Direkt zum InhaltDirekt zur SucheDirekt zur Navigation
▼ Zielgruppen ▼

Presseportal

Ein unangepasster Hochschullehrer und Querdenker

Ronald Paris schuf einst ein unkonventionelles Porträt von Wolfgang Heise

„Es gibt wohl nichts Dankbareres als das menschliche Porträt.“ Solche Äußerungen eines Malers über das Porträtzeichnen sind selten. Ich fand diese begeisternde Aussage in dem Aufsatz von Norbert Krenzlin im Katalog zur neuen Ausstellungsreihe des Malers Ronald Paris. Unter dem Titel „Lob des Realismus. Retrospektive 2008“ sind Ronald Paris in diesem Frühjahr und Sommer drei Ausstellungen anlässlich seines 75. Geburtstages gewidmet. Paris umfangreiches OEuvre wird in seinen wichtigsten Abschnitten vorgestellt. 70 Gemälde und zahlreiche Gouachen – darunter das Porträt des ehemaligen HUPhilosophen Wolfgang Heise – bezeugen die bis heute ungebrochene Kraft und Dynamik seines Schaffens. Ronald Paris zählt zu den herausragenden ostdeutschen Malern und Graphikern der Gegenwart und gehörte bereits seit den 1960er Jahren zu den Exponenten einer Kunst, die an die Traditionen des deutschen Expressionismus und der europäischen Avantgarde anknüpfte. Während er Vielen in der DDR durch sein drei Meter hohes und sechs Meter langes Wandbild „Unser die Welt – trotz alledem“ (1975) im Palast der Republik vertraut war, kannten ihn Kunstinteressierte durch Bilder, die Diskussion und Widerspruch herausforderten, wie das Triptychon „Dorffestspiele in Wartenberg“ (1961), das nicht die von der DDR-Obrigkeit erwarteten glücklichen und zufriedenen Menschen zeigte. Insbesondere waren es jedoch Porträts von Künstlern und Wissenschaftlern, mit denen der Maler seit den Sechzigerjahren sein Schaffen bereicherte (Hanns Eisler 1987, Heiner Müller 1989) und des öfteren Empörung unter den Funktionären des DDRKulturbetriebes hervorrief und somit auch die Aufmerksamkeit eines kritischen Publikums (Das Doppelbildnis Sarah und Rainer Kirsch, Ernst Busch, 1971). Eine lang anhaltende Diskussion provozierte jedoch sein Porträt des Philosophen und Ästhetikers Wolfgang Heise (1925 – 1987), der seit 1958 Professor an der Humboldt- Universität war. Entstanden war das Bildnis 1967 und seit 1992 gehört es zum Kunstschatz der HU. Es gelangte allerdings nicht durch die Übernahme des Heise-Nachlasses in den Besitz der Universität, wie es im Katalog heißt, sondern war ein gezielter Ankauf der Kustodie, stark befürwortet von Karin Hirdina, damals Professorin für Systematische Ästhetik. Erwerbungsziel war sowohl die Würdigung eines unangepassten Hochschullehrers und Querdenkers als auch die Erweiterung der Sammlung mit dem Bildnis eines Malers, der mit seiner Kunst eine wichtige Facette in der Porträtmalerei der DDR-Kunst repräsentierte. Es ist ein seltener Glücksfall in der über 100 Ölporträts umfassenden Sammlung der Universität, dass zu einem Bildnis eine so ausführliche Interpretation und Rezeptionsgeschichte veröffentlicht ist. Dafür ist Norbert Krenzlin herzlich zu danken. Krenzlin, neun Jahre jünger als Heise, wie dieser von der Philosophie kommend und später Professor in der Kulturwissenschaft der HU, erinnert sich seiner erste Begegnung mit dem Porträt auf der Kunstausstellung in Dresden 1967. Völlig unvorbereitet stand er vor dem Bildnis Heises, den er als „begeisternden akademischen Lehrer, als unverdrossen argumentierenden Genossen und schließlich als verlässlichen Kollegen und Freund kannte und verehrte“ und dessen malerisches Konterfei dem herrschenden Zeitgeist völlig entgegenstand – „Aus dem unerreichbarem Vorbild war eine hilflose, dem Schicksal ausgelieferte Person geworden.“ Nach einer anregenden Bildbeschreibung verfolgt Krenzlin akribisch die Geschichte des Bildes: vom Selbstauftrag des Malers, den zahlreichen Studien, den Anfeindungen, denen das Bild nach seiner Öffentlichmachung seitens der offiziellen Kunstkritik ausgesetzt war („Es fällt schwer, in dem Dargestellten einen sozialistischen Wissenschaftler zu erkennen“), den „Interpretationshilfen“, die Paris anbot („Bedrängnis des wissenden Menschen in unserer Zeit“). Er geht dem durch persönliche Begegnungen sich entwickelnden Verhältnis des Malers zum Philosophen nach bis zur Einbettung des Porträts in das Gesamtschaffen des Künstlers und der Präsentation des Bildes in der Ausstellung der Kustodie im Rahmen der Kleinen Humboldt-Galerie. Dabei gelingt es Krenzlin gleichfalls, einen Einblick in die integere Persönlichkeit Heises zu geben, dessen Bemühungen, seine wissenschaftlichen Erkenntnisse öffentlich zu machen und in konkretes Handeln umzusetzen, an der gesellschaftlichen Realität scheiterten. Im Grußwort zum Katalog würdigt Wolfgang Thierse, selbst ehemaliger Student und Assistent an der HU, Heise als seinen Lehrer, bei dem man lernen konnte, dass „Marxistisches nicht flach und eigensinnig und affirmativ sein muss“ und fand in dessen Vorlesungen „fragendes Reden, intellektuelle Offenheit und eine Komplexität geschichtlichen Denkens, die es sonst nicht gab.“

Angelika Keune

Die Ausstellung zum Werk von Ronald Paris ist bis zum 3. August 2008 im Schleswig- Holstein-Haus in Schwerin zu sehen und vom 5. September bis 26. Oktober im Haus der Brandenburgisch- Preußischen Geschichte in Potsdam