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Presseportal

Unikate

Unter der Überschrift „Unikate“ schreibt der Präsident der Humboldt-Universität zu Berlin, Prof. Dr. Christoph Markschies, regelmäßig über Erlebnisse aus seinem universitären Alltag, die von allgemeinerem Interesse sind. Er freut sich über Reaktionen: praesident@hu-berlin.de

Auch in Jerusalem, wo ich nach Ostern Vorlesungen hielt, konnte ich die vielen Seiten des Pressedienstes lesen, der Tag für Tag alle Erwähnungen unserer Universität, ihrer Angehörigen und weitere einschlägige Beiträge (in Form von Links auf dem Computer) liefert. So wurde ich mitten im orientalischen Frühling auf einen Beitrag im Heute-Journal aufmerksam, in dem – jedenfalls nach dem Referat im nämlichen Pressedienst – „Studenten (!) der Berliner Humboldt-Universität (!!) …. bei der Reporterfrage stammelten, ob sie wüssten, wer Walter Ulbricht und wer Erich Honecker war“. Der Tenor des Artikels aus dem Pressedienst war klar: Skandal – Geschichtsvergessenheit selbst an der Humboldt-Universität! Nun habe ich den Beitrag der Nachrichtensendung nicht gesehen, aber nehmen wir einmal an, man hätte dort tatsächlich Studenten (!) – also offenbar jedenfalls keine Studentinnen – unserer Humboldt-Universität (!!) sehen können, die nicht recht wußten, welcher gelernte Tischler aus Leipzig und welcher Dachdeckerlehrling aus Neunkirchen hier gefragt war. Und nehmen wir weiter an, diese Studenten hätten nicht aus Nervosität gestottert, so wie viele stottern, denen plötzlich ein Mikrofon unter die Nase gehalten wird. Sondern tatsächlich nicht genau gewußt, nach wem die Reporter fragten. Wenn das also alles stimmen sollte, plädiere ich im Unterschied zum zitierten Journalisten zunächst einmal für Gelassenheit. Das Vorurteil, daß die Studierenden immer dümmer werden und selbst essen tielle Grunddaten unabdingbaren Bildungsguts nicht mehr kennen, ist ein beliebter Topos akademischer Reden seit dem Mittelalter. Träfe es in genau der rhetorischen Radikalität wirklich zu, mit der es immer wieder behauptet wird, müßten wir seit dem Hochmittelalter langsam am Nullpunkt angekommen sein oder uns demselben längst gefährlich genähert haben. Der berühmte Berliner klassische Philologe Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff vergleicht in seinen Memoiren den Bildungsstand seiner Studenten mit den Kenntnissen, die zu seiner eigenen Studienzeit im Fach verlangt wurden. Der Vergleich geht aber nicht ausschließlich negativ aus, weil Wilamowitz darauf hinweist, daß das hohe Niveau philologischer Kenntnisse des neunzehnten Jahrhunderts durch starke Vernachlässigung der Naturwissenschaften erkauft wurde. Vermutlich konnten auch die Studenten, die das Zweite Deutsche Fernsehen interviewte, vorzüglich programmieren, kunstvoll präparieren oder analysieren (sonst wären sie ja auch gar nicht Studenten der Humboldt-Universität). Weiter plädiere ich am Anfang des Sommersemesters dafür, nicht in larmoyantes Klagen auszubrechen, sondern die Szene aus dem Heute-Journal als pädagogische Herausforderung zu begreifen: Wie bringen wir denn mehr allgemeinbildende Elemente in die Studiengänge, ohne ihr fachspezifisches Niveau abzusenken? Wie repristinieren wir das Studium Generale unter Bedingungen des Bologna-Prozesses? Es geht ja nicht allein um Ulbricht und Honecker. Manchmal stelle ich mir vor, daß ich vor dem Hauptgebäude Journalisten in die Hände falle, die mir ein Mikrophon unter die Nase halten und nach den Hauptsätzen der Thermodynamik fragen. Und imaginiere die Schlagzeile, die mein Stottern auslösen würde. Die Aufgabe, mehr Allgemeinbildung in den Kanon der reformierten Bologna-Studiengänge zu bringen (bzw. als Studierender einzufordern), ist neben der Aufgabe, herausragende Forschung an unserer Universität auf allen Ebenen zu stärken, nicht nur ein schönes Jubiläumsprogramm zur Zweihundertjahrfeier, sondern ein schöner Vorsatz für ein gerade beginnendes Sommersemester.

Ihr Christoph Markschies