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Herrin ihrer Kunst – Elisabet Ney

Bildhauerin in Europa und Amerika. Eine Ausstellung zeigt ihr Lebenswerk

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von der Fachwelt so gut wie vergessen, gilt Elisabet Ney (1833 – 1907) heute als die bedeutendste Bildhauerin des 19. Jahrhunderts. Mit ihrem Beruf lebte sie ständig in Konflikt mit den Konventionen ihrer Zeit. Obwohl ihr Vater selbst Bildhauer war, musste sie sich ihren Berufswunsch mit einem Hungerstreik ertrotzen und konnte dann ab 1854 die Münchner Kunstakademie besuchen. Hier wurde ihr jedoch das Aktzeichnen untersagt, obwohl es als Grundvoraussetzung für alle Bildenden Künste galt.

Als sie sich mit ihren Arbeiten für ein Stipendium an der Berliner Akademie der Künste bewarb, wurde auch dies Elisabet Ney zunächst verwehrt. Erst als sie unter Aufsicht die Statuette einer Kassandra modellierte, erhielt sie die Zuwendung. Gleichzeitig nahm Christian Daniel Rauch sie in seine Werkstatt auf. Sie galt bald als seine Lieblingsschülerin, verblieb auch später, neben Ludwig Tieck, am dichtesten an der spätklassizistischen Kunstauffassung – und erhielt dennoch kaum öffentliche Aufträge.

Eine der Reaktionen Elisabet Neys auf die ständigen Konflikte mit überkommenden Konventionen war ihre Selbstinszenierung als auffällige Künstleringestalt. Sie trug eine Kurzhaarfrisur und selbstentworfene und geschneiderte Kleider, oftmals mit antiken Mustern, die sich nicht am Stil der Zeit orientierten, verzichte sie auf das „h“ in ihrem Vornamen Elisabet(h), behielt jedoch ihren Mädchennamen Ney bis an ihr Lebensende, da sie ihre 1863 geschlossene Ehe mit ihrem langjährigen Geliebten, dem Arzt Edmund Montgomery, bis an ihr Lebensende verheimlichte.

Und, was heute noch für Frauen in Berufen gilt, die männerdominiert sind, galt damals erst recht: Sie musste doppelt und dreifach soviel arbeiten, um gesellschaftliche und finanzielle Anerkennung zu erreichen. Doch wer ihre Arbeiten näher kennen gelernt hatte, wusste sie hoch zu schätzen. Sogar Arthur Schopenhauer, der den Frauen öffentlich jegliche künstlerischen Fähigkeiten absprach, gewann sie mit seiner Büste, und er schwärmte begeistert von der Künstlerin „als ein unbeschreiblich liebenswürdiges Mädchen“.

1868 baten Verehrer des fünf Jahre zuvor verstorbenen Eilhard Mitscherlich die Berliner Universität um Erlaubnis für die Aufstellung eines Denkmals des berühmten Professors für Chemie. Als Bildhauerin war Elisabet Ney vorgesehen, eine Denkmalskizze lag bei. Doch der Akademische Senat lehnte mit der Begründung ab, dass eine solche Ehre erst Gelehrten zukommen solle, die größere Verdienste um die Gründung der Universität erworben hätten. Damit wurde auch für Ney wieder eine große Chance zur Präsentation ihres Schaffens verhindert. Bereits neun Jahre zuvor hatte sie eine Bildnisbüste im Auftrag der Familie Mitscherlich ausgeführt, die zweifellos auch die Bittsteller für das Berliner Denkmal überzeugt hatte. Eine Marmorausführung dieser Büste aus dem Jahre 1865 befindet sich in der Sammlung der Universität sowie eine weitere, von Ney signierte Büste, die des Altertum und Sprachwissenschaftlers Jacob Grimm, leider nur als Gipsabguss.

Neys Œuvre ist überschaubar, aber exzellent. Von berühmten Zeitgenossen fertigte sie Bildnisbüsten oder medaillons an, so von Varnhagen von Ense, Christian Daniel Rauch, Alexander von Humboldt, König Georg von Hannover, Otto von Bismarck, Justus von Liebig, Giuseppe Garibaldi oder Cosima Wagner. Ihr bekanntestes Werk ist das Standbild Ludwig II. im Schloss Linderhof.

Obwohl Ney zu den wenigen Frauen gehörte, der es im 19. Jahrhundert gelang, von ihrer Kunst zu leben, wanderte sie 1871 mit ihrem Mann in die USA aus. Dort verzichtete sie in den Anfangsjahren auf die Bildhauerei und betrieb mehr oder weniger erfolgreich eine Farm. Nach der Geburt zweier Söhne, von denen der eine schon als Zweijähriger starb, begann sie wieder mit ihrer künstlerischen Arbeit und erfuhr in ihrer Wahlheimat Texas die verdiente Anerkennung. Ihre populärsten Marmorarbeiten wurden das Grabmal für General Albert Sidney Johnston sowie die Standfigur „Lady Macbeth“, die oft als Selbstbildnis interpretiert wurde.

Nach ihrem Tode in Austin/Texas wurde in dem von ihr selbst entworfenen Atelierhaus ein Personalmuseum für sie eingerichtet, das bis heute existiert.

Anlässlich ihres 175. Geburtstages präsentiert das Stadtmuseum Münster bis zum 31. Mai 2008 in Deutschland erstmalig eine umfassende Retrospektive ihrer Werke, verbunden mit einem hervorragenden Katalog, der sehr komplex die Lebenswelt Neys wiedergibt.

Angelika Keune