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Humboldt-Universität zu Berlin

Humboldt-Spektrum 2/2005

Editorial

Studienreform?
Lehren und Lernen an der Humboldt-Universität jenseits der Leerformel

Susanne Baer

»Studienreform«. Viele reagieren heute entnervt, gelangweilt oder zynisch, wenn der Begriff fällt. »Studienreform« ? das Wort ist zur Leerformel und Projektionsfläche geworden. Wenn wir allerdings die Chancen nutzen wollen, die in jeder Reform liegen,dann sollten wir uns ins Gedächtnis rufen, was wirklich in Sachen Studium und Lehre ansteht. Denn europäische Integration und globaler Wettbewerb haben als Bologna-Prozess die deutschen Hochschulen zwar mit einer Welle des Reformdrucks überspült. Sie haben Strukturen und Begriffe verändert ? Module, Studienpunkte, Bachelor, Master ? und manche haben das als Zumutung und als Angriff auf die Universität empfunden und entsprechend reagiert: Abwarten, sich verweigern, Umgehungsstrategien finden. Aber es gibt auch eine andere, produktivere Sicht der Dinge.

Tatsächlich vollzieht die Humboldt-Universität einen Paradigmenwechsel. Ein Studium ist nicht mehr eine Abfolge von Lehrveranstaltungen, sondern Studiengänge zielen heute auf einen bestimmten Erfolg, auf einen Output. Es geht um gezielte Vermittlung von Kompetenzen, die im Verlauf des Studiums erworben werden können. Studierende erhalten eine zuverlässige Basis für wissenschaftliches Arbeiten, also für eigenständiges kreatives und kritisches Denken. Sie sollen Grundlagen- und Orientierungswissen und auch Schlüsselqualifikationen erwerben, also forschend lernen, durch forschende Lehre. Das Studium vermittelt nach diesem Verständnis zunächst die Chance zur Selbstentfaltung und eröffnet danach bestenfalls die Chance zur Selbstverwirklichung im Erwerbsleben.

So stellt sich zentral die Frage: Was hat Wissenschaft in welcher Form wem heute anzubieten? Und konkreter: Wie finden wir frühzeitig heraus, wer wirklich neugierig und wer nur orientierungslos an die Hochschule kommt? Wir werden künftig Studierende selbst auswählen ? und ein Ziel sollte sein, wirklich vorurteilsfrei Zugang zum Studium zu eröffnen, denn Studieren wird spannender, wenn Männer und Frauen unterschiedlichen Alters, mit unterschiedlicher Biografie, Herkunft und Lebensform zusammen denken. Hier werden wir auch die Internationalisierungsstrategie fortsetzen, die in den letzten Jahren erfolgreich entwickelt worden ist. Wir werden Studierende noch intensiver beraten und betreuen ? um Orientierung zu geben, die Studieren erst ermöglicht. Und wir können dann von allen, von Studierenden wie von Lehrenden, gleichermaßen Motivation und Einsatz erwarten.

Oder: Wie sorgen wir dafür, dass Lehre didaktisch optimal gestaltet wird? Erfolgreich läuft das Programm zur Unterstützung multimedialer Lehre. Die neuen Studiengänge bieten stärker als bisher die Chance, Lehrveranstaltungsformen im besten Humboldt´schen Sinne prominent zu platzieren: Forschungs- und Projektseminare, Team-Teaching für transdisziplinäre Lehre, Graduiertenkolloquien für forschendes Lernen auf hohem Niveau. In der Nachwuchsförderung können wir die Fähigkeit zum Wissenstransfer als Schlüsselqualifikation für Lehrende ausbilden.

Eine weitere Frage: Wie können wir Rahmenbedingungen schaffen, in denen Studierende sofort begreifen, dass Universität anders funktioniert als Schule, Ausbildung oder auch Fachhochschule, weil sie selbständiger sein müssen, intellektuell intensiv gefordert sind, eigene Grenzen überschreiten sollen, um Neues zu erfahren? Studium und Lehre an der Humboldt-Universität sollten es Lehrenden ermöglichen, ihre Begeisterung für ein Fach nicht im bürokratisierten Massenalltag zu verlieren, sondern in Hörsaal und Seminarraum ausleben zu können, und sie sollten es Lernenden ermöglichen, sich begeistern zu lassen, anstatt nur Räume, Punkte und Prüfungen zu suchen. Hier werden Beratungsangebote der Fakultäten, Mentoring und Tutorien, aber auch zentrale Dienstleistungen wie die Online-Prüfungsverwaltung künftig eine noch wichtigere Rolle spielen.

Wie lässt sich also wirklich reformiert studieren ? und nicht nur organisieren und administrieren? Die Evaluation nicht nur von Studiengängen, sondern auch einzelner Lehrveranstaltungen wird uns Wissen zur Verfügung stellen, um Bachelor und Master anspruchsvoll und studierbar zu gestalten. Da müssen erste Entwürfe im Lichte der Erfahrungen selbstkritisch diskutiert werden. Ein Ziel wird es sein, unsere Schwerpunkte und Leistungen der Forschung auch im Studium sichtbar werden zu lassen. Wir können die Humboldt-Universität zu einem Ort machen, an dem »Exzellenz« die Forschung und das Gespräch zwischen Studierenden und Lehrenden prägt. Spitzenforscherinnen und -forscher sollten schon Erstsemester faszinieren, und die Innovationskraft des wissenschaftlichen Nachwuchses, also beispielsweise der Juniorprofessuren und Forschungsgruppen, sollte im Studium spürbar sein.

Studium - das ist ein Angebot, zu erleben, was Wissenschaft heute zu bieten hat. Wenn Studienreform das bedeutet, dann können Lehrende, Studierende und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Servicebereichen die Leerformeln ad acta legen und wirklich Reformen realisieren.

Prof. Dr. Susanne Baer
Vizepräsidentin für Lehre und Studium der Humboldt-Universität zu Berlin