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Humboldt-Universität zu Berlin | Presseportal | Informationen für Medien | Publikationen | HUMBOLDT | 2008/2009 | Ausgabe 9 | Geschichte | Im Widerstand gegen die Kriegsvorbereitungen der Nazis

Im Widerstand gegen die Kriegsvorbereitungen der Nazis

Die Berliner Studentin Lilo Herrmann
Bild zum Artikel
Die Studentin Lilo Herrmann wurde am 20. Juni 1938
in Plötzensee ermordet.
Das Foto ist von der Gestapo aufgenommen.

Liselotte Herrmann wurde am 23. Juni 1909 in Berlin geboren. Die gesicherte Existenz ihres Vaters als angesehener Ingenieur ermöglichte eine behütete und sorglose Kindheit. Mehrmals zog die Familie um. 1929 legte Lilo an der Viktoria-Luise-Oberrealschule in Berlin-Wilmersdorf das Abitur ab. In dieser Zeit trat sie dem "Sozialistischen Schülerbund" (SSB) bei. Ihre Eltern waren bereits wieder umgezogen - nach Stuttgart. Dort begann sie nach einer Hospitation als Laborantin im Wintersemester 1929/30 an der Technischen Hochschule ein Chemiestudium. Es dauerte nur vier Semester. Sie war in der "Roten Studentengruppe" und in der Kommunistischen Jugend aktiv.

Ab dem Wintersemester 1931/32 studierte sie an der Berliner Universität Biologie. 1931 trat sie der KPD bei. Überliefert sind "Thesen zu den Rassentheorien", die sie in jener Zeit zusammen mit Diethelm Scheer ausarbeitete. Die junge Frau musste sich behaupten gegen Nazistudenten, die immer frecher auftraten und jüdische und antifaschistische Studierende und Hochschullehrer angriffen. Überliefert ist, dass sie nach dem Machtantritt der Nazis einen "Aufruf zur Verteidigung demokratischer Rechte und Freiheiten an der Berliner Universität" unterschrieb; aufgefunden wurde er bisher nicht. Unter 111 Berliner Studierenden, die am 11. Juli 1933 von jedem weiteren Studium ausgeschlossen wurden, war auch Liselotte Herrmann aufgeführt - "wegen kommunistischer Betätigung auf Grund des Ministerial-Erlasses vom 29. Juni 33".

Lilo Herrmann blieb zunächst in Berlin und nahm am illegalen Widerstand gegen das Naziregime teil. Ihren Lebensunterhalt erwarb sie als Kinderpflegerin. Im August 1933 war der KPD-Funktionär Fritz Rau bei ihr einquartiert, den sie aus der Zusammenarbeit in Stuttgart kannte. Sie wurde von ihm schwanger. Kurz darauf wurde er verhaftet und am 20. Dezember 1933 in seiner Zelle in Moabit totgeschlagen. Als Lilo Herrmann am 15. Mai 1934 ihren Sohn Walter zur Welt brachte, gab sie den Namen seines Vaters niemandem preis; erst 1991 erfuhr ihn die Familie. Im September 1934 zog sie mit dem Kind nach Stuttgart um. In der elterlichen Wohnung fand sie Aufnahme und im Ingenieurbüro ihres Vaters Arbeit. Sie lebte unauffällig und zurückgezogen, nahm aber ohne Wissen ihrer Eltern auch hier Kontakt zum antifaschistischen Widerstand auf.

Ein Jahr wirkte sie in Stuttgart als Mitarbeiterin des illegal lebenden KPD-Bezirksleiters, machte für ihn Schreibarbeiten und Auswertungen. Am 7. Dezember 1935 wurde sie in der Wohnung ihrer Eltern verhaftet. Vor dem Haus erinnert seit 2008 ein "Stolperstein" an dieses Ereignis. Zum Verhängnis wurde ihr der Plan einer unterirdischen Munitionsfabrik, den ihr der KPD-Nachrichtenapparat zur Weiterleitung ins Ausland übergeben hatte. Am 12. Juni 1937 verurteilte der in Stuttgart tagende "Volksgerichtshof" - ein Sondergericht, gegen dessen Urteile keine Berufung möglich war - Lilo Herrmann zusammen mit drei ihrer Mitstreiter zum Tode.

Eine Solidaritäts- und Protestkampagne in mehreren Ländern versuchte die Vollstreckungen zu verhindern - drohte doch hier zum ersten Mal in Nazideutschland einer jungen Mutter wegen Handlungen des politischen Widerstandes die Hinrichtung. Die erhalten gebliebenen Verhörprotokolle bestätigen, dass Lilo Herrmann geschwiegen und ihre Überzeugung verteidigt hat. Wörtlich wurden folgende Sätze von ihr im Verhörprotokoll festgehalten: "Wenn ich über das mir bekannte Ziel des Kommunismus befragt werde, dann kann ich dies in einem Satz ausdrücken, und der heißt: das größte Glück der größten Menge ... Wenn ich weiter gefragt werde, wie ich mir den Weg zu diesem Ziel vorgestellt habe, dann antworte ich darauf: Durch Überzeugung der Massen und Schaffung einer Mehrheit für den Kommunismus."

Am 20. Juni 1938 wurde Lilo Herrmann gemeinsam mit Stefan Lovász, Artur Göritz und Josef Steidle enthauptet. Die Körper der in Plötzensee Ermordeten wurden dem Anatomischen Institut der Charité unter Prof. Hermann Stieve für Forschungszwecke, unter anderem zu dessen bevorzugtem Thema Gynäkologie übergeben.

Lilo Herrmann hatte ihren festen Platz in der antifaschistischen Gedenkkultur der DDR. Dass ihr Schicksal heute vielen Menschen in ganz Deutschland bekannt ist, ist nicht nur ein Verdienst der dokumentarischen Erzählung "Schweigen über Lilo" (1993) von Ditte Clemens, sondern auch Ergebnis einer öffentlichen Auseinandersetzung in Stuttgart, die seit 1988 um einen Stein geführt wird, der an die "erste von den Nazis am 20. Juni 1938 hingerichteten Widerstandskämpferin Lilo Herrmann" erinnert und zum 50. Jahrestag jenes Datums vom Stadtjugendring neben der Universität Stuttgart (aber auf städtischem Grund) aufgestellt wurde. Worum es ging, brachte Prof. Dr. Günther Goes damals so auf den Punkt: "‚Die Überzeugungen, für die Lilo Herrmann eintrat, können nicht die Überzeugungen von Universitäten sein...' schreibt Herr [Prof. Dr. Eberhard - L.L.] Jäckel. Was waren denn die Überzeugungen von Lilo Herrmann? Dass Hitler zum Krieg führt! Das war die Überzeugung von Lilo Herrmann, und darin hatte sie doch recht! Diesen Krieg verhindern zu helfen, dafür setzte sie ihr Leben ein, und deshalb ist ihr Verhalten vorbildhaft, auch für heutige Studenten und Professoren."

Lothar Letsche