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Humboldt-Universität zu Berlin | Informationen für Beschäftigte an der HU | Forschen & lehren | Ein Community-Effekt: „Wenn wir alle Masken tragen, sind wir alle besser geschützt“

Ein Community-Effekt: „Wenn wir alle Masken tragen, sind wir alle besser geschützt“

by Ljiljana Nikolic posted on 06.04.2020 10:05 last modified 06.04.2020 11:15

Prof. Dr. Regine Hengge forscht und lehrt am Institut für Biologie. Zurzeit engagiert sie sich für das Tragen einer Maske in der Öffentlichkeit zum Schutz vor dem Corona-Virus. Die Mikro- und Molekularbiologin hat eine Anleitung zum Selbernähen einer Maske kreiert und die Instagram-Kampagne @we_can_stop_corona ins Leben gerufen.

Frau Hengge, Sie posten auf Instagram und haben eine Anleitung zum Selbernähen einer Maske entworfen, das gehört nicht zum Kerngeschäft einer Biologin. Warum engagieren Sie sich?

Wir werden die immense Herausforderung durch die Corona-Krise nur bestehen, wenn alle Verantwortung übernehmen, kreativ werden und all ihre Talente und Fähigkeiten einbringen. Als Mikro- und Molekularbiologin habe ich Fachkenntnisse und ein großes Netzwerk internationaler Kolleg*innen. Ich bin aber auch in einer Familie von Graphik- und Modedesignern aufgewachsen und arbeite seit Jahren sehr interdisziplinär als Projektleiterin in den Exzellenz-Clustern ‚Bild-Wissen-Gestaltung‘ und ‚Matters of Activity‘. Schließlich bin ich seit etwa eineinhalb Jahren auf Instagram unterwegs, dessen Bedeutung für Wissenschaftskommunikation und auch als größte Kunst- und Fotogalerie der Welt im akademischen Bereich leider immer noch völlig unterschätzt wird. Alle diese Kenntnisse, Erfahrungen und Interessen kommen nun in meiner Initiative @we_can_stop_corona zusammen. Mein wichtigster Unterstützer und Mitarbeiter dabei ist mein Sohn Manos Aronis, ein weltreisender Videofilmer und Digital Content Creator, der es gerade noch mit dem letzten Flug von Cuba zurück nach Deutschland geschafft hat.

Worum geht es bei @we_can_stop_corona genau?

Es geht darum, die Menschen jetzt zu informieren, warum es wichtig ist, dass wir alle draußen eine Maske tragen und wie man sich diese Masken ganz leicht selbst machen kann. Das Prinzip ist einfach: Die Maske schützt zwar nicht mich selbst vor dem Virus, aber sie schützt andere davor, von mir angesteckt zu werden, da sie verhindert, dass ich sehr kleine, aber potenziell virenhaltige Tröpfchen versprühe – weitergedacht heißt das: Wenn wir alle Masken tragen, sind wir alle besser geschützt. Ein Community-Effekt.

Die Wichtigkeit dieses Prinzips wurde mir am 17. März klar, als mein Sohn im Flieger von Cuba saß und ich nachts nicht schlafen konnte. Aber auch damals war schon offensichtlich, dass es selbst einfache Mundschutzmasken für die ganze Bevölkerung derzeit nicht gibt – da blieb nur die Schlussfolgerung, dass wir uns Masken eben selbst machen müssten. Zwei Stunden später stand mein Entwurf für eine sehr einfach zu nähende, aber doppellagige Stoffmaske. Meine Mutter nähte den Prototyp, optimierte diesen noch etwas und schon war unsere wcsc-Maske fertig. Die von mir verfasste und gezeichnete Nähanleitung habe ich von meinen internationalen Mitarbeiter*innen und Freund*innen in viele Sprachen übersetzen lassen. Diese Anleitungen sind nun das Herzstück von @we_can_stop_corona auf Instagram. Zusätzlich geben wir interessante Informationen und Anregungen zum Coronavirus und Maskentragen, die man sonst nicht überall findet.

Das Prinzip funktioniert nur, wenn wir alle eine Maske tragen. Glauben Sie, genügend Menschen machen mit?

Zunächst geht es im Prinzip darum, die exponentielle Verbreitung des Virus (jeder Infizierte steckt beispielsweise zwei andere an) in eine lineare Verbreitung (jeder steckt maximal  einen anderen an) zu verwandeln, denn letzteres ist beherrschbar. Theoretisch müssen dazu gar nicht alle, sondern nur die Mehrheit der Infizierten daran gehindert werden, ihre Viren weiterzugeben. Am besten geht dies zunächst durch eine Kombination aus Kontaktsperre, den bekannten Hygienemaßnahmen und Maskentragen, wo immer es außerhalb des Hauses zu Kontakten kommen kann, also beispielsweise beim Einkaufen. Sobald die Kontaktsperre gelockert werden wird, dürfte das Maskentragen ganz essenziell werden, um zu verhindern, dass das zwar dezimierte, aber immer noch in der Bevölkerung vorhandene Virus zu einer neuen Runde exponentieller Verbreitung ansetzt. Ich vermute, dass wir mehrere Monate mit Gesichtsmasken herumlaufen werden, um das zu verhindern. Unsere gesellschaftliche Lernkurve in Hinblick auf das Maskentragen ist in diesen Tagen geradezu atemberaubend. Das Thema wird in allen Medien diskutiert und allein in Berlin gibt es mindestens drei Initiativen, die das Maskentragen propagieren.

Im Internet gibt es inzwischen Bastel- und Nähanleitungen für sehr unterschiedliche DIY-Masken. Welche sollten wir tragen?

In den letzten sieben Tagen gab es eine kreative Explosion, was verschiedene Designs von Masken anbelangt. Prinzipiell sollte man Einmal-Masken von nachhaltigen, wiederverwendbaren Stoffmasken unterscheiden. Die meisten Einmal-Masken sind hervorragend geeignet für den Start, wenn wir sie aber weiterhin verwenden, werden wir sehr viel Müll produzieren und zudem bald keine Staubsaugerbeutel oder Kaffeefilter mehr kaufen können... Daher sollten wir möglichst bald auf nachhaltige und doppellagige Stoffmasken umsteigen. In unsere aus einem Kissen- oder Bettbezug aus Baumwolle sehr einfach zu nähende wcsc-Maske kann man weitere Schichten Zellstoff, also beispielsweise Papiertaschentücher, einlegen. Die Maske liegt rundum gut an, sie ist durch sehr heißes Bügeln quasi-sterilisierbar und bei 90 Grad waschbar. Eine oder zwei Masken pro Person sind über längere Zeit ausreichend.

Sollten wir zukünftig auch im Büroalltag, der bei vielen mit regelmäßigen Sitzungen einhergeht, eine Maske tragen?

Vermutlich werden wir noch einige Monate bei Kontakten die Maske tragen, also auch in den Büros, sobald wir aus dem Homeoffice wieder dorthin umziehen werden. Auch Präsenzsitzungen dürften vermutlich noch für eine Weile auf ein absolut nötiges Minimum beschränkt werden, und wir werden wohl auch dort Masken tragen.

Tragen Sie selbst auch eine Maske?

Selbstverständlich trage ich meine Maske, wenn ich aus dem Haus gehe, zunächst wie eine Halskette. Sobald ich in die Nähe von Menschen komme oder in ein Geschäft gehe, streife ich sie einfach nach oben auf Mund und Nase. Von da an lasse ich die Maske auf dem Gesicht. Beim Nachhausekommen wasche ich zuerst die Hände, dann fasse ich die Maske seitlich an den Bändern und ziehe sie vorsichtig nach oben ab. Sie wird sofort ausgiebig sehr heiß gebügelt, danach wasche ich wieder die Hände. Wenn der Knoten am Anfang richtig angepasst wurde, kann er von da an drin bleiben und muss höchstens von Zeit zu Zeit ein bisschen nachangezogen werden, falls die Bänder sich beim Tragen etwas dehnen.

Wie ist das Feedback auf die Instagram-Kampagne?

Bei @we_can_stop_corona haben wir Tausende von Profilaufrufen, wobei die Leute sich leider mit abonnieren noch zurückhalten – ein bekanntes Instagram-Phänomen, es ist immer am schwierigsten, die ersten 500 Followers zu bekommen. Leider zeigt sich im Augenblick auch eine negative Seite der Algorithmen-gesteuerten sozialen Medien. Der Instagram-Algorithmus blockiert seit heute Morgen unsere Texte, weil diese als möglicherweise gefährliche Propaganda eingestuft werden! Wir hoffen dass sich dieses Problem lösen lässt. Die zweite Säule unserer Aktivität ist an der Oberfläche weniger sichtbar, jedoch sehr effektiv: Ich nütze mein berufliches und privates Netzwerk, um die pdf-Files der Nähanleitungen zu verbreiten. Überall fangen vor allem Frauen an, unsere wcsc-Maske zu nähen – sogar in noch betriebenen Kitas mit den Kindern, die großen Spaß daran haben und nebenbei viel über Hygiene lernen, geflüchtete Frauen bei der Caritas, aber auch Frauen in Italien, der Türkei, im Iran oder in Indien.

 

Verfolgen Sie die Initiative auf Instagram:

@we_can_stop_corona

bzw. am Computer-Bildschirm:

 

Prof. Dr. Regine Hengge erforscht die genetischen Mechanismen und komplexen regulatorischen Netzwerke, die dem Wachstum von bakteriellen Biofilmen zu Grunde liegen. Sie wurde mit dem Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft sowie einem ERC Advanced Grant ausgezeichnet.

 

Die Fragen stellte Ljiljana Nikolic