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Sie setzte die Welt in Erstaunen

Kunst und Wissenschaft der Maria Sibylla Merian

Die Blumen- und Insektenmalerin Maria Sibylla Merian (1647-1717) gilt in Deutschland als Pionierin der Insektenforschung. Vom Stiefvater ausgebildet, dekorierte sie ihre Darstellungen mit Insekten, bis sie, vom Forscherdrang erfasst, deren Metamorphose ergründen will. Sie sammelte Eier, Raupen und Kokons, zog sie mit ihren Futterpflanzen auf und protokolliert alle Veränderungen. Nach mehrjähriger Forschung erscheint (1679/1683) ihr zweibändiges Werk „Der Raupen wunderbare Verwandlung und sonderbare Blumennahrung“, mit dem sie die Anerkennung als Naturwissenschaftlerin erlangte. 1685 verließ sie Deutschland, um sich mit ihrer Mutter und den beiden Töchtern der pietistischen Labadistengemeinde in Westfriesland anzuschließen. Nach dem Tod der Mutter zog sie 1691 mit ihren Töchtern nach Amsterdam. Auch hier gelangte sie als Künstlerin und Forscherin schnell zu hohem Ansehen und stand in regem Austausch mit Sammlern und Wissenschaftlern wie Ruysch, Leeuwenhoek und Commelin. 1699 trat die 52-jährige Merian mit ihrer Tochter Dorothea Maria die Surinamreise an, die zum Höhepunkt ihres Lebens wurde. Ihr Ziel war es, einen Prachtband dieser Tropenwelt herauszubringen, um die Welt in Erstaunen zu versetzen. Das Buch, „Metamorphosis insectorum Surinamensium“, erfuhr bis heute unzählige Neuauflagen. Die Zweigbibliothek des Museums für Naturkunde der Humboldt- Universität verfügt über Ausgaben der „Naturgeschichte der Insekten Surinams“ von 1726 und 1771. Sie wurden von den originalen Platten gedruckt. Zudem sind im Naturkundemuseum von Maria Sibylla Merian präparierte Insekten zu sehen. Carl von Linné benutzt bei der Aufstellung seines taxonomischen Systems Merians Zeichnungen, Beschreibungen und möglicherweise auch Insekten, die sie präpariert hatte, und benannte mehr als zehn Insekten nach ihr. Ihre Beliebtheit hielt bis zum Ende des 18. Jahrhunderts an. Im 19. Jahrhundert fiel sie dem naturwissenschaftlichen Credo der Phänomentreue zum Opfer. Sie wurde vergessen und erst in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts wiederentdeckt. Heute gilt sie als herausragende Künstlerin wie auch Forscherin. Am Kunstgeschichtlichen Seminar und am Helmholtz-Zentrum der Humboldt-Universität wird sie in dieser Doppelstellung in Forschung und Lehre behandelt, und ihre Werke werden bildwissenschaftlich systematisch untersucht. Somit ergibt sich eine neue Etappe der internationalen Rehabilitierung dieser großen Forscherin und Malerin. Ihr umfangreiches OEuvre ist bis zum 18. Mai 2008 im Rembrandthaus in Amsterdam in der Ausstellung „Maria Sibylla Merian & dochters“ zu sehen. Ella Reitsma, die Kuratorin, hat mehr als hundert Exponate zusammengetragen, unter denen noch nie gezeigte Bücher aus St. Petersburg und Aquarelle aus Windsor sind, die durch ihre unvergleichliche Farbbrillanz bestechen. Die Ausstellung zeigt in chronologischer Abfolge, wie Merian eine eigene Formensprache ausbildet und zu einem neuen Ansatz in der Insektenforschung gelangt: Sie bezieht Lebensraum, Futterpflanzen und Parasiten in ihre Darstellungen ein. Der Schwerpunkt der Austellung liegt auf der Surinamreise. Breiter Raum wird auch den Töchtern eingeräumt, die, von der Mutter zu Blumen- und Tiermalerinnen ausgebildet, in der Werkstatt kreativ mitarbeiteten. Die Parallelausstellung „Surinaams kabinet“ im Botanischen Garten Amsterdam – einem der ältesten der Welt – ist ebenfalls Merian gewidmet, deren ganzheitliche Natursicht hier erlebbar wird. Im 17. Jahrhundert stieß Merian damit weitgehend auf Unverständnis, denn den meisten Forschern ging es lediglich um das Sammeln und Beschreiben der Artenvielfalt. Im Dreiklimahaus sind die „Merianpflanzen“, mit Eiern, Raupen und Puppen besetzt, frei zugänglich oder können in Zuchtkästen aus nächster Nähe betrachtet werden. Den Höhepunkt dieser Schau erlebt der Besucher im pädagogischen Gewächshaus, wo der faszinierende Vorgang des Schlüpfens tropischer Schmetterlinge beobachtet werden kann, die zwischen den Besuchern umherflattern, auf deren Schultern landen und an Früchten saugen. Diese glückliche Kombination von Naturschauspiel und naturgetreuer Darstellung in den Aquarellen trifft auf ein hochinteressiertes Publikum. Carin Grabowski