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Studium beendet – und nun?

Soziologen untersuchen „Determinanten beruflicher Karrieren von Hochschulabsolventen“

Praktika, Weiterbildungen und Auslandsaufenthalte – Studierende nutzen heute schon während des Studiums alle modernen Qualifikationsmöglichkeiten für eine perfekte Vita. Doch welchen beruflichen Weg gehen Hochschulabsolventinnen und -absolventen und wo können sie sich mit ihrem erzielten Abschluss platzieren? Der Übergang vom Studium ins Berufsleben wird derzeit in einem von der Hans-Böckler-Stiftung finanzierten Forschungsprojekt unter Leitung der HU-Soziologen Bernd Wegener und Martin Groß analysiert.

Die vorläufigen Ergebnisse der anonymen Online-Umfrage liefern einen detaillierten Überblick über das Studium, die beruflichen Orientierungen und die Jobsuche von Absolventen sowie Studierenden, die kurz vor ihrem Abschluss stehen. In einer ersten Befragungswelle, die im Oktober 2007 gestartet war und im Februar 2008 beendet wurde, hat das Forscherteam 2.200 Studenten aus ganz Deutschland fächerübergreifend befragt. Ziel war es, die momentane Situation der Teilnehmer zu erfassen. In einer zweiten Befragungsrunde, die in diesen Tagen startet, soll nun gezeigt werden, wie erfolgreich die weitere Suche nach einer festen Stelle verlief, welche Erfahrungen gemacht wurden und ob nach einem halben Jahr Anspruch und Wirklichkeit des Arbeitsplatzes der Befragten noch immer oder gar zum ersten Mal zusammenpassen.

Die kritische Situation auf dem Arbeitsmarkt führt beispielsweise dazu, dass knapp 40 Prozent der Studierenden bereits vor ihrem Abschluss mit der Stellensuche beginnen – 20 Prozent zum Zeitpunkt des Abschlusses. Am häufigsten nutzen die Absolventen demnach Jobportale im Internet. „Das unterstreicht die zunehmende Bedeutung der neuen Medien zur Informationsgewinnung“, folgert das Forscherteam aus den Ergebnissen der ersten Erfassungswelle. Umso überraschender, dass auch die klassische Form der Bewerbung von den Absolventen deshalb nicht weniger stark genutzt wird. Vier Fünftel der Befragten informieren sich über freie Stellen auf dem Arbeitsmarkt nach wie vor ganz altmodisch über Zeitungsinserate. 27 Prozent der Befragten erhielten über diesen „herkömmlichen“ Weg sogar ihre Stelle.

Initiativbewerbungen werden dagegen deutlich seltener genutzt. Allerdings sind persönliche Kontakte zu Bekannten, Freunden und Verwandten nicht zu unterschätzen. „Über diese informellen Wege werden oft Informationen gewonnen, die sonst nicht jeden erreichen“, heißt es in der Studie. Persönliche Kontakte werden meist schon während des Studiums durch Nebenjobs, Praktika und Auslandsaufenthalte geknüpft. Insbesondere Praktika gelten unter den Teilnehmern der Absolventenstudie als gute Möglichkeit, erste praktische Erfahrungen zu sammeln und sich beruflich zu orientieren. Durchschnittlich wurden zwei Praktika absolviert, sechs Prozent der Befragten probierten sich während ihres Studiums sogar in mehr als fünf unterschiedlichen Unternehmen aus. Fast alle erwähnten positiv, dass sie während ihres Praktikums selbstständig arbeiten durften und viel dazu gelernt haben. Bei 63 Prozent der Teilnehmer waren die Ergebnisse ihrer Arbeit sogar fest in den Betriebsablauf eingeplant – was wiederum bedeuten kann, dass die Praktikanten Arbeitskräfte ersetzt haben. Dagegen empfand nicht einmal ein Drittel der Teilnehmer die „Bezahlung angemessen“.

Noch deutlicher wird in der Studie: Wer als junger Hochschulabsolvent in Deutschland einen Job sucht, fragt nicht vorrangig die Arbeitsagenturen. Die staatlichen Vermittlungsdienste haben unter den bundesweit Befragten fast keine Bedeutung: „Einerseits werden sie kaum genutzt, andererseits wird diese Möglichkeit von zwei Dritteln derjenigen, die sie nutzen, für nicht oder weniger wichtig gehalten“, schlussfolgern die Forscher aus den Ergebnissen.

Dagegen finden fast alle Teilnehmer der Studie eine interessante Tätigkeit und ein angenehmes Arbeitsklima wichtiger als gute Karrierechancen, die erst an dritter Stelle kommen. Weniger wichtig sind überdurchschnittliche Einkommen und die Nähe zum Heimatort – die heutige Akademikergeneration ist schließlich mobil.

Dennoch sehen sich mehr als 90 Prozent aller Befragten während der Stellensuche mit Schwierigkeiten konfrontiert. Am häufigsten wird von den im Durchschnitt 27 Jahre alten Absolventen mehr Berufserfahrung verlangt. 60 Prozent geben an, dass für ihre Studienfachrichtung zu wenige Stellen angeboten werden. Dieses Problem betrifft vor allem Absolventen mit einem Magisterabschluss – also Geisteswissenschaftler, die hinter den Wirtschaftswissenschaftlern und vor den Ingenieurswissenschaftlern die zweitgrößte Gruppe aller Studienteilnehmer darstellen.

Vorläufiges Fazit der Studie: Die Arbeitssituation und das Arbeitsumfeld sind den Absolventen bei der Wahl der Stelle ebenso wichtig wie die Arbeitszeit und das jeweilige Einkommen. Denn: Mit einem angenehmen Arbeitsklima steigt scheinbar auch die Motivation zu Überstunden. Mehr als 70 Prozent aller Befragten leisten Mehrarbeit. „Zehn bis 20 Überstunden die Woche sind bei den vielen berufstätigen Teilnehmern keine Seltenheit“, ergab die Auswertung der Fragebögen. Ein Viertel der Beschäftigten gab sogar an, „häufig Arbeit mit nach Hause zu nehmen, die sonst nicht zu schaffen wäre“.

Am zufriedensten ist, wer in einem kollegialen Team eigene Ideen mit einbringen kann; Einkommen, Weiterbildungsmöglichkeiten und Aufstiegschancen werden dagegen negativ bewertet. Allerdings befand sich ein Großteil der Befragten zur ersten Befragungswelle noch in studentischen Beschäftigungen, die eher als Überbrückung zur ersten festen Stelle angesehen werden. Erst die zweite Erhebung wird zeigen, ob in festen Beschäftigungsverhältnissen, die dem Abschluss eher entsprechen, die angestrebten Berufsziele besser realisiert werden können. Diese neuen Ergebnisse will das Forscherteam zum Herbst vorlegen.

Constanze Haase

Kontakt

Jens Ambrasat,
Tel. (030) 2093-1412,
absolventenstudie@empisoz.de