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Humboldt-Universität zu Berlin

„Sport ist ein Spiegel der Gesellschaft“

by Ljiljana Nikolic posted on 27.10.2020 10:07 last modified 27.10.2020 10:07

Dr. Carlos Gomez-Gonzales, Wissenschaftler der Universität Zürich, ist zurzeit Gast an der HU und forscht bis zum 15. November am Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung bei Prof. Dr. Tina Nobis, Juniorprofessorin für Sport, Integration und Migration. Es geht um die Frage, wie Diskriminierung über Sport bekämpft werden kann.

Carlos Gomez-Gonzales
Carlos Gomez-Gonzales. Foto: privat

Herr Gomez-Gonzalez, wie ist es als Gastwissenschaftler in Zeiten von Corona?

 

Ein bisschen seltsam! Ein wichtiger Teil eines Forschungsaufenthalts ist der Austausch mit Kollegen über Ideen und Projekte. Aber das ist im Moment ja kompliziert, ich habe das Gefühl, dass ich diese Erfahrung verpasse. Andererseits bringt die Situation auch mehr Zeit mit sich, um unabhängig zu arbeiten und Alternativen zu erkunden.

 

Was erforschen Sie an der HU?

 

Ich kam für ein paar Monate zur HU, um die Grundlagen für ein Experiment vorzubereiten, das ich nächstes Frühjahr hoffentlich in Kollaboration mit Tina Nobis und meinen Kollegen Cornel Nesseler (NTNU) und Helmut Dietl (UZH) durchführen werde. Was das ist, kann ich nicht sagen, es ist top secret! (Er lacht.) Wir erforschen anhand von Sport, mit welchen Problemen und Grenzen Minderheitengruppen in der heutigen Gesellschaftlich, besonders im Sport, konfrontiert sind.

 

Wie sind Sie zu diesem Forschungsthema gekommen?

 

Ich habe im letzten Jahr einen PhD in Wirtschaftswissenschaften erworben und habe einen Background in Sportwissenschaft. Diese Kombination gibt mir eine singuläre Perspektive, um Sport so zu verwenden, wie ich es nun in meiner Forschung tue. Sportwirtschaft und Sportmanagement sind zwei wichtige Bereiche hier in Deutschland.

 

Sie benutzen Sport, um Ungleichheit und soziale Probleme zu erforschen. Warum Sport?

 

Er ist ein wesentlicher Teil unseres Alltags. Kein anderer Bereich hat einen so starken sozialen Einfluss. Die Zahl der Menschen, die Sport treiben, anschauen oder täglich über ihn sprechen, ist unglaublich. Selbst internationale Institutionen wie der Rat der Europäischen Union erkennt Sport, insbesondere auf Amateur-Niveau, als ein Instrument sozialer Integration und Inklusion an. Trotzdem ist das nicht immer der Fall. Wir müssen mehr darüber erfahren, wie Sport funktioniert. Das wird uns sehr viel darüber sagen, wie Gesellschaft funktioniert.

 

Wie kommen Sie vom Bereich des Sports auf Aussagen über die Gesellschaft?

 

Für mich ist Sport ein Spiegel der Gesellschaft. Ich kann darin nichts anderes sehen. Wie Menschen im Sport interagieren gibt Aufschluss darüber, wie sie es in anderen sozialen Feldern tun. Ich kann dem Konzept der Stärke schwacher Bindungen des Soziologen Mark Granovetter sehr viel abgewinnen. Die Bindungen und Beziehungen, die Menschen heute in freundlichen Umgebungen aufbauen, wie Sportwettkämpfen oder Trainings, können zu stärkeren Bindungen in den Bereichen Beschäftigung, Unterkunft oder Bildung führen. Das ist vor allem für Minderheitengruppen wichtig, die üblicherweise über ein begrenzteres Netzwerk verfügen.

 

Sie haben unter verschiedenen Namen Anfragen nach Probetrainings an verschiedene Amateur-Fußballvereine in der Schweiz geschickt. Was ist daraufhin passiert und was haben Sie gelernt?

 

Wir haben entdeckt, dass Amateurclubs nicht so offen sind, wie man denken würde. Hat man einen fremd klingenden Namen, mindert das die Chancen, eine Zusage zu bekommen, dem Club beizutreten. Für dieses Experiment haben wir E-Mails benutzt. Frühere Studien zeigten schon einen ähnlichen Effekt, wenn man versucht, eine Arbeitsstelle zu finden, eine Wohnung oder eine Mitfahrgelegenheit. Aber das war das erste Paper, das den Effekt im Sport zeigte. Das öffnet auch ein Fenster zu mehr Forschung in der Zukunft, um zu verstehen, wie wir den Zugang zu einem System verbessern können, das eigentlich schon offen sein sollte.

 

Wie kann Ihre Forschung der Gesellschaft noch nützen?

 

Die Forschung findet Vorurteile (biases) gegen Individuen mit anderen Hintergründen in vielen sozialen Bereichen und eben auch im Sport. Ein Bewusstsein dafür auszubilden und zu sensibilisieren, ist wichtig, um diese Diskriminierung auszurotten, aber ich glaube nicht, dass das ausreichend ist. Ich hoffe, meine Forschung kann dazu beitragen, dass Organisationen informierte Entscheidungen treffen und dass sie Regeln umsetzen können, die Vorurteile abbauen und Sport zu einem diversen und inklusiven Umfeld machen.

 

Die Fragen stellte Vera Görgen