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„Wir wollen mehr Akzeptanz in der Gesellschaft“

Beruf und Familie zu vereinen, ist für viele Hochschulangehörige oft noch mit Hindernissen verbunden

Das Netzwerk Professionalisierung von Frauen in Forschung und Lehre (ProFiL), das von den drei Berliner Universitäten getragen wird, umfasst mittlerweile über 100 hochqualifizierte Wissenschaftlerinnen, von denen bereits ein Drittel ihren ersten Ruf erhalten haben. Innerhalb dieses Netzwerkes hat sich eine Initiative gegründet, die für die besonderen Belange eintritt, wenn es gilt, Beruf und Familie zu vereinen. In einem Aufruf fordern sie die Durchsetzung der Vereinbarkeit von Familie und Karriere. Wir sprachen mit einer der Erstunterzeichnerinnen, der Psychologin Dr. Birgit Stürmer:

Dr Birgit Stürmer
Birgit Stürmer ist Psychologin
und Mitinitiatorin der "Berliner
Wissenschaftlerinnen-Initiative
für Kind und Karriere"

HUMBOLDT: Ihre Initiative hat acht Punkte formuliert, die sich darauf beziehen, wie die Situation von berufstätigen Eltern in der Wissenschaft besser gestaltet sein könnte. Was sind Ihre wichtigsten Forderungen?

Birgit Stürmer: Es sind ideelle Forderungen, die wir pragmatisch formuliert haben. Unser Anliegen ist es, dass eine größere Akzeptanz in der Gesellschaft hergestellt wird, was die Vereinbarkeit von Beruf und Familie angeht. Das betrifft sowohl Frauen als auch Männer. Obgleich wir in dem Netzwerk nur Wissenschaftlerinnen sind, ist dies keine Problematik, die nur uns betrifft, sondern Menschen in allen Berufsfeldern.

Was steht an erster Stelle?

Wir brauchen zunächst ein flächendeckendes Kinderbetreuungsangebot. In Berlin wird das schon gut realisiert, in Westdeutschland fehlen aber noch größtenteils Ganztagsbetreuungen bis 18 Uhr und vor allem Angebote, die sofort nach dem Mutterschutz ansetzen.

An wen sind die Forderungen gerichtet?

Wir sind dabei, Lobbyarbeit zu betreiben und wenden uns zunächst an die Wissenschaftspolitik und organisationen. Auch mit Senator Zöllner haben wir bereits Kontakt aufgenommen. Wir wollen aber bis auf die bundespolitische Ebene für das Thema sensibilisieren.

Wer unterstützt Sie dabei?

Neben den Unterstützerinnen aus dem Profil-Netzwerk wird der Aufruf von den Leitungen der drei Berliner Universitäten und der Charité getragen. Mit dieser Berliner Unterstützung richten wir uns jetzt an die bundesweite Wissenschaftsgemeinschaft. So haben wir uns an die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, Frau Professor Wintermantel, und an die Viadrina-Präsidentin, Frau Professor Schwan, gewandt.

Gibt es einen zeitlich begrenzten Maßnahmeplan, eine Zielvereinbarung?

Unser Ziel ist es, aus den acht Punkten des Aufrufs konkrete Maßnahmen abzuleiten. Eine Forderung ist, dass die Ausbildung von Erzieherinnen und Betreuungspersonal höherwertig wird und nicht mehr geschlechtsspezifisch besetzt ist.

In der Wirtschaft gibt es Beispiele, wo mit Eltern individuelle Arbeitszeitmodelle vereinbart werden, um Beruf und Kinderbetreuung optimal zu gestalten. Der Akademische Senat der HU hat Frauenförderrichtlinien erlassen, die Studierenden und Mitarbeitern mit Kind helfen, leichter durch den UniAlltag zu kommen. Sehen Sie die Möglichkeiten, die die HU ihren Eltern an Unterstützung bietet, als ausreichend an?

Die flexible Gestaltung der Arbeitszeit ist an der HU in der Regel kein Problem. Es gibt jedoch Angebote, die nicht 100prozentig auf die Bedürfnisse der wissenschaftlichen Mitarbeiter zugeschnitten sind, was zum Beispiel die Betreuung der Kleinstkinder ab acht Wochen angeht. In Adlershof gab es das Angebot, die Kinder sogar stundenweise bis 20 Uhr in die Kita zu geben – das wurde aber kaum genutzt. Nicht dass es keine Nachfrage gibt, aber wenn die Familie nicht in Adlershof lebt, ist es aufgrund langer Fahrzeiten unrealistisch, dieses Angebot anzunehmen. Flexible Betreuungsmöglichkeiten gibt es jetzt aber zum Beispiel bei der BessyGmbH, wo man ein Stundenkontingent erwerben kann, das man bei Bedarf wahrnimmt.

Was könnte verbessert werden?

Die Universität sollte ihre Angehörigen besser informieren: Wenn ich eine Schwangerschaft melde, sollte ich auch erfahren, welche Möglichkeiten der Teilzeitarbeit ich zugunsten der Kinderbetreuung in Anspruch nehmen kann. Viele bestehende Angebote werden zu wenig kommuniziert. Die Initiative soll von Berlin auf das Bundesgebiet ausstrahlen.

Gibt es die Überlegung, eine Berliner Hochschule zum Präzedenzfall zu machen?

Es wäre wunderbar, eine Hochschule oder verschiedene Modelle an unterschiedlichen Universitäten zum Präzedenzfall zu machen und zu sehen, was sich bewährt. Den finanziellen Rahmen sehe ich dafür jedoch nicht, da dies nicht den Kern unserer Arbeit betrifft, sondern Randbedingungen. Da sind Modelle im Rahmen der Exzellenzinitiative entwickelt worden. Wir werden auf die Freie Universität schauen, inwieweit solche Modelle realisiert werden.

Sie selbst haben zwei Kinder. Wie gestaltet sich Ihr berufliches und familiäres Leben?

Ich habe meine Stelle um ein Viertel reduziert, seit ich Kinder habe und teile mir die Betreuung mit meinem Mann. Die Kinder können bis 18 Uhr in der Kita oder im Schulhort betreut werden. Die reduzierten Stunden werden mir gutgeschrieben und meine Befristung verlängert sich um diese Zeit. Hier am Institut habe ich dadurch keine Nachteile.

Das Gespräch führte Heike Zappe