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Abb.: Philipp Plum

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„Erinnerungen, die auch etwas über unser Selbstbild offenbaren“

Am 30. September 2021 eröffnet das „Archiv der Flucht“. Dieser digitale Gedächtnisort erinnert an wesentliche Bestandteile hiesiger Geschichte: Flucht und Migration nach Deutschland vom Zweiten Weltkrieg bis heute. Ein Gespräch mit Manuela Bojadžijev, Professorin am Institut für Europäische Ethnologie und am Berliner Institut für Integrations- und Migrationsforschung (BIM) der HU Berlin, die das Oral-History-Projekt mit kuratiert hat.
Manuela Bojadžijev vor einer roten Backsteinmauer

 Prof. Dr. Manuela Bojadžijev, Foto: Fabian Altenried 

Frau Bojadžijev, woraus besteht das Archiv der Flucht?  

Den wesentlichen Kern des Archivs bilden 42 dokumentarische Filminterviews. Wir haben mit Menschen gesprochen, die in den vergangenen acht Jahrzehnten in die Bundesrepublik oder die DDR eingewandert sind. Sie erzählen von Heimat und Exil. Sie erläutern, was Einwanderung ihnen bedeutet, reflektieren Zugehörigkeit und Neuanfang. Damit bezeugen diese Menschen eine vielschichtige, aufregende Erzählung der Geschichte Deutschlands, aber auch der Welt. Außerdem haben wir diese Interviews ergänzt um Materialien, die langfristig einen wissenschaftlichen Zugang verschaffen, die schulische und politische Bildung damit ermöglichen.  

Was gab den Anstoß, solch ein Archiv anzulegen?  

Die Migrationsbewegungen durch Europa im Jahr 2015 und der gesellschaftliche wie politische Umgang damit waren entscheidende Auslöser. Das Archiv entstand auf Initiative der Publizistin Carolin Emcke. Ich habe sofort zugesagt mitzumachen. Unter Mitwirkung weiterer Expert:innen, unter anderem Ethel Matala de Mazza und Joseph Vogl von der Humboldt-Universität zu Berlin und Stefanie Schüler-Springorum von der Technischen Universität Berlin, haben wir über eineinhalb Jahre hinweg zunächst ein Konzept entwickelt, Interviewpartner:innen gesucht und dann die Gespräche vor der Kamera geführt.  

Welches Konzept liegt dem Archiv zugrunde, nach welchen Kriterien haben Sie die Interviewpartner:innen ausgewählt?  

Aus pragmatischen Gründen hielten wir die Wege kurz. Alle Interviewpartner:innen leben derzeit in Berlin und Brandenburg. Vor allem aber war uns von Beginn an wichtig, Fluchterfahrungen nicht zu hierarchisieren. Wir haben darauf geachtet, Erinnerungen von Menschen aller Generationen einzufangen, die hierher geflohen sind. Das reicht von der Flucht aus Schlesien im Jahr 1945 bis zur Flucht über Libyen im Jahr 2016. Die Protagonist:innen kommen aus insgesamt 28 Herkunftsländern, aus Südamerika, Afrika, Ost- und Südosteuropa, aus dem Nahen und Mittleren Osten sowie Südost- und Ostasien. Ihre Geschichten umfassen die unterschiedlichsten sozialen oder kulturellen Hintergründe, Religionen und Sexualitäten. Frauen und Männer sind fast gleichermaßen vertreten. Bei den Interviews gehen wir in diese Biografien hinein, die sehr unterschiedlich sind – und meist verknüpft mit den gesellschaftlichen Gründen für die Flucht: politische, religiöse, aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder weil sie Frauen sind.

Welche Erkenntnisse kann man daraus ziehen?

Einwanderung, die Aufnahme und Integration neuer Bürger, verbinden die Verwerfungen der globalen Geschichte mit Deutschland. Man erkennt an diesen unterschiedlichen Geschichten zum Beispiel auch, wie Flucht und Migration sich konjunkturell verändern. Politische Verfolgte etwa kamen in den Siebzigerjahren nach dem Putsch in Chile mit dem Flugzeug nach Deutschland. Heute sind viele Wege versperrt, die Grenzen dichter. Das macht Flucht in vielen Fällen zu einem langen Prozess, der mit grauenvollen Erfahrungen verbunden sein kann. Historisch geben wir Migration unterschiedliche Namen, Gastarbeit, Flucht etc. Ob man hier aber schließlich als sogenannter Gastarbeiter aufgenommen wurde, als politischer oder Kriegsflüchtling, war und ist eine Frage hiesiger Definitionen, die sich ebenfalls verändern. Die Kategorien sind porös. Das zeigt das Archiv.

Was bedeutet das für Heute und die Zukunft?

Nach den schrecklichen medialen Diskussionen ab 2016 ist es inzwischen um Themen wie Flucht und Einwanderung zwar ruhiger geworden. Wirklich gestellt hat man sich diesen Herausforderungen aber nicht, weder gesellschaftlich noch politisch. Migration bleibt dennoch ein global akutes Phänomen und wird uns künftig weiterhin betreffen. Die Praxis der Flucht ist nicht unhintergehbar, das zeigt das Archiv. Wir müssen uns also fragen, welche Formen des Erinnerns und Bezeugens es in unseren heutigen Einwanderungsgesellschaften braucht: Welche strukturellen Ähnlichkeiten teilen die unterschiedlichen Erzählungen von Flucht und Ankommen? Die Erinnerungen der nach Deutschland geflüchteten und migrierten Menschen können auch über das Selbstbild unserer Gesellschaft einiges offenbaren.

Interview: Lars Klaaßen

Weitere Informationen

Das Online-Archiv ist ab dem 30. September 2021 zugänglich.

Die Eröffnung des Archivs wird vom 30. September bis zum 3. Oktober 2021 im Haus der Kulturen der Welt mit vier Thementagen begangen, u.a. einer Installation, Workshops und Diskussionsrunden. Der Eintritt ist frei, Einlasstickets sind erhältlich über die Webseite

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