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Humboldt-Universität zu Berlin | Presseportal | Informationen für Medien | Publikationen | HUMBOLDT | 2007/2008 | Ausgabe 9 | Extra | „Es kommt darauf an, wer den besseren Tag hat und wer Nerven zeigt“

„Es kommt darauf an, wer den besseren Tag hat und wer Nerven zeigt“

Rafed El-Masri ist einer der vier Studierenden unserer Universität, die bei den Olympischen Spielen im August in Peking an den Start gehen.

Rafed El-Masri, die Olympischen Spiele in Peking sind ihre zweite Olympia-Teilnahme. Gibt es für Sie einen Unterschied?

Der größte Unterschied ist, dass ich für Deutschland an den Start gehe. Man sagt ja, die ersten Olympischen Spiele sind immer das Besondere, aber ich freue mich wirklich auf diese Spiele. Vielleicht, weil ich jetzt weiß, wie es funktioniert, die Nervosität sich in Grenzen hält und ich mit einer großen Mannschaft in Peking antrete.

Sie sind in Deutschland geboren. Bis 2007 sind Sie international für Syrien gestartet, dem Land ihrer Eltern. Was ist das für ein Gefühl, jetzt das Land zu wechseln?

Ich bin nicht patriotisch. Es ist für mich rein das Sportliche, was den Ausschlag gegeben hat. Als Sportler will man Erfolg haben, und Deutschland ist der stärkere Partner im Schwimmsport. Ich kenne die deutsche Nationalmannschaft auch schon lange und war bei Vorbereitungen integriert, obwohl ich für Syrien geschwommen bin.

Aber Sie waren 2006 Asienmeister und holten für Syrien die erste Goldmedaille nach 20 Jahren. Das Interesse an ihrer Person war groß.

Für mich war klar: Wenn ich mich für Deutschland qualifiziere, schwimme ich auch für Deutschland. Nach dem Erfolg hatten mich sogar Syrer in Berlin auf der Straße angesprochen. Aber es hat bei der Entscheidung keine Rolle gespielt.

Der Schwimmsport hat dieses Jahr mit momentan 42 Weltrekorden auf sich aufmerksam gemacht. Hat Sie das überrascht?

Natürlich! Aber in olympischen Jahren werden immer Weltrekorde geschwommen. Dieses Jahr war es schon extrem.

Allein auf Ihrer Strecke - den 50 Meter Freistil - ist der Weltrekord, der sieben Jahre bestand, viermal verbessert wurden. Dabei sorgte der Rekord des Franzosen Alain Bernard für Aufsehen. Ihm haben das nicht viele zugetraut.

Alain Bernard war auch vorher schon schnell. Der ist im letzten Jahr nur eine Zehntel über dem Weltrekord gewesen. Den kann man jetzt nicht rauspicken. Von einer 21,7 zu einer 21,5, die dann den Weltrekord gebracht hatte, das ist irgendwie noch nachvollziehbar. Aber der Weltrekord ist ja noch schneller geworden: Der steht nun bei 21,2 Sekunden...

…aufgestellt vom Australier Eamon Sullivan, der den Weltrekord gleich dreimal erneuerte.

Jetzt sind ein paar Leute unter 21,5 geschwommen, die vorher nicht im Geringsten im Bereich dieser Zeiten waren. Das ist viel erstaunlicher.

Sie sind der Inhaber des Deutschen Rekords. In Peking wollen Sie ins Finale. Ist das bei diesen Vorraussetzungen schwieriger?

Das denke ich nicht! Zwar ist der Weltrekord schneller geworden, jedoch ist das Feld dahinter bei etwa ähnlichen Zeiten, wie es auch schon in den Jahren vor diesen Olympischen Spielen war. Außerdem ist der Australier den Weltrekord bei den nationalen Meisterschaften geschwommen, also ohne Konkurrenz, vor heimischem Publikum. Das ist immer eine angenehmere Situation, als bei einem wirklich großen Finale gegen sieben andere professionelle und große Athleten antreten zu müssen. An dem Druck sind schon viele gescheitert.

Sie klingen sehr kämpferisch.

Ja, ich habe mich in diesem Jahr mit vielen guten Zeiten in die obersten Ränge geschwommen und für mich nach vielen internationalen Wettkämpfen auch die richtige Einstellung gefunden. Da oben sind wir alle gleich schnell, es kommt dann nur noch darauf an, wer den besseren Tag hat und wer Nerven zeigt! Und das kann dann jeder sein, wirklich jeder!

Leistungssport ist mit großem Trainingsaufwand verbunden. Sie studieren seit 2006 an der HU Sportwissenschaften. Wie schafft man den Spagat zwischen Spitzensport und Studium?

Ich studiere Sportwissenschaften und Philosophie. Wichtig ist für mich nicht ein großer, sondern ein optimaler Trainingsumfang - und der ist für mich problemlos mit dem Studium vereinbar. Ich muss auch zugeben, dass man für die 50 Meter nicht soviel trainieren muss wie für andere Strecken. Außerdem brauche ich einfach die Abwechslung. Nur trainieren und nichts für den Kopf tun, könnte ich einfach nicht.

Welchen Stellenwert nimmt für Sie das Studium kurz vor dem Saisonhöhepunkt ein?

Den gleichen wie sonst auch. Ich besuche sogar mehr Kurse als sonst und liege im Studienplan. Ruhe vor einem großen Wettkampf habe ich als vollkommen uneffektiv empfunden. Bisher bin ich ganz gut damit geschwommen.

Das Gespräch führte Robert Kempe