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Humboldt-Universität zu Berlin | Informationen für Beschäftigte an der HU | Aktuelles | "Ich habe nie überlegt, die Uni zu verlassen"

"Ich habe nie überlegt, die Uni zu verlassen"

by Ljiljana Nikolic posted on 08.06.2020 11:46 last modified 08.06.2020 11:46

Dorothea Haselow nimmt nach 45 Jahren Abschied von Geschichten, Studierenden und Abteilungen, die sie über Jahrzehnte begleitet hat. Wie blickt sie auf ihre Zeit an der Humboldt-Universität?

Ihren Abschied hatte sich Dorothea Haselow anders vorgestellt. Mit einem selbstgemachten Salzbraten sollten am 29. Mai ihre 45 Jahre an der Humboldt Universität im Servicezentrum Forschung enden. Nicht ganz wie sie lachend hinzufügt, denn angefangen habe sie ja erst im August 1975. Zwei Monate fehlen zu den 45 Jahren. Aber irgendwann reicht es, meint Haselow schmunzelnd. Sie freut sich auf die Rente. Der Kleingarten, Theaterbesuche, Handarbeit, es gibt vieles was seit über 40 Jahren in Vollzeit und als zeitweise alleinerziehende Mutter zu kurz gekommen ist. Dass nun wegen des Corona-Virus ihr Abschiedsessen ausfällt und sie die jahrzehntelange Mitarbeit an ihrem Computer im Wohnzimmer abschließt, stimmt sie nachdenklich. Es ist eine emotionale Zeit. Als zuständige Mitarbeiterin für das Elsa-Neumann-Stipendium tröstet sie mehr als je zuvor Stipendiaten und Stipendiatinnen, die ihre Promotionszeit verlängern müssen oder nicht wissen, wann sie nach Deutschland reisen können. Aber an aufregende Zeiten ist Dorothea Haselow gewöhnt.  

Erfolgreich trotz Studienabbruchs

Als sie 1973 nach Berlin an die HU kommt, ahnt sie noch nicht, dass sie fast 50 Jahre an der Universität verbringen und in Berlin verbleiben wird. Als junge Abiturientin möchte sie Geschichte studieren, um dann schnell zurück in ihrer Heimatstadt ein Museum aufzubauen. Ein Museum in Pasewalk. Dorothea Haselow hat konkrete Pläne, und dann kommt alles anders. Nach zwei Jahren muss sie aus gesundheitlichen Gründen ihr Studium aufgeben. Aber „sie hat Glück“, wie sie als heutige Mitarbeiterin im Nachhinein resümiert. An der Humboldt-Universität werden zu dieser Zeit viele Facharbeiter*innen gesucht. Vor allem Studierende, die abbrechen, wählen diesen Weg. Dorothea Haselow ist eine von ihnen. Sie fängt in der damaligen Studienabteilung an, macht eine Ausbildung als Wirtschaftskauffrau und anschließend noch ein Fernstudium in Dokumentation. Die HU wird zur neuen Heimat. „Meine Uni“, seufzt Haselow nostalgisch. „Früher haben mich meine Freunde ausgelacht, weil ich immer von ´meiner Uni` erzählt habe“. Sie lacht. „Aber tatsächlich habe ich nie überlegt, die HU zu verlassen, weil mir die Arbeit immer Spaß gemacht hat.“

Spaß habe ihr die Arbeit vor allem wegen der jungen Leute gemacht, die sie im Laufe der Jahre betreuen konnte. Seit ihrem Beginn bis heute aus dem Homeoffice hat sie nicht nur über Stipendienmodalitäten und notwendige Bewerbungsunterlagen aufgeklärt, sondern bei unterschiedlichsten Problemen geholfen. Sie hat auf vergessene Literaturverzeichnisse hingewiesen, Erkältungstipps gegeben und Musikkonzerte in ihrem Büro erlebt. Zum Dank erreichen sie neben E-Mails von ehemals Promovierenden auch Umarmungen und Einladungen zum Kaffeetrinken. Dorothea Haselow gilt als freundlich und hilfsbereit unter den Studierenden. Ihr Geheimnis: „Ich gehe immer von mir aus, wie ich mich am Anfang an der Uni gefühlt habe. Ich war richtig schüchtern und immer froh, wenn jemand nett zu mir war.“

Neben der Arbeit mit den Studierenden gab es aber auch schwierige Momente. „Die Wende war schon eine aufregende Zeit“, erinnert sich Haselow. „Am Morgen nach dem 9. November bin ich zusammen mit einer Kollegin zur Arbeit gekommen und die Leute fuhren alle in die andere Richtung. Viele kamen nicht mehr zur Arbeit“. Auch erinnert sie sich an die Umstrukturierungen, Entlassungen und Proteste vor der Universität, die auf den 9. November folgten. „Ich habe damals in der Kommode ganz unter dem Dach gesessen. Bei Tumulten vor der Uni haben wir zunächst das Büro von innen verschlossen und sind dann auf eine Stehleiter geklettert, um vorsichtig durch die hohen Fenster zu schauen.“

Die erste elektrische Schreibmaschine war der Hit

Doch nicht nur die geschichtliche auch die rasante technische Entwicklung hat Haselow an der HU miterlebt. „Ich habe damals keine E-Mails, sondern Briefe auf einer mechanischen Schreibmaschine, dem alten Hobel, wie wir damals sagten, verfasst.“ Lebhaft erinnert sie sich, nicht an den ersten Computer, sondern an die erste elektrische Schreibmaschine, die bei ihrem damaligen Chef eines Tages auf dem Tisch stand. „Das war ein Unterschied wie Tag und Nacht“. Veränderungen habe es in ihrem Arbeitsalltag viele gegeben. Auf die Frage, ob sich bei den Studierenden seit den 70ern etwas verändert habe, schüttelt Dorothea Haselow aber nur lachend den Kopf. „Wir hatten die Sprechzeiten immer ab 9 Uhr, aber die Studierenden kommen am liebsten ab 10.30 Uhr, das hat sich nie geändert.“

 

Autorin: Stefanie Langner