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Klassenfragen Folge 5: Ist eine klassenlose Gesellschaft möglich?

In unserem Winterspecial beschäftigen wir uns mit Klassenfragen: Wofür brauchen wir den Klassenbegriff, was hat er mit sozialer Gerechtigkeit zu tun, wie entsteht eine Klassenidentität, wo zeigen sich Klassen in der Bildung und ist eine klassenlose Gesellschaft möglich?


In der fünften Folge der Serie „Klassenfragen“ erläutert Professor Dr. Joseph Vogl die Widersprüche des Klassenbegriffs und warum er heute eine Renaissance erlebt. Joseph Vogl ist Professor für Neuere deutsche Literatur / Literatur- und Kulturwissenschaft / Medien an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er beschäftigt sich unter anderem mit der kapitalistischen Moderne und ihren Akteuren.

Die Rede von „Klassenfragen“ ist mit einem nicht unerheblichen Begriffsrisiko verknüpft. Denn mit Klassenfragen und mit allem, was sich darauf reimt – wie Klassenlage, Klassenverhältnisse, Klassenbewusstsein, Klassenkampf –, gerät man nicht nur in einen Resonanzraum, in dem sich der Lärm älterer und scheinbar erledigter Schlachten auf eigentümliche Weise bewahrt hat. Vielmehr ist der Begriff der Klasse selbst immer noch ein Unruhekonzept. Es ist mit einem oszillierenden Begriffsinhalt ausgestattet und verweist damit auf überaus dynamische Sachverhalte in der sozialen, politischen und ökonomischen Welt. Heute ist die Kategorie der sozialen Schichtung gebräuchlich, die von einem distanzierten, neutralen und gleichsam geläuterten Blick auf die Gesellschaftsgeologie zeugt und sich dabei mit der aufgestapelten, mehr oder weniger stabilen Lagerung von Unter-, Mittel- und Oberschichten irgendwie abgefunden hat. Dagegen war schon die Entstehung des Klassenbegriffs von einer unruhigen Lage gekennzeichnet, in der sich eine Auflösung des Stehenden und des Ständischen vollzog.

Klassenbegriff nimmt Wirtschaftsverhältnisse in den Blick

Als man seit dem achtzehnten Jahrhundert damit angefangen hatte, das Ordnungskonzept der Klasse von Pflanzen und Tieren auf soziale Wesenheiten zu übertragen, wurde eben damit der Verlust älterer Ordnungsfiguren festgestellt. Der Klassenbegriff hat dabei nicht bloß den älteren Begriff des Standes ersetzt, er geriet vielmehr vor allem in jenen Zeiten in Umlauf, in denen die Ständegesellschaft samt ihrer Institutionen und Gesetze schleichend, revolutionär oder per Dekret an ihr Ende gelangt war: sei es mit der Französischen Revolution, sei es mit den preußischen Reformen zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts, sei es mit den Prozessen der Industrialisierung in Europa. So wenig es bis heute eine kohärente Theorie sozialer Klassen gibt (das Hauptwerk von Karl Marx brach übrigens genau mit dem Kapitel „Die Klassen“ ab), so sehr muss man das wohl als eine erste Bedeutungseinheit, als einen wesentlichen Grundton in der Verwendung des Klassenbegriffs festhalten: Wer von Klassen redet, unterstellt, dass es keine naturwüchsige Sozialordnung gibt, dass jedes Sozialverhältnis auf der Zerstörung von Sozialverhältnissen beruht. Man unterstellt also, dass sich die Kategorien, mit denen man soziale Verhältnisse zu erfassen versucht, an der Erfassung von Veränderungen und Prozessen messen lassen müssen.

Damit sind drei weitere Begriffselemente verknüpft. Schon bei den Physiokraten und bei Adam Smith, vor allem aber seit David Ricardo und Karl Marx nimmt der Klassenbegriff insbesondere Wirtschaftsverhältnisse in den Blick. Mit ihm werden der Ökonomie, den Reichtumsverteilungen, den Produktionsverhältnissen eine privilegierte Rolle in der Beschreibung und Selbstbeschreibung von Gesellschaften zugewiesen.

Wenn es dabei nicht zuletzt um die Feststellung von unterschiedlichen, unvereinbaren oder widerstreitenden Interessen geht, so ist der Klassenbegriff zweitens aus einem umkämpften Feld hervorgegangen, um sich wiederum auf Kämpfe und Konflikte zu beziehen. Die Rede von Klassen macht nur Sinn, wenn sie Machtgefüge, Antagonismen, strategische und taktische Operationen berücksichtigt. Und gerade weil diese Rede seit dem neunzehnten Jahrhundert mit der Beobachtung von Konfliktlinien (etwa zwischen Kapital und Arbeit), mit der Beobachtung von Repressionen und Emanzipationsbewegungen (etwa der Arbeiterklasse) verknüpft war, ist der Klassenbegriff selbst zu einem polemischen, das heißt kämpferischen und umkämpften Begriff geworden. Nicht von ungefähr wurden zuweilen Gesetze gegen die politische und diskursive Zuspitzung von Klassenkonflikten (bei Androhung von Geld- oder Freiheitsstrafen) erlassen; und gerade der deutsche Liberalismus hat keinen Zweifel daran gelassen, dass auch liberale Politik Klassenkampf bedeutet. Die „ganze Zukunft des Liberalismus“, schrieb etwa Friedrich Naumann um 1900, hängt „im weitesten Sinne davon ab, dass der Klassencharakter des Liberalismus frei und offen anerkannt werde, denn nur ein klassenbewusster Liberalismus hatte die Festigkeit, im allgemeinen Klassenkampf, der heute einmal da ist, seinen Mann zu stehen“. Das sollte man nicht vergessen: Der Liberalismus hat sich bis heute einer vehementen Klassenpolitik verschrieben.

Utopie einer klassenlosen Gesellschaft ist ferner denn je

Drittens aber ist der Klassenbegriff von inneren Spannungen geprägt, die ihn zu einem ebenso problematischen wie ergiebigen Diskurswerkzeug machen. Der Begriff der Klasse erfasst eben keine irgendwie „klassifizierbaren“ sozialen Einheiten, er erhält seine Prägnanz vielmehr dadurch, dass er sich auf die Problematisierung sozialer Verhältnisse bezieht. Das betrifft nicht nur das Verhältnis zwischen einer Klasse für sich und einer Klasse an sich (wie Marx gesagt hätte). Das betrifft auch jene Verwerfungen und Widersprüche, die zwischen gegebenen Klasseninteressen, politischen Standpunkten und Organisationsweisen und einem subjektiven oder soziokulturell bestimmten „Klassenbewusstsein“ bestehen. Der Klassenbegriff ruft somit eine soziale Ontologie auf den Plan, die weniger das Vorhandensein als das Werden und die Formierung von Klassensubjekten verfolgt. Es ist eben keine Selbstverständlichkeit, dass und wie sich Erfahrungen in kollektive Erfahrungen, diese in Klassenbewusstsein und dieses wiederum in politische Aktionsformen übersetzen.

Schließlich sollte man nicht übersehen, wie der Klassenbegriff (und seine Wiederkehr) heute mit einem intellektuellen und politischen Phantomschmerz verbunden ist, der entweder von fehlenden Begriffen für neue Sachverhalte oder von überholten Begriffen für verschwundene Sachlagen ausgelöst werden kann. Wahrscheinlich sind es wenigstens zwei Aspekte beziehungsweise Entwicklungen, die den Klassenbegriff heute im strengen Sinn frag-würdig und also diskutierenswert erscheinen lassen. Einerseits haben neue Arbeits- und Beschäftigungsformate sowie die Arbeitsmarktreformen der letzten Jahrzehnte zu einer systematischen Atomisierung in den gegenwärtigen Marktgesellschaften geführt. Sie haben eben jene Solidarmilieus zerstört, in denen einst gemeinsame Interessen politisches Interventionspotential und also Klassenbewusstsein entwickeln konnten. Andererseits möchte man daran erinnern, dass das aktuelle Finanzregime selbst einen neuen Klassenkampf ausgerufen hat. Warren Buffet, der amerikanische Großinvestor, hat das direkt, unmissverständlich und durchaus selbstkritisch formuliert: „Der Klassenkrieg (class warfare) ist eine historische Tatsache; er wird von meiner Klasse – der Klasse der Reichen – geführt und wir sind dabei, ihn zu gewinnen.“ Tatsächlich hat man es heute wohl mit einer internationalen Reichtumsverteidigungspolitik zu tun, in der eine global operierende Klasse von Finanzoligarchien und supercitizens den erdschweren Staats- oder Unterbürgern (also dem Rest der Bevölkerung) den Krieg erklärt hat. Die Utopie einer klassenlosen Gesellschaft ist ferner denn je.

Weitere Informationen

Klassenfragen Folge 1: „Schon Aristoteles spricht von sozialen Klassen“

Klassenfragen Folge 2: Streik für die Care Revolution

Klasssenfragen Folge 3: Ist unser Bildungssystem ein Klassensystem?

Klassenfragen Folge 4: „Selbst Menschen derselben Klasse haben heute sehr unterschiedliche Chancen“

Humboldt-Universität zu Berlin | Presseportal | Themen | Klassenfrage Folge 6: Kann es eine klassenlose Gesellschaft geben?

Klassenfrage Folge 6: Kann es eine klassenlose Gesellschaft geben?

Für die einen ist es ein konkretes Ziel, für die anderen ein idealistischer Wunschtraum: die klassenlose Gesellschaft. Unter welchen Umständen könnte sie Realität werden? Gibt es aktuelle oder historische Beispiele? Die Antwort hängt auch davon ab, wie der Begriff „Klasse“ definiert wird.


Zum Abschluss unseres Winterspecials zum Thema Klassenfragen haben sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der Erziehungswissenschaft, den Geschichtswissenschaften, der Soziologie und der Philosophie auf das Gedankenspiel eingelassen und auf die Frage geantwortet, ob es eine klassenlose Gesellschaft geben kann.

Die Bildungsforscherin Prof. Dr. Rita Nikolai beschäftigt sich am Institut für Erziehungswissenschaften der Humboldt-Universität mit Schulsystemen und Bildungsungerechtigkeit.

„Das würde ich mir wünschen, aber das scheitert in der Realität oft daran, dass sich die Habenden durchzusetzen wissen. Umso wichtiger sind daher die zwei Seiten des Sozialstaates: Bildung und sozialer Schutz. Letzteres vor allem für diejenigen, die durch das Bildungssystem fallen.“

Dr. Martin Lutz ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Seine Forschungsinteressen sind der Einfluss von Religion auf ökonomisches Handeln, die Geschichte der Globalisierung, die Unternehmensgeschichte und die Institutionentheorie.

„Es gab in der Geschichte immer wieder Versuche, eine klassenlose Gesellschaft zu schaffen. Oft waren diese Versuche religiös motiviert. Ein Beispiel ist die christliche Glaubensgemeinschaft der Hutterischen Brüder. Für sie ist die Gleichheit der Menschen vor Gott Ausgangspunkt der sozialen Organisation ihrer Gemeinden. Dazu zählt die Eigentumslosigkeit des Individuums, wie sie in zwei Versen der Apostelgeschichte zur christlichen Urgemeinde formuliert wird: „Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte.“ (Apostelgeschichte 2:44-45, Lutherbibel)

Die Hutterer entstanden als Teil der Täuferbewegung in der Reformationszeit in Mitteleuropa. Nach Jahrhunderten religiöser Verfolgung und mehreren Migrationen befinden sich die gemeinschaftlichen Siedlungen („Bruderhöfe“) der heute rund 50.000 Gemeindemitglieder überwiegend in Kanada und den USA. Mitglieder eines Bruderhofs haben kein persönliches Eigentum. Sie werden nach ihren Bedürfnissen von der Gemeinschaft versorgt, allerdings nur so lange sie sich der strengen religiösen und sozialen Lebensreglementierung unterwerfen. Im sozioökonomischen Sinne ist eine klassenlose Gesellschaft unter Hutterern Realität. Die Gemeinden sind allerdings auch durch klare Hierarchien wie beispielsweise eine hohe Autorität von Predigern und Ältesten sowie einer klaren Aufteilung von Geschlechterrollen geprägt.“

Prof. Dr. Rahel Jaeggi ist Professorin für Praktische Philosophie an der HU und leitet das Humanities and Social Change Center Berlin. Ihre Schwerpunkte liegen unter anderem in der Sozial- und Rechtsphilosophie sowie der politischen Philosophie und der philosophischen Ethik.

„Das kommt darauf an:

Kann es eine moderne, arbeitsteilige, ausdifferenzierte Gesellschaft geben, in der Individuen nicht in unterschiedlichen Funktionen, mit je unterschiedlichen Kompetenzen, Qualifikationen und Motivationen am gesellschaftlichen Kooperationszusammenhang teilnehmen?

Vermutlich nicht.

Kann es eine Gesellschaft geben, in der diese Unterschiede nicht hierarchisch geschichtet sind und sich nicht in krass asymmetrischen Möglichkeiten gesellschaftlicher Teilhabe ausdrücken? In der also Pflegekräfte, Erzieher_innen, Müllarbeiter_innen, Arbeiter_innen gemäß ihrem Beitrag zur gesellschaftlichen Reproduktion anerkannt und bezahlt werden, statt ein Hundert- oder Tausendfaches weniger zu verdienen als Finanzmanager oder Manager z B in der Automobilindustrie, die uns in die vielfachen gegenwärtigen Krisen hineinmanövriert haben? Und kann es eine Gesellschaft geben, in der ein immer größerer Teil der Gesellschaft nicht in prekären Verhältnissen lebt?

Sicherlich.

Lässt sich andererseits eine Gesellschaft denken, in der sich die vielfältigen sozialen Konfliktlinien nicht zu Macht- und Interessensgegensätzen stabilisieren, bei denen vorentschieden ist, welche soziale Gruppe sich durchsetzt und welche Probleme überhaupt auf die Agenda der öffentlichen Auseinandersetzung gesetzt werden können? Daran wäre zu arbeiten. Unter anderem ist das eine Frage der sozialen Auseinandersetzung und sozialer Kämpfe, des Willens zur politischen Gestaltung ökonomischer Verhältnisse und der (Wieder-) Aneignung unserer Lebensbedingungen. Manche würden dieses Projekt einen erneuerten demokratischen Sozialismus nennen.“

Prof. Dr. Hans-Peter Müller ist Professor für Allgemeine Soziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin, seit Oktober 2019 emeritiert. Seine Forschungsfelder sind unter anderem die Soziologie der Lebensführung sowie Sozialstruktur und Ungleichheit. Er ist Mitglied des Vorstands in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS).

„Dafür müssten wir erst einmal klären, ob wir heute überhaupt in einer Klassengesellschaft leben. Bourdieus Idee war, dass jede Gesellschaft hierarchisch aufgebaut ist. Es gibt ein Oben, ein Unten und eine Mitte. Das Distinktionskriterium ist der Geschmack. Ich schaue mir Lebensstile an – beispielsweise Freizeit- und Familienmuster – und kann die Menschen danach in Klassen einteilen. Auf diese Weise kann ich ein relativ kohärentes Bild einer Gesellschaft bekommen. Den Wandel der Gestalt der Klassengesellschaft kann ich daran sehen, wie groß das Oben, die Mitte und das Unten sind.

Wenn das Unten wächst und die Mitte schrumpft, ist das ein Anzeichen für ein Wiederkehren der Klassengesellschaft. Insofern kann man im Vergleich zu den Achtziger- und den Neunzigerjahren schon sagen, dass es Anzeichen gibt, dass die Klassengesellschaft in Deutschland zurückkehrt.

Man darf aber die Wirkung des Sozialstaats nicht unterschätzen, der nach wie vor in erheblichem Maße Ungerechtigkeiten ausgleicht. Eine klassenlose Gesellschaft ist eine Utopie. Wenn man davon ausgeht, dass alle Menschen gleich sind, dann sollten sie auch gleichwertige Lebensverhältnisse haben. Das ist das Ziel von Politik. Klassenlos aber ist keine Gesellschaft, denn es wird immer Reichtumsunterschiede geben. Aber es kommt dem Eindruck von Klassenlosigkeit recht nah, wenn eine Gesellschaft sehr wohlhabend ist. Denn dann verorten sich Menschen nicht unter der Klassenbegrifflichkeit, sondern haben das Gefühl, annähernd auf Augenhöhe verkehren zu können.“

Weitere Informationen

Klassenfragen Folge 1: „Schon Aristoteles spricht von sozialen Klassen“

Klassenfragen Folge 2: Streik für die Care Revolution

Klasssenfragen Folge 3: Ist unser Bildungssystem ein Klassensystem?

Klassenfragen Folge 4: „Selbst Menschen derselben Klasse haben heute sehr unterschiedliche Chancen“

Klassenfragen Folge 5: Ist eine klassenlose Gesellschaft möglich?

Humboldt-Universität zu Berlin | Presseportal | Themen | Islamische und Katholische Theologie an der HU

Islamische und Katholische Theologie an der HU

Start der Studienangebote der beiden Institute an der Humboldt-Universität zu Berlin im Wintersemester 2019/2020


Alle Informationen zum Berliner Institut für Islamische Theologie (BIT) und zum Institut für Katholische Theologie an der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) gibt es auf den Webseiten.

#WIR SIND HUMBOLDT

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Humboldt-Universität zu Berlin | Presseportal | Themen | Berlin University Alliance

Berlin University Alliance

Die Entscheidung in der Exzellenzstrategie des Bundes fällt am 19. Juli 2019


Die Freie Universität Berlin (FU), die Humboldt-Universität zu Berlin (HU), die Technische Universität Berlin (TU) sowie die Charité – Universitätsmedizin Berlin bewerben sich unter dem Namen Berlin University Alliance gemeinsam in der Exzellenzstrategie des Bundes und der Länder. Mit dem neuen, bundesweiten Förderwettbewerb, der der Exzellenzinitiative folgt, sollen wissenschaftliche Spitzenleistungen, Forschungskooperationen und die Profilbildung von Universitäten weiter gestärkt werden. Im Herbst 2018 hatten die vier Berliner Partnerinnen sieben Exzellenzcluster, also große Verbundforschungsprojekte zu zukunftsträchtigen Themen, eingeworben und damit die „Fahrkarte“ erhalten, um sich als Universitäten-Verbund um den Exzellenztitel zu bewerben.

Die Entscheidung, wer den Titel erhält, fällt am 19. Juli 2019. Neben der Berlin University Alliance sind noch 17 Universitäten und ein weiterer Verbund im Rennen. Ab November 2019 sollen bis zu elf Exzellenzuniversitäten oder Exzellenzverbünde gefördert werden. Im Erfolgsfall kann der Berliner Verbund insgesamt 196 Millionen Euro in sieben Jahren beantragen, um seine strategischen Pläne umzusetzen.

Die HU hat ein eigenes Cluster, Matters of Activity, das an das 2012 bewilligte Cluster Bild Wissen Gestaltung anknüpft, eingeworben. Außerdem ist sie an drei erfolgreichen Clustern beteiligt: Science of Intelligence (SCIoI), ein Neuling unter den Clustern, Neurocure, ein Verbund von HU, FU und Charité, sowie MATH+, ein Zusammenschluss von HU, FU und TU.

Aktuelles aus dem Verbund

Anschubförderung für gemeinsame Forschungsprojekte - Die University of Melbourne und die Partnerinnen der Berlin University Alliance legen ein Förderprogramm für gemeinsame Forschungsprojekte auf

Neue Professuren für Digitalisierungsforschung - Vier Wissenschaftler forschen am Einstein Center Digital Future künftig zu computer-assistierter Medizin, Wandel der Arbeitswelt und biomedizinische Bildgebungsverfahren

Von Schlaganfallforschung bis Globalgeschichte

Einstein Stiftung Berlin fördert Forschungsvorhaben und -aufenthalte an den drei großen Berliner Universitäten und der Charité 

 

Matters of Activity: Image Space Material

Eine neue Kultur des Materialen

Matters of Activity
Foto: Bild Wissen Gestaltung

Konsequenter kann man die Idee der Trennung von Körper und Geist eigentlich nicht in ein Produkt umsetzen. Im Silicon Valley des 21. Jahrhunderts hat sich der Geist gleichsam des Körpers entledigt, „leben“ Algorithmen ohne Verfallsdatum auf immer neuen, verschleißenden Festplatten. So verführerisch scheint einigen dieses Unsterblichkeitsmodell zu sein, dass ein Start-up es nun gar auf den Menschen übertragen will, indem es das Gehirn, vielmehr: dessen Denkaktivität, in eine Cloud hochladen möchte. Der Körper als Trägermaterial einer unsterblichen Information, beliebig austauschbar oder sogar ganz und gar überflüssig?

Einem radikal anderen Blick auf die Welt der Materie kann man in der Sophienstraße in Berlin-Mitte begegnen. Hier befinden sich die Räumlichkeiten des Exzellenzclusters Matters of Activity, der im Januar 2019 die Arbeit aufgenommen hat. Schon der Name zeigt: Materie wird hier nicht als etwas Passives verstanden, das nach Maßgabe eines externen Willens funktionieren muss und bei Versagen verschrottet wird, sondern als etwas Eigengesetzliches, dessen Regungen bejaht und als produktiv betrachtet werden. Wolfgang Schäffner, Professor für Wissens- und Kulturgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin, ist Sprecher des neuen Exzellenzclusters. Die westliche Postmoderne, deren Blick auf das Materiale er und seine Mitstreitenden verändern wollen, begreift er als geprägt von einer Kultur des Konservierens. „Veränderung ist in unserer gegenwärtigen Kultur des Materialen nicht vorgesehen, die Aktivität eines Materials will man also meist ausschalten. Ein Tisch aus Holz soll genau so bleiben, wie er ist, und nicht mit der Zeit aus dem Leim gehen; Eisen korrodiert, man braucht einen Korrosionsschutz.“

Alterungsprozesse aufhalten zugunsten eines Ideals starrer Unvergänglichkeit – in einem nach Unordnung strebenden Universum ist das ein Kampf auf verlorenem Posten. Dass man Artefakte auch ganz anders denken kann, zeigt der Philosoph, Literaturwissenschaftler und Medizinhistoriker, indem er die europäische Haltung mit einem Beispiel aus Fernost kontrastiert. „Japanische Schreine stehen unter Denkmalschutz wie viele Gebäude hierzulande auch, werden aber alle 20 Jahre abgerissen und dann neu aufgebaut“, sagt Schäffner. Der Forscher bezieht sich auf eine Tradition im Rahmen der Naturreligion Shintoismus, die im Gegensatz zu den meisten europäischen Denktraditionen auf das Diesseits fokussiert. „Dort ist es also der Bauprozess, der bewahrt wird, während wir die Objekte der Vergangenheit selbst wie Leichen konservieren.“ Eine Kultur des Einbalsamierens, die dem Tod so mindestens symbolisch ein Schnippchen schlagen will?

„Das Auto war niemals als Massenprodukt gedacht“

Die historischen Ursprünge der Neigung zum übermäßig haltbaren Produkt verortet Wolfgang Schäffner vor allem im 19. Jahrhundert. „Das war die Zeit der Eisenbahn, der Mechanik, von Beton und Stahl, von passiven, harten und starren Materialien.“ Prinzipien von damals hätten auch im 20. Jahrhundert Gültigkeit gehabt und fänden sogar heute noch Anwendung. Unter anderem im Gebrauch schwer recycelbarer Materialien, die oft bereits in der Herstellung übermäßig viel Energie verschlingen. Material würde hier ausschließlich passiv gedacht und müsste „gegenüber einem Befehlsgeber stillhalten, wie ein Sklave. Das ignoriert eine Intelligenz, die in der Sache selbst liegt, was extrem viel Energie kostet.“ Gemeint ist, dass in einem solchen Design das Einwirken von Umweltfaktoren – Sonneneinstrahlung, Feuchtigkeit, Temperaturschwankungen – kostenintensiv unterbunden wird.

Solche Warendesignideen sind heute Basis einer globalen Industrie, die jedes Jahr ihre Erträge steigert. Verhängnisvoll ist das nicht nur in Hinblick auf die stetig wachsenden Plastikmüllgebirge. „Um ein konkretes Beispiel für dieses Denken in der Produktion zu nennen: Das Auto ist das Erbe der Eisenbahn, eine historische Altlast, die wir mit uns herumschleppen. Wir bauen da etwas, das eine Tonne schwer ist, um ein Objekt von unter 100 Kilogramm zu bewegen“, betont Wolfgang Schäffner und schüttelt den Kopf. „Noch dazu war das niemals als Massenprodukt gedacht. Dazu kann man nur sagen, dass die gegenwärtige Technologie in Hinblick auf die Gestaltung das Spiel von vornherein verloren hat. Ingenieurstechnisch steckt zwar eine Menge Know-how dahinter. Aber Matters of Activity denkt in einer ganz anderen Richtung.

Wo der Mensch nach wie vor gern Entwürfe in Beton gießt, arbeiten natürliche Systeme meist mit abbaubaren, adaptiven Materialien. „Die Dinge gehen in der Natur vielleicht nicht so schnell wie bei einem Flugzeug und mit Holz kann man vielleicht nicht ganz so hoch bauen – dafür ist das energetisch viel nachhaltiger“, sagt Wolfgang Schäffner. Hochkomplexe Strukturen würden in biologischen Systemen häufig durch die situativ anpassbare Architektur eines einzigen Stoffes, etwa eines Faserstoffes wie Zellulose, erreicht. Solche Materialien und Systeme, die an und in ihnen stattfindenden Prozesse des Webens, Schneidens und Filterns, will das Forscherteam untersuchen, in ihrer Funktionsweise besser verstehen und auf Adaptierbarkeit hin untersuchen, um so Alternativen in Hinblick auf überkommenes Objektdesign zu entwickeln.

Natürliche Materialien arbeiten energieeffizient

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für einen adaptiven Prozess, der im Cluster untersucht wird: der Biofilm. Dieser besteht aus einer Schleimschicht, in der Mikroorganismen unterschiedlichen oder gleichen Typs leben, über chemische Signale miteinander kommunizieren und je nach Situation kollektiv ihr Verhalten anpassen. So schützen sich die Mikroorganismen gegenseitig vor dem Verhungern oder helfen sich im Kampf gegen Angreifer. Fast keine wässrige Grenzfläche – ob Schneidezahn, Waschbecken oder Waldboden – ist vor dem blitzschnellen Entstehen solcher Verbünde sicher. Dreidimensionale Struktur und Wachstum von Biofilmen hängen ganz und gar von den spezifischen Umweltbedingungen ab. Aufgrund ihrer strukturellen Komplexität lassen sie sich mathematisch bislang nicht beschreiben. „Schon ein Häufchen Bakterien baut also Strukturen, die unsere bisherigen Vorstellungen von Code und Intelligenz überfordern“, resümiert Schäffner und zeigt so das große Potenzial entsprechender Grundlagenforschung auf.

Bislang sei die Intelligenz von Systemen stets in digitale Steuerungen ausgelagert worden. „In der Natur gibt es eine solche Trennung von Arbeits- und operativer Einheit aber nicht. In jeder Holzstruktur, in jedem Blatt, steckt Code – nicht nur in der DNA.“ Struktur und Funktion hingen hier zusammen, ließen sich nicht voneinander trennen. Ziel des Clusters sei es insofern, das Analoge in seiner transdigitalen Qualität sichtbar zu machen. „Unser Kampf heißt heute Anthropozän. Herkömmliche Artefakte durch Äquivalente aus abbaubaren Stoffen wie Zellulose oder Zuckern zu ersetzen, ist das Optimum, das wir als Weltgemeinschaft perspektivisch erreichen können. So würden wir vermeiden, dass weitere Müllberge entstehen, die sich nicht mehr in den Wertstoffkreislauf rückführen lassen.“ Mit interdisziplinärer Grundlagenforschung zu Struktur und Aufbau solcher vergänglichen Materialien hofft der Cluster, die Welt dieser Zukunft einen Schritt näher zu bringen.

Autorin: Nora Lessing

Berlin University Alliance-Beilage im Tagesspiegel

Sprecher

Prof. Dr. Wolfgang Schäffner
Tel.: +49 (0)30 2093-66257
wolfgang.schaeffner@hu-berlin.de

Antragstellende Hochschule

Humboldt-Universität zu Berlin

Kooperationspartner

Direkt beteiligte Institutionen: Charité Berlin, Freie Universität Berlin, HTW Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin, Kunstgewerbemuseum Berlin, MPI für Kolloid- und Grenzflächenforschung Potsdam, Technische Universität Berlin, Weißensee Kunsthochschule Berlin

Wichtigste Kooperationspartner (Auswahl)

Bard Graduate Center, New York; Bundesanstalt für Materialforschung und –prüfung, Berlin; École nationale supérieure des Arts Décoratifs, Paris; Universidad de Buenos Aires; Universidade de São Paulo; Wyss Institute / Harvard University

Weitere Informationen

Matters of Acitivity
Link zur Verbundwebseite

Weitere Cluster mit HU-Beteiligung

MATH+
Wie Berliner Mathematik die Zukunft gestaltet

 

Das Exzellenzcluster Math Plus
Foto: MATH+

Mit dem Forschungszentrum der Berliner Mathematik MATH+ entsteht ein institutionen- und disziplinübergreifender Exzellenzcluster, an dem Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler neue Ansätze in der anwendungsorientierten Mathematik erforschen und weiterentwickeln wollen. Im Fokus stehen mathematische Grundlagen zur Nutzung immer größerer Datenmengen in den Lebens- und Materialwissenschaften, der Energie- und Netzwerkforschung oder den Geistes- und Sozialwissenschaften. Ziel ist es, neben wissenschaftlichen Fortschritten auch technologische Innovationen und ein umfassendes Verständnis sozialer Prozesse zu forcieren. MATH+ wurde von den drei großen Berliner Universitäten – Freie Universität Berlin, Humboldt-Universität zu Berlin und Technische Universität Berlin – gemeinsam beantragt und bindet das Weierstraß-Institut für Angewandte Analysis und Stochastik sowie das Zuse-Institut Berlin konzeptionell wie strukturell ein. Es schreibt die Erfolgsgeschichten des renommierten Forschungszentrums Matheon und der Berlin Mathematical School fort, die seit 2006 durch die Exzellenzinitiative gefördert wird.

„Die Entscheidung der Deutschen Forschungsgemeinschaft, den Exzellenzcluster MATH+ zu fördern, bestätigt die herausragende Stellung Berlins als international exzellenter Standort, an dem die Mathematik in ihrer gesamten Breite, von der reinen Theorie bis hin zu einer großen Vielzahl mathematischer Anwendungsfelder, vorangetrieben wird“, betont Professor Martin Skutella von der Technischen Universität Berlin und einer der drei Sprecher von MATH+. Die konsequent interdisziplinäre Ausrichtung von MATH+ werde dazu beitragen, Fortschritte bei so wichtigen Zukunftsthemen wie der nachhaltigen Energieversorgung, der individualisierten Medizin oder auch der Analyse sozialer Prozesse zu erzielen.

„Unsere Forschung wird durch einen Transferbereich komplementiert, dessen Aufgabe es ist, Forschungsergebnisse möglichst zeitnah in Industrie und Gesellschaft zu bringen“, erläutert Clustersprecher Professor Michael Hintermüller von der Humboldt-Universität zu Berlin.

Das Forschungsprogramm von MATH+ geht aber weit über die technologie-orientierte Forschung hinaus. „Unser Ziel ist es, in ausgewählten Zukunftsfeldern mit Mathematik neue Themen zu erschließen“, erklärt der dritte Sprecher, Professor Christof Schütte von der Freien Universität Berlin. „Dabei denken wir an ungewöhnliche und neue Kooperationen zu gesellschaftlich relevanten Themen, insbesondere mit Kollegen aus den Geistes- und Sozialwissenschaften.“ Neben konkrete Forschungsprojekte soll hier ein neues kreatives Element treten, das „Topic Development Lab“: Es schafft intellektuelle Freiräume und bietet einen Rahmen für ganz unterschiedliche Formate. Hier sollen weltweit renommierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus allen Disziplinen zusammenkommen und neue Forschungsthemen explorieren. Darüber hinaus wird MATH+ selbst zum Forschungsobjekt: Im Rahmen einer soziologischen Untersuchung soll analysiert werden, welche Rolle der Exzellenzcluster in der Karriere-Entwicklung junger Mathematikerinnen einnimmt, wie er sich auf Karriere-Entscheidungen und die akademische Auswahlprozesse auswirkt.

MATH+ will nachhaltig auf die Entwicklung der Mathematik in Deutschland und der Welt ausstrahlen. Deshalb wird der Ausbildung in Studium und Forschung höchste Bedeutung zugemessen. Hier baut MATH+ auf eine Weiterentwicklung der international renommierten Berlin Mathematical School (BMS), unter anderem mit dem Ziel, die Karrierelücke zwischen der Phase als Postdoktorandin oder -doktorand und einer Professur zu schließen.

Sprecher

Prof. Dr. Michael Hintermüller (Humboldt-Universität zu Berlin)
Tel.: 030 2093-2668
hint@math.hu-berlin.de

Prof. Dr. Christof Schütte (Freie Universität Berlin),
Tel.: 030 838-75353
schuette@mi.fu-berlin.de

Prof. Dr. Martin Skutella (Technische Universität Berlin)
Tel.: 030 314-78654
martin.skutella@tu-berlin.de

Antragstellende Forschungsinstitutionen:

Technische Universität Berlin (Sprecherhochschule)

Freie Universität Berlin

Humboldt-Universität zu Berlin

Kooperationspartner

  • Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (BBAW)

  • Deutsches Archäologisches Institut (DAI)

  • Ferdinand-Braun-Institut, Leibniz-Institut für Höchstfrequenztechnik (FBH)

  • Helmholtz Zentrum Berlin für Materialien und Energie (HZB)

  • Max Delbrück Centrum für molekulare Medizin (MDC)

  • Max-Planck-Institut für molekulare Genetik (MPIMG)

  • Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB)

  • Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK)

  • Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB)

Weitere Informationen

Link zur Verbundwebseite

 

NeuroCure
Neue Perspektiven in der Therapie neurologischer und psychiatrischer Erkrankungen

 

Das Exzellenzcluster NeuroCure
Foto: Andreas Horn

Der neurowissenschaftliche Exzellenzcluster NeuroCure wird bereits seit 2007 im Rahmen der Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder an der Charité – Universitätsmedizin Berlin gefördert und kann nun seine erfolgreiche Arbeit fortsetzen. Die Erforschung von neurologischen sowie psychiatrischen Krankheitsmechanismen und die Übertragung grundlagenwissenschaftlicher Erkenntnisse in klinisches Handeln, kurz: Translation, stehen im Zentrum des interdisziplinären und internationalen Konsortiums. NeuroCure wird sich in Zukunft mit Projekten aus dem gesamten Lebensbereich – von der embryonalen Entwicklung bis ins hohe Alter – beschäftigen und neue innovative Module etablieren, die den Translationsprozess beschleunigen.
NeuroCure ist an der Charité – Universitätsmedizin Berlin, der gemeinsamen medizinischen Fakultät von Freier Universität Berlin und der Humboldt-Universität zu Berlin – angesiedelt und kooperiert eng mit verschiedenen außeruniversitären Forschungseinrichtungen.

„Unser Ziel ist, Erkenntnisse aus der neurowissenschaftlichen Grundlagenforschung noch erfolgreicher als bisher in die klinische Anwendung zu überführen und neue therapeutische sowie diagnostische Ansätze für Patientinnen und Patienten zu entwickeln,“ sagt Prof. Dietmar Schmitz, Direktor des Neurowissenschaftlichen Forschungszentrums an der Charité und Sprecher des Clusters.

Die Untersuchungsansätze reichen von molekularen Methoden über bildgebende Verfahren bis zu verhaltensbiologischen und neuropsychologischen Untersuchungen. Dabei stehen Entwicklungsstörungen, aber auch Erkrankungen wie Parkinson, Multiple Sklerose, Demenz und Epilepsie sowie verschiedene psychiatrische Krankheitsbilder wie Schizophrenie, Sucht und Depression im Vordergrund. „Mit unserer Forschung möchten wir übergreifende Mechanismen über die Entstehung und die Verläufe von neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen identifizieren und uns nicht allein auf eine spezifische Krankheit des zentralen Nervensystems fokussieren. Dabei ist unsere interdisziplinäre Zusammenarbeit sehr wichtig, damit wir aussichtsreiche Therapien entwickeln können“, erklärt Dietmar Schmitz. Um die Forschung der Neurowissenschaftlerinnen und -wissenschaftler zu unterstützen, werden Know-how und hochmoderne Geräte in zentralen Einrichtungen zur Verfügung gestellt.

Zur Förderung der klinischen Forschung wird das bereits etablierte NeuroCure Clinical Research Center durch das Modul 'BrainLab' erweitert. Zukünftig werden in enger Zusammenarbeit mit den klinischen Bereichen der Neurochirurgie und der neurologischen Intensivstation Behandlungswege insbesondere für akute und hyperakute Erkrankungen entwickelt. Dies ermöglicht eine noch umfassendere Erforschung verschiedenster neurologischer Krankheitsbilder.

Das Mentoring-Programm 'SPARK-Berlin' soll die Umsetzung von Ergebnissen aus der Forschung in klinisch-relevante Arzneimittel und Diagnostika beschleunigen.

Mithilfe des 'VOS-Moduls' (Value and Open Science) soll die Vorhersagekraft und Reproduzierbarkeit der Forschung verbessert werden; zudem soll ein freier Zugang zu den Resultaten der wissenschaftlichen Arbeiten ermöglicht werden.
„Gerade durch die Schaffung dieser neuen strukturellen Module, der Vernetzung der laufenden Forschungsaktivitäten sowie durch die Rekrutierung exzellenter Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler wird der neurowissenschaftliche Standort Berlin beständig ausgebaut“, so Schmitz.

Zu den Partnern von NeuroCure zählen das Deutsche Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE), das Leibniz-Forschungsinstitut für Molekulare Pharmakologie (FMP) und das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC). Auch wird die Zusammenarbeit mit den beiden transnationalen Forschungszentren, dem Berliner Institut für Gesundheitsforschung/Berlin Institute of Health (BIH) und dem Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE), weiter ausgebaut.

Sprecher

Prof. Dr. Dietmar Schmitz (Charité – Universitätsmedizin Berlin)

Antragstellende Hochschulen

Freie Universität Berlin und Humboldt-Universität zu Berlin als Trägerinnen der Charité – Universitätsmedizin Berlin

Beteiligte Institutionen

Helmholtz Gemeinschaft (Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen/DZNE

Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin/MDC), Leibniz-Forschungsinstitut für Molekulare Pharmakologie (FMP)

Max-Planck Gesellschaft (MPIIB)

Kooperationspartner

Berliner Institut für Gesundheitsforschung/Berlin Institute of Health (BIH)

Deutsche Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE)

Max-Planck-Institut für Bildungsforschung (MPIB)

Weitere Informationen

Link zur Verbundwebseite

 

Science of Intelligence (SCIoI)
 

Science of Intelligence
Foto: Oliver Brock

Künstliche Intelligenz (KI) wird unseren Alltag grundlegend verändern – so sagen es wissenschaftliche Studien vor- aus. Der Exzellenzcluster Science of Intelligence (SCIoI) beschäftigt sich ganz grundlegend mit allen Facetten der Intelligenz: Welche fundamentalen Prinzipien liegen den unterschiedlichen Formen von Intelligenz zugrunde? In dem Cluster kooperieren Forschende aus den unterschiedlichsten Fachrichtungen, von der Psychologie, der Medizin, der Robotik bis hin zur Philosophie, daher ist die Begriffsschärfung ein wesentliches Etappenziel.

 

„In der Informatik und Robotik definieren wir künstliche Intelligenz als ein Verhalten bei technischen Systemen, das wir bei biologischen Systemen als intelligent bezeichnen würden“, sagt Verena Hafner, Professorin für Adaptive Systeme an der Humboldt-Universität. „Nicht nur Menschen, sondern auch einzelne Tiere, Fischschwärme oder Roboter können intelligent sein. Intelligentes Verhalten bei künstlichen Systemen kann völlig anders aussehen als bei Menschen.“

Ihr Kollege John-Dylan Haynes, Professor für Psychologie und Neurowissenschaften an der Humboldt-Universität und der Charité – Universitätsmedizin Berlin, definiert Intelligenz so: „In der Psychologie hat die Intelligenzforschung eine lange Tradition. Der berühmte Intelligenzquotient gilt dort als Maß für geistige Leistungsfähigkeit. Aber auch die psychologischen Intelligenzforscher finden nur schwer eine gemeinsame Definition. Es gibt immer noch keine Einigkeit über die Grundmechanismen menschlicher Denkprozesse.“ Sabine Ammon hält die Spannungen zwischen den Disziplinen für unvermeidbar: „Wir können sie aber produktiv nutzen und Unstimmigkeiten als Auslöser neuer Denkansätze sehen“, sagt die Professorin für Philosophie an der Technischen Universität Berlin. „Allein in der Philosophie versuchen wir seit mehr als 2000 Jahren das Denken zu verstehen. Was heute als Intelligenz diskutiert wird, wurde zu anderen Zeiten Verstand oder Geist genannt.“

In einem Programm wird jede neue Theorie nachgebaut

Damit bei so unterschiedlichen Zugängen Zusammenarbeit überhaupt gelingen kann, haben sich die Forschenden vorab auf ein paar zentrale Kriterien für Intelligenz geeinigt: Sie ist anpassbar, liefert nicht nur Lösungen für Nischenprobleme, sondern ist in vielen Anwendungssituationen einsetzbar. „Intelligente Lösungen sind elegant und effektiv, sie arbeiten nicht mit der Brechstange. In einem Schachcomputer werden mit viel Rechenleistung alle denkbaren Handlungsoptionen durchgespielt. Die meisten Alltagsprobleme sind aber mit hohem Zeitdruck verbunden. Da bleibt keine Gelegenheit, alle Optionen durchzuspielen“, erläutert Haynes. „Intelligent ist es, die erfolgversprechendsten Lösungsoptionen auf effektive Weise herauszufiltern und nur diese auszuprobieren.“

Neben dieser gemeinsamen Arbeitsdefinition spielen künstliche Systeme eine zentrale Rolle im Cluster. „Jede neue Theorie wird in einem Roboter oder einem Computerprogramm nachgebaut. Damit können wir testen, ob das System sich wirklich intelligent verhält“, sagt Verena Hafner. „Das ist keine Einbahnstraße. Das Verhalten der künstlichen Systeme hilft uns, bessere Fragen an natürliche Systeme zu stellen. Diese Schleife – von der Natur zum Roboter und wieder zurück – ist ein zentrales Arbeitsprinzip im Cluster.“

 

Dabei setzen die Forschenden voraus, dass der Intelligenzbegriff nicht statisch ist. „Menschliche Intelligenz entsteht immer im Austausch von Kultur und Technik. Durch den Einsatz intelligenter Maschinen und Systeme werden sich unsere Kulturtechniken verändern – und damit auch das, was wir als intelligentes Verhalten bezeichnen“, sagt Sabine Ammon.

Die Auswirkungen des wachsenden Anteils künstlicher Intelligenz in unserem Alltag zu erforschen, gehört ebenfalls zu den Zielen von SCIoI. „Laut einer Forschungsarbeit aus dem Jahr 2013 sollten potenziell 47 Prozent aller Jobs durch Computer ersetzt werden. Diese Studie wurde damals in allen Medien zitiert“, erinnert sich Haynes. Bei genauerer Betrachtung zeigte sich aber: Die Studie war zu undifferenziert, und die Einschätzung musste stark relativiert werden.

Lehrer sind absehbar nur schwer durch Maschinen zu ersetzen

Heute geht man von viel geringeren Quoten aus, einige Studien sehen sogar eine Nettozunahme der Arbeitsplätze. „Im Zuge technischer Entwicklungen sind schon immer einige Berufe obsolet geworden. Heute bedauert niemand, dass es keine Lieferanten für Eisblöcke, Gaslampenanzünder, Liftboys oder Telefonvermittler mehr gibt“, sagt Haynes. „Berufe, die manuelle Geschicklichkeit oder soziale Interaktionen und Einfühlungsvermögen erfordern, wie Friseur und Lehrer, sind absehbar nur schwer durch Roboter zu ersetzen. Entscheidend ist jedoch, dass es uns gelingt, eine harmonische Partnerschaft zwischen Mensch und Maschine zu erreichen. Gerade im Zusammenspiel zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz liegt ein großes Potenzial.“

Die aktuellen Veränderungen sehen die Forschenden als eine Aufforderung, aktiv zu werden. Niemand ist in der Lage, gesellschaftliche Veränderungen vorauszusehen. Daher können Überlegungen über zukünftige Entwicklungen nur aus der Erfahrung der Gegenwart heraus angestellt werden. Inwiefern diese Voraussagen Wirklichkeit werden, liegt auch in der Hand der Gesellschaft.

„Das Thema künstliche Intelligenz polarisiert: paradiesartige Verheißungen treffen auf Weltuntergangsängste. Hinzu kommt das Gefühl einer großen zeitlichen Beschleunigung der technologischen Veränderungen und die Sorge, vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden“, sagt Ammon. „Aber ich bin optimistisch, dass unsere Gesellschaft robust genug ist, angemessene Antworten auf die neuen Herausforderungen zu finden.“ Ein Schlüssel liege sicherlich im Faktor Zeit. „Es braucht einen gesellschaftlichen Dialog und ausreichend Zeit für Lernprozesse und die Ausgestaltung der neuen Technologien im Einklang mit unseren Wertvorstellungen.“

Autorin: Katharina Jung

Sprecher

Prof. Dr. Oliver Brock, Technische Universität Berlin

Antragstellende Hochschulen

Humboldt-Universität zu Berlin, Technische Universität Berlin

Partnerinstitutionen

Charité – Universitätsmedizin Berlin, Freie Universität Berlin, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung Berlin, Universität Potsdam

Kooperationspartner

Internationale Kooperationen: MIT (Center for Brains, Minds, and Machines); University of Oxford; Aarhus University (Interacting Minds Center);
Nationale Kooperationen: Bernstein Center for Computational Neuroscience Berlin, Einsteincenter Neuroscience
Kooperationen mit der Industrie: Amazon Development Center Berlin, Datalab Volkswagen AG, PSIORI, mindX, Hypoport

Weitere Informationen

Link zur Verbundwebseite

 

Humboldt-Universität zu Berlin | Presseportal | Themen | Durch die Nacht mit Alexander

Durch die Nacht mit Alexander

Die HU bei der Langen Nacht der Wissenschaften im Zeichen des 250. Geburtstags von Alexander von Humboldt


Alexander von Humboldt war ein unermüdlicher Wissenschaftler, voller Taten- und Wissensdrang. Bis tief in die Nacht saß er an seinen Experimenten und Schriften, wenige Stunden Schlaf reichten ihm aus. Mit dem Entdecker als Begleiter lädt die Humboldt-Universität zu Berlin in der Langen Nacht der Wissenschaften am 15. Juni 2019 zu einer Forschungsreise von den Anden bis nach Asien ein.

Termine

 

Archäologie und Alexander von Humboldt

 

Ab 17 Uhr
Experiment
Hauptgebäude der Humboldt-Universität zu Berlin (HU), Unter den Linden 6, 10117 Berlin

Was hat die Klassische Archäologie mit Alexander von Humboldt zu tun? Sehr viel! Zwar reiste der Universalgelehrte vor allem nach Südamerika und beobachtete die Natur, aber er nutzte Arbeitsweisen, die in der Archäologie aktueller sind als je zuvor. Er sah die Natur und den Menschen als Verbund und beobachtete und vermaß dabei alles ganz genau. Und eben dies macht auch die Archäologie: Sie rekonstruiert vergangene Lebenswelten und zeigt, wie die Menschen im Naturraum Häuser, Städte und Bildwerke erschufen. Wir laden Sie ein, im Humboldt‘schen Sinne neue Welten der Antike zu entdecken!

 

Alexander von Humboldt als Mitbegründer der modernen Klimaforschung

 

18 Uhr
Vortrag
Tieranatomisches Theater, Philippstraße 13, 10115 Berlin

Prof. Dr. Wilfried Endlicher, Geographisches Institut

Alexander von Humboldt gilt durch seinen integrativen Ansatz von Natur und Mensch in der Landschaft als Mitbegründer der modernen Geographie. Er nahm die neuesten Messinstrumente mit auf seine Forschungsreisen und dokumentierte die empirisch gefundenen Ergebnisse. Der Vortrag beschreibt einige wichtige Folgen für die geographische Teildisziplin Klimatologie: eine neue Definition von Klima, die kartographische Darstellung tropischer Höhenstufen und ihr Bezug zur Pflanzenwelt sowie die Auswirkungen des Kaltwasserauftriebs an der Pazifikküste Südamerikas, den nach ihm benannten Humboldt-Strom.

 

Lesecafé und Hörspielabend: Humboldt im Gespräch mit Bonpland

 

18-22 Uhr
Hörspiel
Hauptgebäude der Humboldt-Universität zu Berlin (HU), Unter den Linden 6, 10117 Berlin

 

Im Universitätscafé c.t. können Sie sich in die Welt von Alexander von Humboldt und Aimé Bonpland zurück versetzen lassen, wenn Sie den Dialogen der beiden in einer Hörspielserie der Deutschen Welle lauschen. Möglicherweise ist Alexander höchstselbst am Schmökern an den Büchertischen der Universitätsbibliothek.

 

Wieviel Humboldt steckt im Humboldt Forum?

 

18:30 Uhr
Vortrag
Tieranatomisches Theater, Philippstraße 13, 10115 Berlin

Lavinia Frey, Geschäftsführerin
Programme und Projekte des Humboldt Forums im Berliner Schloss

Das nach den Brüdern Alexander und Wilhelm von Humboldt benannte Humboldt Forum im Berliner Schloss ist weit mehr als ein konventionelles Museum. Es ist ein Ort des Diskurses und der Begegnung, des Experiments und des Lernens, des Rückblickens und der Vorausschau. Der Vortrag stellt Bezüge her zwischen dem Humboldt Forum und dem Humboldt’schen Kosmos der Interdisziplinarität und Weltoffenheit. Er zeigt das Forum als Ort der Wissenschaft, Kunst und Kultur, an dem globale Fragen thematisiert werden und die Bereitschaft besteht, mit weltoffenem Blick neue Wege zu beschreiten.

 

Wann log Humboldt?

 

20.15 Uhr
Vortrag
Tieranatomisches Theater, Philippstraße 13, 10115 Berlin

Prof. Dr. Olaf Müller, Institut für Philosophie

Zwar kann man das Wechselspiel zwischen Humboldt und Goethe als Geschichte der gegenseitigen Bereicherung und Bewunderung erzählen, aber im Lichte damals vertraulicher Humboldtbriefe an Dritte stellt sich die Sache in fatalem Licht dar: Nach Goethes Tod äußerte sich Humboldt überaus negativ über Goethes Lieblingsprojekt (die Farbenlehre von 1810) und behauptete, seit jeher gegenüber Goethe keinen Hehl aus seiner Kritik gemacht zu haben. Davon hat Goethe nichts bemerkt, und Humboldts frühere Briefe in dieser Sache waren alles andere als negativ. Wann und warum hat er gelogen? Für alle, die sich auch für die dunklen Seiten der beiden Genies interessieren.

 

Alexander von Humboldt und Japan

 

19.00 Uhr (Wdh.: 21.00 Uhr)
Vortrag
Tieranatomisches Theater, Philippstraße 13, 10115 Berlin

Beate Wonde, Institut für Asien- und Afrikawissenschaften

Auch wenn man bei den Gebrüdern Humboldt nicht automatisch Asien vor Augen hat, lag bei beiden ein starkes Interesse gerade auch an Japan vor. Wilhelm von Humboldt hatte sich im Zuge seiner sprachwissenschaftlichen Recherchen mit der japanischen Sprache befasst, während Alexander sich die „Verbindung mit fremden Erdtheilen“ zur Lebensaufgabe erkoren hatte. Für Alexander von Humbdolt war Japan stets im Fokus seines Interesses. Die Einbeziehung von Philipp Franz von Siebold und Wilhelm Heine in sein wissenschaftliches Netzwerk erlaubte es ihm, Japan in den narrativen Rahmen seines Kosmos einzubeziehen.

 

Weitere Informationen

Webseite der Langen Nacht der Wissenschaften

Das Programm der HU zum 250. Geburtstag Alexander von Humboldts

Kontakt

Boris Nitzsche
Stellvertretender Pressesprecher
Humboldt-Universität zu Berlin

Tel.: 030 2093 2945
boris.nitzsche@hu-berlin.de

Humboldt-Universität zu Berlin | Presseportal | Themen | Zurück aus der Vergangenheit

Zurück aus der Vergangenheit

Alexander von Humboldts Einträge im Pageflow der Humboldt-Universität


Alexander ist zurück aus der Vergangenheit. Seine Erkenntnisse und Erlebnisse schreibt er für uns im Pageflow der Humboldt-Universität auf.

Weitere Informationen

Humboldt-Universität zu Berlin | Presseportal | Themen | „Je mehr Experimente, desto besser!“

„Je mehr Experimente, desto besser!“

Dr. Gorch Pieken, leitender Kurator für die Auftaktausstellung der HU im Humboldt Forum, gibt Einblicke in die Konzeption


Teamsitzung
Teamsitzung: Frauke Stuhl, Andreas Geißler, Friedrich von Bose,
Gorch Pieken und Katja Widmann (v.l.n.r.) Foto: Matthias Heyde

Wenn das Humboldt Forum im Berliner Stadtschloss eröffnet, wird dort auch die Humboldt-Universität zu Berlin (HU) mit einer Ausstellung in eigenen Räumen auf etwa 750 Quadratmeter Fläche vertreten sein. Die Schau soll einen Beitrag zu zentralen Themen der Gegenwart leisten – Studierende, Forschende, Besucherinnen und Besucher können sich dabei einbringen. Einblicke in die Planung gibt Dr. Gorch Pieken, der leitende Kurator.

Herr Dr. Pieken, womit befasst sich die Auf­taktaustellung?

Sie wird sich hauptsächlich mit den gegenwärtigen politischen und wissen­schaftlichen Herausforderungen des so­genannten Anthropozäns befassen und diesbezüglich insbesondere mit den Be­ziehungen zwischen Menschen, Umwelt und Ordnungen.

Mit welchen Partnern und Disziplinen aus der Universität arbeiten Sie und Ihr Team dafür zusammen?

Die Räume der HU im wiedererrichteten Stadtschloss werden ein Forum für die gesamte Universität sein. Wir arbeiten mit vielen Fachdiszi­plinen und Instituten sowie mit fünf Ex­zellenzclustern, die 2018 bewilligt wur­den und an denen die HU beteiligt ist, zusammen. Wich­tig ist uns auch die Kooperation mit an­deren Universitäten und wissenschaft­lichen Einrichtungen; sie erweitert das Themenfeld, ermöglicht die Leihnahme von seltenen Objekten und Dokumenten und vergrößert Spielräume durch Tei­lung der Aufwendungen.

Geplant ist auch der enge wissenschaft­liche Austausch mit außereuropäischen Partnern. In welcher Form werden sie mitwirken?

In allen Bereichen der Ausstellung fin­det die Arbeit im internationalen Rah­men statt. Wenn die Besucherinnen und Besucher die Ausstellung betreten, dann erwartet sie eine Welt des Perspektiven­wechsels. Globale Phänomene werden bis auf regionale Ebenen heruntergebro­chen. Der Exzellenzcluster „Contesta­tions of the Liberal Script“, mit dem wir zusammenarbeiten, kooperiert beispiels­weise mit wissenschaftlichen Einrichtun­gen in der ganzen Welt und arbeitet auf der Basis der „doppelten Reflexivität“.

Was bedeutet das?

Damit ist unter anderem gemeint, dass die Forschenden selbst Teil eines west­lich/westeuropäisch geprägten Wissen­schaftsbetriebs sind und dass sie sich dessen bewusst sind. Die doppelte Re­flexivität ist hierbei auf mindestens zwei Ebenen relevant: auf der thematischen sowie auf der Ebene der Fragestellun­gen und Methoden, die von ersterer na­türlich nicht zu trennen ist. Wie dem Cluster dient auch uns diese Perspek­tive dazu, sich kritisch mit der eige­nen Wissensproduktion auseinanderzu­setzen und Wissenschaft immer auch im Kontext noch immer existierender globa­ler kolonialer Machtverhältnisse zu be­leuchten.

Wie wird die Ausstellung aussehen?

Sie wird kein großes museales Stillle­ben sein. Stramme Wegführungen wer­den durch Netzwerke ersetzt, die es den Besucherinnen und Besuchern ermög­lichen, Zusammenhänge herzustellen. Die Ausstellungsgestaltung soll sie moti­vieren und in die Lage versetzen, Spuren zu lesen – je mehr Experimente, desto besser. Die Gestaltung folgt einer Cho­reografie von Bewegung und Objekten. Die Exponate werden von einem einge­zogenen Schnürboden herabhängen und können, wo immer möglich, von den Besucherinnen und Besuchern berührt, sinnlich erfahren und auch bewegt wer­den.

Die Objektträger sind höhenver­stellbar und drehbar, zu jeder Objektsei­te wird ein anderer Kontext hergestellt. Jedes Objekt steht dabei in räumlicher und inhaltlicher Korrespondenz mit Fra­gestellungen und Themen der aktuellen Forschung. Deren Inhalte werden auf den kinetischen Projektionsflächen ei­ner 35 Meter langen Wand abgebildet. Die kinetischen Elemente sollen nicht nur auf die beweglichen Objekte reagie­ren können, sondern auch auf vorbeige­hende Besucherinnen und Besucher. Ih­re Körperhaltung und ihr Tempo werden dabei zum Bestandteil der Szenografie.

Das Interview führten Ljiljana Nikolic und Jens Wagner

Termin

Am Mittwoch, 10. April 2019 stellen Dr. Gorch Pieken und die Präsidentin der HU Sabine Kunst bei der Veranstaltung HU im Dialog um 10.30 Uhr im Grimm-Zentrum das Konzept vor.

 

Lesen Sie das vollständige Interview im Presseportal der HU.

Eine Wiederentdeckung

Die historischen Dialektaufnahmen aus dem Lautarchiv werden im Humboldt Forum zu hören sein


Die Auftaktausstellung der Universität im Humboldt Forum wird eine Sammlung ins Licht der Öffentlichkeit rücken, die bislang wenig Aufmerksamkeit auf sich zog: die historische Dialektsammlung des Lautarchivs. Diese wurde von Wilhelm Doegen, dem Begründer des Lautarchivs, in den 1920er- bis 1940er-Jahren angelegt und ist seit 1934 im Besitz der Universität. Zurzeit wird sie intensiv wissenschaftlich bearbeitet und wird auch nach dem Umzug ins Stadtschloss für wissenschaftliche Zwecke nutzbar sein.

Die 730 Dialektaufnahmen der deutschen Sprache sowie von Varietäten der ihr nah verwandten Sprachen Friesisch und Niederdeutsch wurden an zentralen Orten der jeweiligen Regionen mit dem Grammophon auf Schellackplatten aufgenommen – damals eine spektakuläre, neue Methode der Sprachforschung. Zurzeit werden sie für die Ausstellung transkribiert und übersetzt, da die Besucherinnen und Besucher die meisten Dialekte wohl nicht verstehen würden. Zudem haben sich die Dialekte im Laufe der zurückliegenden Jahrzehnte so sehr verändert, dass sie heute häufig selbst für Dialektsprecherinnen und -sprecher schwer verständlich sind.

Eine interessante Entdeckung waren rund 130 Aufnahmen aus heute teilweise nicht mehr existierenden deutschen „Sprachinseln“ in Europa. Dabei handelt es sich nicht nur um die ältesten, sondern häufig auch um die einzigen erhaltenen Tonaufnahmen einzelner Varietäten des Deutschen. Auch vor diesem Hintergrund sind die Dialektaufnahmen des Berliner Lautarchivs von besonderem Wert.

Die Dialektologie war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eng verbunden mit der Volkskunde und nicht nur wissenschaftlich motiviert. Im Zuge der Grenzziehungen des Versailler Friedensvertrages diente sie politischen Zwecken und wurde „zur Identifizierung historischer deutscher Kulturlandschaften und Siedlungsräume (…) genutzt, um Forderungen nach Grenzrevisionen eine quasi-wissenschaftliche Legitimation zu geben“ wie der Historiker Rainer Schulze in dem Band „Die „Volksdeutschen in Polen, Frankreich, Ungarn und der Tschechoslowakei: Mythos und Realität“ schreibt.

Autorin: Antonia von Trott zu Solz

Lesen Sie den vollständigen Artikel im Presseportal

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Humboldt-Universität zu Berlin | Presseportal | Themen | Auf den Spuren Alexander von Humboldts

Auf den Spuren Alexander von Humboldts

HU-Studierende berichten über ihre Erlebnisse und Forschungsergebnisse, die sie während ihrer Exkursion auf Teneriffa gesammelt haben


Als Alexander von Humboldt mit 30 Jahren zu seiner größten Forschungsreise nach Südamerika aufbrach, war Teneriffa die erste Station. Er bestieg den Pico de Teide, erforschte und dokumentierte den Vulkan sowie seine Umgebung.

Dort entdeckte Humboldt die Gesetze der Geobotanik, welche bis dahin nicht bekannt waren. Er führte Untersuchungen durch von Astronomie über Botanik bis Geologie und beobachtete Besonderheiten wie den Drachenbaum Dracaena Draco in La Orotava.

220 Jahre später im März 2019 reisen nun Geographinnen und Geographen der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) nach Teneriffa um Humboldts Fußspuren zu folgen. Die Exkursion, initiiert von Prof. Dr. Patrick Hostert vom Geographischen Institut der HU, umfasst 25 Studierende. Vor Ort untersucht die Gruppe unter anderem Höhenvegetation, Vulkangestein sowie die Kanarische Kiefer, ein endemisches Gewächs auf den Kanaren. Im Reisetagebuch berichten die Studentinnen und Studenten von ihren Erlebnissen und Forschungsergebnissen.

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Humboldt-Universität zu Berlin | Presseportal | Themen | Alexander von Humboldt-Jahr 2019

Alexander von Humboldt-Jahr 2019

Dreizehn Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen aus Berlin-Brandenburg präsentieren Aktivitäten zum 250. Geburtstag


Anlässlich des 250. Geburtstags Alexander von Humboldts informiert ein Verbund von dreizehn Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen ab dem 14. November 2018 auf einer zentralen Plattform über alle Ausstellungen, wissenschaftlichen Tagungen und Veranstaltungen im kommenden Humboldt-Jahr 2019. Ein umfassender Veranstaltungskalender gibt Auskunft über anstehende Termine des Jubiläumsprogramms und bietet weiterführende Hinweise auf die wissenschaftlichen und kulturellen Schwerpunkte und Neuigkeiten des gemeinsamen Themenjahres. Der Kalender wird im Laufe des Jubiläumsjahres kontinuierlich erweitert.

Auch die Humboldt-Universität zu Berlin (HU) informiert ab dem 14. November 2018 über ihre zahlreichen Aktivitäten im Jubiläumsjahr. Zu seinem 250. Geburtstag öffnet sich die HU allen, die sich für die große Entdeckungsreise „Forschung“ begeistern und sich von ihrem Wissensdurst und kritischem Geist führen lassen.

Weitere Informationen

Webseite zum Alexander von Humboldt-Jahr 2019

Webseite der HU zum 250. Geburtstag von Alexander von Humboldt

Humboldt-Universität zu Berlin | Presseportal | Themen | Forschen wie Alexander!

Forschen wie Alexander!

Projektausschreibung aus Anlass des 250. Geburtstags Alexander von Humboldts


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Am 14. September 2019 jährt sich der Geburtstag Alexander von Humboldts zum 250. Mal. Die Humboldt-Universität zu Berlin (HU) nimmt dieses Jubiläum zum Anlass, Leben und Werk dieses Ausnahmewissenschaftlers mit einer Festwoche öffentlich zu würdigen. Zum Jubiläum des Forschers und Entdeckers suchen wir Projekte, die seine Ideen aufgreifen, weiterführen und sein Leben und Werk reflektieren. Alle Studierenden und Mitarbeitenden der Humboldt-Universität zu Berlin können mitmachen und sich mit einem Projekt bewerben. Die ausgewählten Projekte werden auf dem Sommerfest im Rahmen der Festwoche zum Jubiläum am 29. August 2019 der Öffentlichkeit vorgestellt.

Gesucht werden Beiträge und Projekte, die Alexander von Humboldts wichtigste Themen mit neuen Ideen aufgreifen und aus aktueller Sicht beleuchten. Diese Beiträge können sich wahlweise auf laufende oder noch in der Planung befindliche Lehr- und Forschungsprojekte beziehen.

Teilnahmebedingungen

An allen eingereichten Projekten muss mindestens eine Studierende oder ein Studierender der Humboldt-Universität beteiligt sein. Hierbei kann es sich entweder um studentische Projekte oder Gemeinschaftsprojekte von Studierenden und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern handeln.

Eine Jury wählt bis zum 15. März 2019 die Projekte aus, die im Rahmen der Feierlichkeiten vorgestellt werden. Die Bewerbung und Projektvorstellung muss schriftlich in Form eines Konzepts von zwei bis drei Seiten bis zum 16. Februar 2019 unter pr@hu-berlin.de eingereicht werden.

Weitere Informationen

Kontakt

Abteilung Kommunikaton, Marketing und Veranstaltungsmanagement
Humboldt-Universität zu Berlin

pr@hu-berlin.de