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Humboldt-Universität zu Berlin

Humboldt-Spektrum 3/2006

Editorial

Berlin - Stadt der Wissenschaft im Aufbruch

Innerhalb weniger Tage erhielten wir in Berlin zwei Nachrichten, die Anlass geben, nicht nur intensiv über uns selbst nachzudenken, sondern die zugleich eine Aufforderung darstellen, einen neuen Aufbruch zu wagen: Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Finanzlage Berlins und das Abschneiden im bundesweiten Exzellenzwettbewerb.

Ein mutiges oder gar trotziges »Weiter so!« wird nicht die Antwort sein können, wohl aber ein »Jetzt erst recht mit neuer Kraft!« sollte das Motto der nächsten Monate und Jahre sein. Die Aussagen des Berliner Senats, allen voran des Regierenden Bürgermeisters, und die neuen Koalitionsvereinbarungen schaffen hierfür eine gute Grundlage: Das Bekenntnis zur Wissenschaft und zu den Hochschulverträgen ist ungebrochen, und die Gefahr einer weiteren Verunsicherung der Universitäten hinsichtlich der Frage ihrer inneren Verfasstheit (Stichworte: Viertelparität oder Kreuzwahlrecht) ist vorüber. Somit können wir auf dem Erreichten aufbauen, ohne größere Störungen befürchten zu müssen.

Was wurde in den vergangenen Jahren aufgebaut? Die Wiedervereinigung der Jahrzehnte geteilten Stadt Berlin, die Neuorientierung ihrer wissenschaftlichen Institutionen, die grundlegende institutionelle Modernisierung und Revitalisierung der Humboldt-Universität, die Ansiedlung moderner, neuer außeruniversitärer Forschungseinrichtungen und die Schaffung eines leistungsfähigen Wissenschaftscampus z.B. in Adlershof – all dies vollzog sich in einer atemberaubend kurzen Zeit von 10 bis 15 Jahren. Und doch: Noch nicht alles wurde erreicht. In den kommenden Jahren wird es vorrangig darum gehen, die Exzellenz in einzelnen Gebieten, wo immer möglich, zusammenzuführen, Netzwerke, Teams und Cluster kraftvoll auszubauen, weil sie in vielen – nicht in allen – Bereichen das moderne und erfolgversprechende Rezept zu sein scheinen.

Die großen Erfolge einer klugen und zukunftsweisenden Kooperation zeigen sich zum Beispiel im Bereich der Mathematik, der Regenerativen Medizin und auch der im Exzellenzwettbewerb gewonnenen Graduiertenschulen. Solche Beispiele belegen eindeutig den Wert und das Potential kluger und strategisch angelegter Kooperationsverbünde. Diese gilt es in Zukunft zu stärken. Zudem sollte die wirtschaftliche Dimension – Start-ups als wichtige Grundbedingung eingeschlossen – vor allem in den großen Forschungsclustern, wie zum Beispiel in Adlershof, weiter entwickelt und ausgebaut werden.

Was wir benötigen, sind mehr zielführende Dialoge zur Formulierung und Bearbeitung neuer, wichtiger Themen und weniger institutionsinterne, lähmende Diskussionen. Wissenschaft braucht neben Freiheit und Offenheit strukturelle Bedingungen, die durch die konkrete Arbeit – und nicht in theoretischer Weise am ›grünen Tisch‹ – präzisiert und implementiert werden.

Dies alles kann nur gelingen, wenn wir der Lehre wieder den Stellenwert geben, den sie braucht, um ähnlich modern wie die Forschung zu sein. Wir müssen alles tun, um Exzellenz in der Lehre und damit der Lernenden in allen Stufen, d.h. während des (Erst-)Studiums wie auch im Graduiertenbereich, zu sichern. Bessere Betreuungsverhältnisse, auch unter Einschluss moderner und leistungsfähiger Tutorienprogramme, sind ebenso wichtig wie Fortbildungsmaßnahmen des Hochschulnachwuchses und Angebote zur Weiterbildung. Hier haben Universitäten und Fachhochschulen eine Aufgabe vor sich, die angesichts des drohenden Mangels an exzellent ausgebildeten Fachkräften und der prognostizierten Steigerung der Studentenzahlen nicht besser sein könnten. Die Frage, wie viele Studierende schließlich erfolgreich examiniert unsere Hochschulen verlassen, ist m. E. weitaus wichtiger als die Zahl der Studienanfängerinnen und -anfänger.

Vor diesem Hintergrund haben Universitäten wie die Humboldt-Universität eine großartige Chance, sich als akademische Einrichtungen neuen Stils zu präsentieren. Was wir konkret brauchen, sind Reformen und mutige Experimente, um gerade auch die Humboldt-Universität wieder dorthin zu bringen, wo ihr Platz sein sollte: in der Mitte der Gesellschaft, in Verantwortung für Exzellenz in der Forschung und der sich aus ihr speisenden Lehre. Wichtig ist dabei, dass wir beweisen, dass die Kraft der letzten 15 Jahre zum Um- und Aufbau dieser neuen Universitäts- und Forschungslandschaft uns dazu befähigt hat, uns mit neuer Kraft auf die neuen Herausforderungen einzustellen.

Die großen Herausforderungen und wunderbaren Möglichkeiten der modernen Welt können von der Humboldt-Universität beispielgebend für viele andere Institutionen positiv aufgegriffen und erfolgreich umgesetzt werden: Die Humboldt-Universität ist nicht nur Namensträgerin eines weltweit vorbildlichen und einflussreichen Universitätsideals, sondern sie ist als Ort prädestiniert für die Implementierung und Weiterentwicklung neuer Ideen und Konzepte.


 TITELBILD: 3/2006

Prof. Dr. Dr. h.c. Günter Stock
Vorsitzender des Kuratoriums der Humboldt-Universität zu Berlin