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Humboldt-Universität zu Berlin | Presseportal | Informationen für Medien | Publikationen | HUMBOLDT | 2008/2009 | Ausgabe 6 | Forschung | Die Frage der Managereinkommen spaltet die Gesellschaft

Die Frage der Managereinkommen spaltet die Gesellschaft

Wie die Krise der Finanzmärkte unsere Vorstellungen von Gerechtigkeit verändert
Man könnte meinen, dass die Krise der Finanzmärkte die öffentliche Meinung zum Verhältnis von Markt und Staat und die Vorstellungen über Gerechtigkeit nachhaltig erschüttert hat. Doch eine Studie des Lehrbereichs empirische Sozialforschung zeigt nun, dass sich so genannte Verteilungsideologien als stabiler erweisen als erwartet.

Dazu wurden in der zweiten Märzwoche 750 repräsentativ ausgewählte Bundesbürger telefonisch zu ihren Ansichten über Gerechtigkeit sowie der Wahrnehmung und Bewertung der Einkommen unterschiedlicher Berufsgruppen befragt. Die Erhebung ist Bestandteil des International Social Justice Project, das seit 1991 unter Leitung von Bernd Wegener die Vorstellungen der Bevölkerung über Gerechtigkeit untersucht.

Telefonlabor des Instituts für Sozialwissenschaften. Foto: Heike ZappeGanz im Gegensatz zum allgemein in den Medien verbreiteten Trend haben etatistische Einstellungen, beispielsweise die Vorstellung, der Staat müsse einen Mindestlebensstandard garantieren, sogar abgenommen. "Dies hat vor allem mit der Entspannung auf dem Arbeitsmarkt seit 2006 zu tun", so Soziologieprofessor Wegener. "Man muss aber davon ausgehen, dass die Ansprüche an den Staat wieder drastisch zunehmen, wenn durch die Finanz- und Wirtschaftskrise die Arbeitslosenzahlen bis zum Ende des Jahres ansteigen."

Wie die Studie weiter verdeutlicht, wurden Manager allerdings noch nie als so überbezahlt wahrgenommen wie heute. Zwar würden mittlerweile höhere Gehälter als legitim empfunden als noch im Jahr 2006, die Diskrepanz zu den tatsächlich wahrgenommenen Einkommen der Vorstandsvorsitzenden hat sich aber dramatisch erhöht. Die Bezüge der "Spitzenmanager" rufen heute doppelt so starke negative Reaktionen hervor wie die ebenfalls als ungerecht - wenngleich als zu niedrig - empfundenen Einkommen am unteren Ende des Gehaltsspektrums.

Mittlerweile sprechen sich sogar in Westdeutschland fast 50 Prozent (66 Prozent im Osten) für eine Obergrenze bei den Einkommen aus. Dass hohe Boni eine der Ursachen der Finanzkrise sind, ist in der Bevölkerung mittlerweile ein Allgemeinplatz. Und die Frage der Managergehälter scheint nicht weniger wichtig für die Wahlentscheidung zu sein wie das Thema Mindestlöhne. Auch haben die Menschen eine sehr genaue Vorstellung davon, wie viel Manager heute verdienen. Die tatsächlich wahrgenommenen Einkommen bestimmen dabei stark, was als gerecht empfundenen wird. So wurde jede Zunahme der realen Managereinkommen in den letzten 18 Jahren auch von einer Verschiebung der gesellschaftlich akzeptierten Gehaltsnormen nach oben begleitet. Die Menschen präsentieren sich im Positiven wie im Negativen als ungemein anpassungsfähig an vorgegebene Bedingungen: "Was ist, wird zu dem, was sein soll", hat der Soziologe George Homans einmal formuliert.

Dieses Phänomen lässt sich auch bei Frauen vermuten, die ihr eigenes Einkommen unter Gerechtigkeitsgesichtspunkten bewerten sollen. Arbeitnehmerinnen, die unter sonst gleichen Bedingungen objektiv im Durchschnitt zwölf Prozent schlechter bezahlt werden, empfinden ihr eigenes Einkommen nicht als ungerecht zu niedrig. Natürlich könnte man ein750 repräsentativ ausgewählte Bundesbürger wurden im März im Telefonlabor des Instituts für Sozialwissenschaften zu ihrer Bewertung der Einkommen unterschiedlicher Berufsgruppen befragt. Foto: Heike Zappewenden, ihnen sind eben andere Dinge im Beruf wichtiger, wie Selbstverwirklichung, eine interessante Tätigkeit oder flexible Arbeitszeiten, für die sie gerne die Gehaltsdiskrepanz zu ihren männlichen Arbeitskollegen in Kauf nehmen. Wegener meint jedoch: "Es ist möglich, das als psychologische Rationalisierungsstrategie zu verstehen, mit der eine unangenehme und für das eigene Selbstwertgefühl belastende Situation beschönigt wird."

Weniger genügsam als Frauen sind dagegen Ostdeutsche, die im Schnitt nach wie vor niedrigere Einkommen beziehen. Aber auch diejenigen, deren Gehälter mittlerweile auf Westniveau liegen, fühlen sich ungerechter bezahlt als ihre "statistischen Zwillinge" im Westen. Allerdings gibt die Studie in anderer Hinsicht Anlass zur Hoffnung, dass die "Mauer in den Köpfen" zwischen Ost und West nicht für immer fortbestehen muss. Zum einen werden die Bürger in den alten Bundesländern etwas staatsgläubiger und nähern sich damit dem ostdeutschen Niveau an, zum anderen sind die Ansprüche an den Staat in den neuen Bundesländern vor allem auch deswegen höher, weil sie neben einem höheren Arbeitslosigkeitsrisiko über geringere Vermögen und weniger Wohneigentum verfügen. Bis die ostdeutschen Vermögensverhältnisse denen Westdeutschlands entsprechen, wird noch viel Zeit vergehen. Ohne entsprechende Rücklagen aber bleibt in einer existenziellen Krise nicht viel anderes als der Ruf nach dem Staat. Die Banken haben es vorgemacht.

Markus Schrenker


Weitere Ergebnisse der Studie unter www.empisoz.de