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„Störung der akademischen Freiheit“

Johann Gottlieb Fichte – der erste gewählte Rektor der Berliner Universität

Neben Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling ist Johann Gottlieb Fichte einer der einflussreichsten Philosophen des deutschen Idealismus. Und er gehört zu den erstberufenen Professoren der neu gegründeten Berliner Universität.

Johann Gottlieb Fichte wird am 19. Mai 1762 im sächsischen Rammenau geboren. Sein Vater ist Bandweber, und nur durch fürstliche Unterstützung kann er eine Ausbildung an der Fürstenschule Schulpforta bei Naumburg an der Saale genießen. Nach dem Schulabschluss geht er 1780 nach Jena. Durch den Tod des Gutsherrn ist Fichte auf die Abhaltung von Privatstunden angewiesen, womit er sich mühsam das Theologiestudium finanziert. Das Studium setzt er in Leipzig fort. Dann geht er als Hauslehrer nach Zürich, wo er auch heiratet.

Sei Ziel ist es, Prinzenlehrer zu werden, aber das scheitert.

In der Zwischenzeit lernt er die Philosophie von Immanuel Kant kennen, die ihn zu seiner Wissenschaftslehre inspiriert. Er besucht Kant 1791 in Königsberg und bekommt die Möglichkeit, ein religionsphilosophisches Werk zu veröffentlichen. Der darauf folgende Ruhm bringt ihm 1794 eine Professur für Philosophie in Jena. Hier ist er fünf Jahre tätig, denn 1799 wird er gezwungen, sich aus dem Wissenschaftsbetrieb zurück zu ziehen. Grund dafür ist die Anschuldigung, dass er in seinen Schriften atheistische Ideen verbreiten würde. Erst 1805 bekommt er wieder einen Lehrstuhl in Erlangen.

Nach weiteren Stationen kommt er 1810 als Professor für Philosophie an die neu gegründete Universität nach Berlin und gehört damit zu den erstberufenen Lehrern dieser Anstalt. Hier ist er seit einigen Jahren bekannt, denn bereits in den Jahren von 1800 bis 1804 hält er in Berlin Vorträge über seine Wissenschaftslehre. Diese „Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre“ ist ein zentraler Teil seines philosophischen Schaffens, in dem es um die Selbsterkenntnis und vor allem um die praktische Durchsetzung dieser Erkenntnis geht.

Fichte ist einer der wenigen Gelehrten in Deutschland, der die Französische Revolution begrüßt und in ihr den Fortschritt zu mehr Gerechtigkeit sieht. Die späteren Folgen der Französischen Revolution, darunter der Aufstieg Napoleons und die Etablierung seiner Herrschaft in Europa, führen dann zu sehr kritischen Reaktionen. Diese zeigen sich in seinen „Reden an die deutsche Nation“, die Fichte von Dezember 1807 bis März 1808 in der Preußischen Akademie der Wissenschaften vorträgt. Angezeigt werden diese Vorlesungen in der Vossischen und in der Haude-Spernerschen Zeitung als „Veranstaltungen für ein gemischtes Publikum aus beiden Geschlechtern“.

Im Untergang der staatlichen Strukturen sieht Fichte auch eine reinigende Wirkung, die zu einer geistigen Erneuerung führen wird. Der Ursprung der Reden ist in Rahel von Varnhagens Berliner Salon zu sehen, wo Fichte Gespräche mit Friedrich Schleiermacher und anderen führt. Karl August Varnhagen von Ense schildert die Vorträge eindringlich in seinen „Merkwürdigkeiten“ und verweist beispielsweise auf die Wirkung der während der Vorträge von Fichte in der Akademie unter Trommelspiel vorbei ziehenden französischen Truppen.

In derselben Zeit verfasst Fichte einen nicht in die Tat umgesetzten „Deduzierten Plan einer zu Berlin zu errichtenden höhern Lehranstalt“ auf Veranlassung des Geheimen Kabinettrates Karl Friedrich von Beymes. Diese Schrift gehört zu einer ganzen Reihe von Werken, die sich den Plänen der Errichtung einer Universität in Berlin widmen.

An der Philosophischen Fakultät dieser Universität wird der Philosoph Johann Gottlieb Fichte bereits 1810 Dekan. Und am 17. Juli 1811 wird er bei der ersten freien, durch alle Ordinarien durchgeführten Wahl zum ersten Rektor. Seine Rektoratsrede hält er am 19. Oktober 1811 „Über die einzig mögliche Störung der akademischen Freiheit“. Hierin geht es nicht in erster Linie um die möglichen Behinderungen von außen, sondern vor allem um die möglichen Störungen von innen. Er zielt vor allem auf die Erscheinungsformen studentischer Korporationen und die vielfältigen Ehrenhändel.

Genau so ein Fall und die darauf folgende Auseinandersetzung mit Friedrich Schleiermacher und dem Universitätssyndikus Eichhorn führt zu seinem Rücktritt: Der aus Posen stammende jüdische Student Brogy gerät in Streit mit zwei anderen Studenten und verweigert ein gefordertes Duell. In der Folge wird er öffentlich gedemütigt und wendet sich an den Rektor Fichte. Dieser will solchen Auseinandersetzungen mit Härte begegnen, was aber Senat und Syndikus verhindern. Das Ganze wird vor einem studentischen Ehrengericht ausgetragen und führt zu einer harten Strafe für das eigentliche Opfer Brogy. In Folge dieses Konfliktes bittet Fichte am 14. Februar 1812 um seine Entlassung aus dem Amt, die aber erst nach langen und harten Auseinandersetzungen am 16. April 1812 genehmigt wird.

Nach seinem Rücktritt als Rektor ist er bis zu seinem Tod als Professor an der Berliner Universität tätig, nimmt jedoch nur noch ein einziges Mal an einer Sitzung des Senats teil. Johann Gottlieb Fichte stirbt am 29. Januar 1814 in Berlin. Seine Ruhestätte befindet sich auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof.

Tom Werner