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„Der Raupen wunderbare Verwandlung …“

Wertvoller Band Maria Sibylla Merians ist in die Universitätsbibliothek zurückgekehrt
Korallenbaum und Augenspinner in verschieden Entwicklungsstadien. Die Kupferstiche wurden von Maria Sibylla Merian selbst gestochen und coloriert. Quelle: UB
Korallenbaum und Augenspinner in verschieden Entwicklungsstadien. Die Kupferstiche wurden von Maria Sibylla Merian selbst gestochen und coloriert. Quelle: UB

Es gehört zweifellos zu den schönsten Momenten im Leben von Bibliothekaren, wenn eine Nachricht über das Wiederauffinden eines lange verschollenen Buches eintrifft. Noch größer ist die Freude, wenn es sich dabei um einen Folianten handelt, der Werke der bedeutenden Naturforscherin und Künstlerin Maria Sibylla Merian (1647-1717) mit einer Vielzahl colorierter Kupferstiche enthält.

Bei einer Bestandsdurchsicht in der Staatsbibliothek zu Berlin wurde im März ein vermisster Band der Universitätsbibliothek mit Merians Schriften „Dissertatio de generatione et metamorphosibus insectorum surinamensium“ (1726) und „Histoire des insectes de l‘Europe“ (1730) gefunden. In den Wirren des Zweiten Weltkriegs war er in die dortigen Bestände gelangt. Ursprünglich war der Band Teil der Sammlung des preußischen Politikers Karl von Nagler, die 1835 vom Kupferstichkabinett der Königlichen Museen aufgekauft wurde. Von diesem wurde er 1884 an die Bibliothek der Friedrich-Wilhelms-Universität abgegeben. Die beiden Schriften markieren wichtige Wegmarken im Schaffen jener Pionierin der Insektenforschung, welche im 19. Jahrhundert in Vergessenheit geriet und deren Bedeutung erst in den letzten Jahrzehnten wiederentdeckt und gewürdigt wurde.

Schon als Heranwachsende widmet sich Merian der Kupferstecherei und Malerei. Ihre Blumenbilder schmückt sie häufig mit Darstellungen von Insekten. Bald ­bildet sich ein tieferes Interesse an Insekten heraus. Zu dieser Zeit gelten diese Tiere in christlicher Perspektive als „Teufelsgeziefer“ und sind noch kaum Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtung. Maria ­Sibylla Merian beginnt mit der Zucht von Raupen und geht besonders der bis dahin nicht beachteten Frage nach, wie sich die Entwicklung und Verwandlung der Insekten vollzieht.

Ihre langjährige Beobachtung der Insekten mündet in dem zweibändigen Werk „Der Raupen wunderbare Verwandlung und sonderbare Blumennahrung“ (1679/1683), in dem auf jedem Blatt die Entwicklungsstadien der jeweiligen Schmetterlingsart sowie die den Insekten als Nahrung dienenden Pflanzen gezeigt werden. Die „Histoire des insectes de l‘Europe“ stellt eine erweiterte französischsprachige Ausgabe dieses Werks dar.

Merians Hauptwerk ist zweifelsohne die Naturgeschichte der Insekten Surinams, die aus ihren Reisebeobachtungen in der südamerikanischen Kolonie zwischen 1699 und 1701 schöpft. Auf Bildtafeln mit eindrucksvollen Kupferstichen und in Erläuterungstexten werden die Lebenszyklen der Insekten jener farbenprächtigen Tropenwelt dargestellt. Auch die postume lateinisch-französische Ausgabe von 1726 wurde unter Verwendung der originalen Kupferplatten angefertigt.

Nach seiner Rückgabe ist der Foliant – diese großformatige Sammlung kolorierter Kupferstiche – im neuen Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum im Bereich der Historischen Sammlungen zu finden. Als materielles Objekt zieht der Band wegen seiner zahllosen Wege und Irrwege – die auch an Beschädigungen an Einband und Buchblock sichtbar werden – zugleich eine Erinnerungsspur durch knapp 200 Jahre Berliner Bibliotheksgeschichte.

Christian Winterhalter