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Wissenschaftlerinnen der Humboldt-Universität im Gespräch

Laura Betancur Alarcón und Susanne Schmidt berichten von ihren aktuellen Forschungsprojekten, ihren Zukunftsplänen sowie der gesellschaftlichen Relevanz ihrer Arbeit.

An der Humboldt-Universität kommen zahlreiche Wissenschaftler*innen unterschiedlichen Alters zusammen, die sich in verschiedenen Phasen ihrer akademischen Laufbahn befinden. Bei aller Heterogenität ist ihnen gemeinsam, dass sie selbständig, eigenverantwortlich und engagiert hochinteressante Forschung betreiben und dass sie in keiner Weise abhängig – abgesehen teilweise vom Betreuungsverhältnis –, geschweige denn bedürftig oder untergeordnet sind: Attribute, die oft mit dem Sammelbegriff ‚Wissenschaftlicher Nachwuchs‘ assoziiert werden, der nun endlich mehr und mehr von der Bildfläche verschwindet.

Die Humboldt-Universität verwendet seit 2022 das von der EU-Kommission entwickelte ‚European Framework for Research Careers‘ (EFRC). Dieses ermöglicht die Einordnung der verschiedenen national geltenden wissenschaftlichen Qualifikationen in vier international vergleichbare Qualifikationsstufen (R1–R4, wobei ‚R‘ für ‚Researcher‘ steht), die sich nach dem Grad der Eigenständigkeit der Forschenden und Lehrenden richten: R1 (First Stage Researcher) umfasst Forschende bis zur Promotion.

Hier erzählen beispielhaft ausgewählte HU-Wissenschaftlerinnen der Stufen R1–R3 von ihren aktuellen Forschungsprojekten, ihren Zukunftsplänen sowie der gesellschaftlichen Relevanz ihrer Arbeit. Zudem verraten sie jene Fragen, die ihnen nur selten gestellt werden.

„Ich denke, dass Fragen nach unserem eigenen emotionalen Bezug zu unserer Forschung manchmal vernachlässigt werden. Warum tun wir das, was wir tun?“

Alternativtext

Laura Betancur Alarcón (IRI THESys),
Foto: Philipp Plum

Laura Betancur Alarcón ist seit 2021 Doktorandin am Integrativen Forschungsinstitut zu Transformationen von Mensch-Umwelt-Systemen (IRI THESys) und dort in das von Tobias Krüger geleitete und von der VolkswagenStiftung geförderte Projekt „Water Security for Whom? – Social and Material Perspectives on Inequality Around Multipurpose Reservoirs in Colombia“ eingebunden.

Woran forschen Sie gerade?

Laura Betancur Alarcón: Ich komme aus den Umweltwissenschaften und führe ethnographische Feldforschungen durch, wobei ich Erkenntnisse aus der Anthropologie und Geographie miteinander verknüpfe. Mein Hauptinteresse liegt darin zu verstehen, wie Ungleichheit in komplexen Mensch-Umwelt-Beziehungen entsteht, besonders in Bezug auf Flüsse und Flussufer. In meiner Arbeit versuche ich, die binäre Trennung von Kultur und Natur zu vermeiden und Ungleichheit nicht nur in sozialer, sondern auch in materieller und ökologischer Hinsicht zu erfassen, also im sozial-ökologischen Kontext. Als Teil des „Water for Whom?“-Projekts arbeite ich in Kolumbien, wo große Wasserkraftwerke und Stauseen die Lebensweise der Einwohner, die öffentliche Verwaltung, Infrastruktur, Arbeit, den Naturschutz und andere Aspekte stark verändert haben. Ich erforsche die sozial-ökologischen Beziehungen im Magdalena-Becken, dem wichtigsten des Landes, und lege den Fokus dabei auf Flüsse, die zwischen den 1980er und 2010er Jahren gestaut wurden – als menschliche Eingriffe in die Natur verändern Staudämme ja die Lebensgrundlagen erheblich.

Zusammen mit mir gibt es in unserem „Water for Whom?“-Team sieben Promotionsstudierende aus unterschiedlichen Disziplinen wie Hydrologie, Energiemodellierung, Wirtschaft und Landnutzungswissenschaften. Ich selbst bin für den ethnographischen Ansatz zuständig, für die Untersuchung der Beziehungen zwischen Mensch und Fluss. Wir arbeiten im Team zusammen und eine meiner Herausforderungen besteht darin, die detaillierten Beschreibungen meiner ethnographischen Arbeit mit meinen Kolleginnen und Kollegen aus den anderen Fachrichtungen zu diskutieren und in einen produktiven Austausch mit ihnen zu kommen – es ist eine sehr interdisziplinäre Arbeit.

Was sind Ihre Ziele für die nächsten fünf Jahre?

Betancur Alarcón: Zunächst möchte ich in den nächsten Jahren das Projekt und meine Doktorarbeit abschließen. Gleichzeitig aber freue ich mich darauf, ein Buch zu schreiben, um ein breiteres Publikum zu erreichen und Wissenschaftskommunikation im Bereich der Umweltsozialwissenschaften zu betreiben. Das ist meiner Meinung nach sehr wichtig, denn man sieht oft, wie Erkenntnisse aus den harten Naturwissenschaften der Öffentlichkeit erklärt werden, aber es ist auch notwendig zu erklären, was im weitesten Sinne aus der Anthropologie und den Sozialwissenschaften kommt. Ich möchte gerne erforschen und Geschichten darüber erzählen, wie wir Flüsse und Flusslandschaften besser wertschätzen, besser verstehen und besser mit ihnen zusammenleben können.

Wie würden Sie die Bedeutung Ihrer Forschung für die Gesellschaft einschätzen?

Betancur Alarcón: Angesichts des gegenwärtigen Zustands unseres Planeten ist die Bedeutung des Studiums sozial-ökologischer Beziehungen wohl unstrittig. Nun gibt es aber viele komplexe Dynamiken, die in so allgemeiner und globaler Form untersucht werden, dass sie für viele Entscheidungsträger nicht mehr greifbar sind. Wenn man zu einer Regierung oder einer internationalen Organisation geht, dann sagen die, ja, ja, wir müssen an der Nachhaltigkeit von Wasser und Nahrung arbeiten. Und dann klingt das irgendwie sehr abstrakt. Ja, was? Was ist das? Was ist das denn? Ich glaube, dass die Arbeit, die von den Umweltsozialwissenschaften geleistet werden kann, genau darin besteht, zu erklären und zu beschreiben, wie diese großen Prozesse in greifbare Praktiken umgesetzt werden können, seien es Fischereipraktiken, die Produktion von grünem Wasserstoff oder Maßnahmen zur Erhaltung der biologischen Vielfalt.

Welche Frage wird Ihnen als Wissenschaftlerin viel zu selten gestellt?

Betancur Alarcón: Ich denke, dass Fragen nach unserem eigenen emotionalen Bezug zu unserer Forschung manchmal vernachlässigt werden. Warum tun wir das, was wir tun? Die wissenschaftliche und gerade die anthropologische Arbeit hat viel mit mir selbst zu tun, mit meinem Körper, meiner persönlichen Zeit, meinem völligen Eintauchen in die Materie; sie ist also untrennbar mit der eigenen Positionierung, eigenen Lebensgeschichte und mit den eigenen Emotionen verbunden. Darüber redet man in der Wissenschaft nicht so gerne, weil alles immer professionell, neutral und seriös aussehen soll. Aber ich habe zehn Monate Feldforschung betrieben und mir die Geschichten der Menschen angehört. Wir sehen sie im täglichen Leben, wir sehen ihre Kämpfe, ihre Träume. Natürlich berührt einen das persönlich.

 

 


 

„Gemeinsam mit einem Team möchte ich die Wissenschaftsgeschichte der Selbstkontrolle aus historischer und interdisziplinärer Perspektive untersuchen“

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Dr. Susanne Schmidt (Institut für
Geschichtswissenschaften), Foto: Christoph Kalter

Susanne Schmidt ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Wissenschaftsgeschichte und derzeit im Rahmen eines Stipendiums der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina für einen Forschungsaufenthalt zu Gast an der Stanford University in Kalifornien, wo sie zur Geschichte des Marshmallow- Tests, von Race und Persönlichkeit in der Psychologie forscht.

Woran forschen Sie gerade?

Susanne Schmidt: Ich arbeite an der Stanford University zur Geschichte des Marshmallow-Tests. Das ist ein psychologischer Standard- Test zur Messung von Selbstkontrolle, der in jeder Einführungsvorlesung Psychologie vorkommt und auch allgemein unglaublich bekannt ist. Die entsprechenden Studien wurden in den 60er- und 70er-Jahren hier in Stanford von Walter Mischel und seinen Mitarbeiter*innen entwickelt und in einem an den Uni-Kindergarten angeschlossenen Experimentalraum durchgeführt. Deswegen bin ich auch hier in Kalifornien – ich arbeite viel im Archiv und gehe die alten Unterlagen durch. Der Marshmallow-Test ist ein Experiment, das die Fähigkeit zum Belohnungsaufschub misst. Kleinkinder bekommen ein Marshmallow – oder eine andere Süßigkeit – und müssen dann entscheiden, ob sie die Süßigkeit sofort essen oder warten sollen, um dafür später mehr zu bekommen.

Ursprünglich handelte es sich um eine Testreihe, die Mitte der 1970er Jahre abgeschlossen sein sollte. Aber einige Jahre später wurde der Zusammenhang zwischen der Geduld der Kinder in diesem Experiment und ihren schulischen Leistungen untersucht und eine Korrelation zwischen der Fähigkeit zur Selbstkontrolle im Kindesalter und dem Schulerfolg hergestellt. Darauf folgten weitere Follow-up-Studien, die Verbindungen zu Karriere, Wohlstand und Gesundheit im Erwachsenenleben herstellten.

Mit diesen Beobachtungen ging der Marshmallow-Test ziemlich durch die Decke, wurde aber auch viel kritisiert. Mich interessiert besonders, dass die frühesten Tests von Walter Mischel nicht hier in Stanford durchgeführt wurden, sondern tatsächlich schon mehr als zehn Jahre zuvor, auf Trinidad und Grenada, in einem anderen Setting und mit etwas älteren Kindern. Das hat mich total überrascht, das wusste ich vorher nicht. Dieser Test ist sehr bekannt, aber dass es frühere Tests in der Karibik gab, die von demselben Psychologen durchgeführt wurden, das hat man jetzt nicht so direkt auf dem Schirm. Walter Mischel hat die Kinder dort auch nach ihrer ethnischen Zugehörigkeit gefragt und dann statistisch die Entscheidungen der Kinder – eine kleine Süßigkeit jetzt oder eine größere später – damit korreliert. Ich habe mir das genauer angeschaut und festgestellt: Dieser Bezug auf Race-Unterschiede ist keine Ausnahme in der Geschichte des Tests, sondern zieht sich durch die gesamte Geschichte des Tests durch, bis heute. Der Marshmallow-Test wurde zum Beispiel dazu eingesetzt, den Einfluss und die Wirksamkeit von staatlichen Bildungskampagnen und -Maßnahmen zur Beseitigung sozialer Ungleichheit im Bildungssystem abzuschätzen. Insgesamt kann man sagen, dieser Test hat ein ganz enges Verhältnis zu Fragen von gesellschaftlicher Ungleichheit. Und das interessiert mich als Wissenschaftshistorikerin.

Was sind Ihre Ziele für die nächsten fünf Jahre?

Schmidt: Ich bin jetzt erstmal noch bis 2024 in den USA und führe hier Archivrecherchen durch, schreibe Aufsätze und bereite eine Monographie zur Geschichte des Marshmallow-Tests vor. Das Projekt wird mich auch nach meiner Rückkehr nach Deutschland weiter beschäftigen. Derzeit bereite ich außerdem einen Antrag für eine Forschungsgruppe zum Thema Selbstkontrolle vor. Gemeinsam mit einem Team möchte ich die Wissenschaftsgeschichte der Selbstkontrolle aus historischer und interdisziplinärer Perspektive untersuchen. Dabei sollen Fragen nach den sozialen und politischen Dimensionen human- und sozialwissenschaftlicher Forschung im Vordergrund stehen.

Wie würden Sie die Bedeutung Ihrer Forschung für die Gesellschaft einschätzen?

Schmidt: Meiner Meinung nach sind wissenschaftshistorische Fragen zugleich wichtige gesellschaftliche Fragen, weil es in der Wissenschaftsgeschichte darum geht, ein tieferes Verständnis von bestimmten Konzepten, die wir haben, und ihrer komplexen Geschichte zu bekommen. ‚Selbstkontrolle‘ zum Beispiel ist ja ein Begriff, den man auch im Alltag verwendet. Solche einflussreichen Konzepte stehen nicht einfach zeitlos im leeren Raum, sondern wenn wir sie verwenden, rufen wir immer auch ihre Geschichte mit auf, ob zustimmend oder kritisch.

Welche Frage wird Ihnen als Wissenschaftlerin viel zu selten gestellt?

Schmidt: Ich finde, worüber man nicht so oft redet und was aber wichtig ist, sind all die Sachen, die nicht geklappt haben. Also zum Beispiel die tausend Bewerbungen, die man geschrieben hat und auf die man nie eine Antwort oder nur Absagen bekommen hat. Das sieht ja niemand – auf meiner Webseite stehen nur die Erfolge. Zum Beispiel mein letztes Forschungsprojekt, zur Geschichte der Midlife-Crisis, von Feminismus und Psychologie: Ich habe dafür viele Anträge eingereicht und lange Zeit hat niemand verstanden, warum man eine Geschichte der Midlife-Crisis schreiben sollte oder was Feminismus mit Wissenschaft zu tun haben soll. Aber dann trifft man plötzlich die richtige Person oder stellt es nochmal ein bisschen anders dar – und am Ende war das ein Forschungsprojekt und ist ein Buch geworden, mit dem ich heute zufrieden bin und für das es ein breites Interesse gibt. Deswegen erwähne ich Studierenden gegenüber auch gerne, was nicht oder nicht sofort erfolgreich war, ich finde das wichtig und ermutigend.

Text und Interviews: Evangelia Nikoloudakis