komplexität der Variationen, die Improvisationen sowie der ‚Dialog der Füße“ ihn von anderen bekannten Tänzen ab, die auf einer relativ monotonen Wiederholung des Grundschrittes basieren. Die stetige Erfindung von Figuren und die freie Entscheidung in Bezug auf die Musik – es ist üblich mitten im Tanz einige Momente zu pausieren – verströmten eine Aura der Freiheit, die von vielen herbeigesehnt wurde.

Und hat sich der Tango in Europa verändert?

Feierstein: Der Tango mit französischem Akzent, der Salon-Tango, der Tango, wie man ihn nun in Europa, dem ‚Zentrum‘, sieht und tanzt, ist nicht mehr die Stimme der politisch und sozial Marginalisierten. Europa sieht im Tango das, was es sehen will: das eigene ‚Andere‘ und Verdrängte. Die südamerikanischen Orchester sind beispielsweise in Paris vertraglich verpflichtet, als Gauchos, südamerikanische Viehzüchter, verkleidet zu spielen, obwohl der Tango in den Städten Südamerikas entstanden ist. Bis heute ist die europäische Geschichte des ‚argentinischen‘ Tangos insbesondere eine Geschichte der Projektionen. Frankreich und Deutschland, Russland und Polen, selbst die Vereinigten Staaten formen den Tango auf ihre eigene Art und Weise. In Europa erhält dieser beispielsweise einen Bezug zur expliziten Sexualität und zum Tod, eine Verbindung, die im Süden nicht bekannt ist. Vielmehr behandelt der argentinische Tango gewissermaßen alles, was zu einem Leben gehört – und zwar oft genug den Schmerz.

Welchen Einfluss hatte schließlich die argentinische Militärdiktatur auf den Tango und seine Verbreitung?

Feierstein: Nach den Staatsstreichen in Lateinamerika in den 1970ern – 1973 in Chile, 1974 in Uruguay, 1976 in Argentinien – kehren der Schmerz, die Exile und die Geschichten der Verbannten in den Tango zurück. Der Tango migrierte erneut mit seinen Geschichten von Schmerz und Nostalgie nach Europa. Mit der Ankunft der Exilierten in Europa Ende der 1970er Jahre erfährt der Tango eine Wiedergeburt, indem eine echte ‚Szene“ entsteht – eine Situation, die der ersten Phase sehr ähnlich ist: Die Musik und der Tanz werden in einer ganz eigenen Interpretation gehört – wobei die Texte und Anklagen meist nicht verstanden werden. Es gibt nur wenige Menschen, die diese Dimension wahrnehmen: die Marginalität des Tangos als eine Geschichte des Schmerzes, und nicht als eine von Angebern und Prostituierten, wie sie in Europa in den Tango projiziert wird.

Was erschwert das Verständnis des Tangos in Europa?

Feierstein: Einer der Gründe liegt in der Komplexität der Texte begründet. Viele Wörter sind auf Lunfardo geschrieben: ein faszinierendes linguistisches Gewebe, das Wörter aller Immigrantengruppen – interessanterweise besonders der ‚randständigen‘ Sprachen Katalanisch, Napolitanisch, Galizisch, Jiddisch, Sizilianisch, Romanes, – mit Wörtern aus afrikanischen und lokalen einheimischen Sprachen wie Guaraní oder Mapuche kombiniert. Eine der Strategien des Lunfardo ist auch das bekannte ‚vesre‘ von ‚al revés‘, zu deutsch ‚rückwärts‘, im Sinne von ‚rückwärts geschrieben‘. Die Wörter werden verdreht, damit ein Zuhörer sie nicht versteht. Zum Beispiel wird aus ‚maestro‘ ‚troesma‘ oder aus ‚amigo‘ ‚gomía‘. Die Welt, die die Texte des Tangos beschreiben, ist wie die Sprache selbst: ein chaotisches Babel, in dem letztlich alles ‚al vesre‘ auf den Kopf gestellt, ist.

Wo in der Welt – neben Buenos Aires – ist der Tango heute besonders beliebt?

Feierstein: Tango wird heute fast überall auf der Welt gehört und getanzt. Besonders beliebt ist er aber derzeit in Finnland und Japan, wo sich mittlerweile schon recht eigenständige Tango-Traditionen herauszubilden beginnen – Traditionen, die mit der frühen ‚argentinischen‘ Geschichte des Tangos – selbst eine Geschichte der Vermischung und des Marginalen – wohl nur noch sehr wenig zu tun hat.  Der Geschichte des Tangos, die von den Rändern kommt, lässt sich dabei überall zuhören. Und im besten Fall lässt sich auch seine Botschaft immer wieder neu verstehen.

Tango beim Open Humboldt Festival

Einen weiteren Einblick in die Migrationsgeschichte des Tangos gibt beim Open Humboldt Festival das Tango-Festival PIAZZOLLA 2021 „Migration in Bewegung – wie Tango um die Welt zog“.

Termine

Dienstag, 24.08.2021, 18:00 – 22:00

PIAZZOLLA 2021: Migration in Bewegung - wie Tango um die Welt zog

Musikalischer Vortrag, Internationale Tango Gala und Milonga

Programm und Anmeldung

 

Mittwoch, 25.08.2021, 18:00 – 22:00

Workshops, Tanzkurse und Milonga

Open Air-Bühne, Campus Nord
Zugang über Philippstr. 13, 10115 Berlin

Programm und Anmeldung

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