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Die digitale Humboldt-Universität

Wie Lehrende und Studierende das digitale Sommersemester 2020 meistern

"Drei Fragen – Drei Antworten" mit Dr. Maria Gäde

Sommersemester 2020, zweite Woche, Montagnachmittag. Die Vorlesung „Lineare Algebra und Analytische Geometrie II“ steht auf dem Programm, sie richtet sich vorrangig an Mathematik-Studierende für das Lehramt. Um ihr zu folgen, muss man sich bei Zoom einloggen. Auf dem Computerbildschirm reihen sich schier endlos scheinende Formeln in schwarzer Schrift auf weißem Untergrund aneinander. Mit ruhiger Stimme erklärt Caren Tischendorf den Stoff, fügt während des Redens Notizen mit grünem und rotem Stift auf dem digitalen Whiteboard hinzu. Der Professorin für Angewandte Mathematik ist auch zu sehen – im kleinen Videoausschnitt rechts oben an ihrem heimischen Arbeitstisch am Computer. Die per Video oder Audio zugeschalteten Studierenden melden sich ab und zu per Zoom-Handzeichen mit einer Frage. „Man sieht wieder nichts“, schreibt jemand im Chat. „Abgeschmiert, ich starte neu“, sagt die Professorin. Die Unterbrechung ist nur kurz, schnell geht es weiter im Stoff.

Etwa 5000 Veranstaltungen werden digital angeboten 

Am 20. April ist an den Berliner Universitäten das digitale Sommersemester gestartet. Was vor einigen Monaten, vor der Corona-Pandemie, noch als großangelegtes „Irgend-wann-in-der-Zukunft-Projekt“ galt, musste von Lehrenden wie Studierenden praktisch über Nacht umgesetzt und angenommen werden. Die Lehrenden der HU haben ihre Lehr- und Prüfungsveranstaltungen des Sommersemesters – soweit dies möglich war – auf digitale Formate umgestellt. Insgesamt werden an der Humboldt-Universität in diesem Semester etwa 5000 Veranstaltungen digital angeboten. Am ersten Tag des digitalen Semesters fanden mehr als 800 Veranstaltungen mit über 13.000 Teilnehmenden als Videokonferenzen statt. Was heißt das für alle Beteiligten? Der erste Eindruck: Sie versuchen, das Beste daraus zu machen, sind mit Enthusiasmus dabei und freuen sich jetzt schon auf die Präsenzveranstaltungen – sobald sie wieder möglich sind.

„Die Vorlesung per Video funktioniert anders als eine Präsenzvorlesung“

Vivien Petras Lehrveranstaltungen zur „Informationsaufbereitung und -organisation“ am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft (IBI) sind eine Mischung aus asynchroner und synchroner Lehre. „Ich bereite wöchentlich Videos mit Lernfragen vor, die sich die Studierenden auf der Plattform Moodle anschauen, eine Woche später findet eine Online-Veranstaltung statt, auf der wir die Inhalte besprechen“, sagt die Professorin. „Es nimmt die Anspannung, wenn man das Video vorher postet.“

 

"Drei Fragen – Drei Antworten" mit Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Christoph Markschies

Für die Vorbereitung muss sie geschätzt dreimal so viel Zeit investieren wie für die Präsenzlehre. „Eine Vorlesung per Video funktioniert anders als eine Präsenzvorlesung, man muss sich vorab mehr Gedanken machen, mehr dokumentieren, erklärende Hinweise geben, die Inhalte modulartig aufbereiten“, sagt Petras, für die digitale Lehre kein neues Terrain ist. „Wir machen am IBI seit über zehn Jahren auch digitale Lehre, es gibt beispielsweise Mitschnitte der Bachelor-Pflichtveranstaltungen, unser Fernstudium ist eine Kombination aus Livestream- und Präsenzveranstaltungen mit den entsprechenden Aufnahmen für die Nachbereitung. Fehlt ihr die Präsenzlehre? Auf jeden Fall: „Ich vermisse das Schwofen mit dem Auditorium“, sagt die Professorin mit einem Lachen auf den Lippen. „Vor den Studierenden zu stehen, heißt sich führen zu lassen und mitzugehen, zu sehen, wie die Vorlesung ankommt, Missverständnisse zu erkennen und aufzuheben, aber auch bei Interesse zu vertiefen.“

Schnelle, unbürokratische Hilfe beim technischen Equipment

Auch Matthias Staudacher fehlten in seiner ersten Analysis II-Vorlesung aus dem Homeoffice mit rund 100 Studierenden die Reaktionen in den Gesichtern der Studierenden. „Ich hatte 25 Namensrechtecke, aber kein Gesicht vor Augen. Das war sehr irritierend.“

Der theoretische Physiker hat die Studierenden, die eine Webcam haben, gebeten, sich dazuzuschalten, um sich digital Feedback für seine Vorlesung einzuholen. „Danach lief es gleich viel besser!“ Staudacher, der an den Instituten für Mathematik und Physik lehrt, hat schon frühzeitig geahnt, dass ein digitales Semester kommen wird und sich überlegt, wie er seine Vorlesung gestalten wird und sich informiert, welche Möglichkeiten Zoom bietet. „Ich war beeindruckt, wie schnell und professionell der Computer- und Medienservice die Dienste zur Verfügung gestellt hat.“ Bei der Vorbereitung auf das digitale Semester ging es auch ums technische Equipment für das Team. Zwei wissenschaftliche Mitarbeiter, die drei begleitende Zoom-Übungen durchführen, und vier studentische Mitarbeiter, die Aufgaben digital korrigieren, wurden schnell und unbürokratisch mit Tablets und elektronischen Stiften durch das Institut für Mathematik ausgestattet. „Meine Forschung in der vorlesungsfreien Zeit ist allerdings auf der Strecke geblieben“, sagt Staudacher. Auch wenn ihm die Freude am Neuen und an den Möglichkeiten der Technik anzumerken ist, es fehlt etwas. „Heute war ich von 9 bis 17 Uhr in Meetings am Computer, das ist bestimmt nicht gesund.“

 

"Drei Fragen – Drei Antworten" mit Prof. Dr. Niels Pinkwart

Wie geht es den Studierenden im digitalen Hörsaal?

Zurück in den digitalen Hörsaal von Caren Tischendorf. Wie geht es den Studierenden in der neuen Uni-Wirklichkeit? Mathematikstudent Luis Gerke sitzt akkurat gekleidet hinter seinem Computer. „Ich finde, das klappt insgesamt gut.“ Er hat sich einen Teil seines Zimmers als Arbeitsbereich eingerichtet, um nicht abgelenkt zu werden. „Hier herrscht Handyverbot“, sagt er. Mathestudentin Selin Isik freut sich, dass sie die Wege zwischen den Campi Nord und Adlershof spart, vermisst aber die sozialen Kontakte auf dem Campus und findet es manchmal ermüdend, so lange vor dem Computer zu sitzen und sich zu konzentrieren. „Den Stoff verstehe ich jetzt aber viel besser als vorher.“ Das hängt damit zusammen, dass die Professorin die Zoom-Vorlesungen anders abhält als die Präsenzlehre. Sie stellt zur Vorbereitung vorab ein Skript der Vorlesung bei Moodle ein. Auch die vertiefenden und klärenden Folien, die sie in der Vorlesung nutzt, sind auf der Plattform zu finden, und können vor und nach der Veranstaltung zum Lernen genutzt werden.

Umfrage des Referent_innenRat der HU zur Situation von Studierenden

Vivien Petras befürchtet, dass nicht alle Studierenden im digitalen Semester ankommen werden. „Man braucht Computer, Webcam, Mikro und genügend Datenvolumen, wir wissen nicht, ob jeder Studierende das zur Verfügung hat“, sagt sie. Problematisch sei bestimmt auch, wenn mehrere Leute Videokonferenzen zur gleichen Zeit haben, beispielsweise in WGs, und es an Bandbreite fehlt. Bekannt ist auch, dass es schwierig ist für Studierende mit Kindern oder in Pflegesituationen, die aufgrund ihrer Verpflichtungen nicht immer an synchronen Veranstaltungen teilnehmen können. Um mehr über die Situation zu erfahren, führte der Referent_innenRat der HU eine anonyme Umfrage durch, an der Berliner Studierende teilnehmen konnten. Die Ergebnisse sollen zeitnah veröffentlicht werden.

Weiteres Problem: „Zehn bis 20 Prozent der Lehrveranstaltungen an der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät sind über digitale Lehre nicht abbildbar“, sagt Niels Pinkwart, Studiendekan der Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät. „Es geht hier um Veranstaltungen in Chemie, Physik und Informatik, die nicht in Laboren abgefilmt werden können, sondern von der Studierenden selbst durchgeführt werden müssen.“ Pinkwart ist nicht nur „Betroffener“ des digitalen Sommersemesters, sondern schaut auch als Informatik-Professor mit dem Schwerpunkt Didaktik der Informatik mit Forscherblick auf das Geschehen. „Ich bin gespannt, wieviel wir von dem, was wir jetzt zwangsweise machen müssen, später in der Präsenzlehre freiwillig machen werden.“

Autorin: Ljiljana Nikolic

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