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Humboldt-Universität zu Berlin | Presseportal | Informationen für Medien | Publikationen | HUMBOLDT | 2009/2010 | Ausgabe 1 | Kultur | „Es ist das Allergrößte, eine Fußnote zu sein“

„Es ist das Allergrößte, eine Fußnote zu sein“

Geschichtsdoktorand Karsten Krampitz gewann beim 33. Ingeborg-Bachmann-Literaturwettbewerb mit seiner Novelle „Heimgehen“ den Publikumspreis
Geschichtsdoktorand und Autor Karsten Krampitz Foto: Uli Decker
Geschichtsdoktorand und Autor Karsten Krampitz.
Foto: Uli Decker

Karsten Krampitz will Popstar werden. Von seinem Jugendweihegeld kauft er sich ein Schlagzeug – für 1.800 DDR-Mark. Er übt wie ein Besessener, tagein, tagaus. Schon bald erkennt er aber, dass es – rein anatomisch – nichts werden kann mit der Popstar-Karriere. Denn Karsten Krampitz’ rechter Arm hat irgendwann einfach aufgehört zu wachsen. Nun besitzt er ein Schlagzeug, das die Rockbands im Haus der Künste in Frankfurt/Oder dringend für ihre Proben brauchen. Der Deal: Karsten Krampitz leiht den Musikern sein Schlagzeug und darf im Gegenzug deren Liedtexte schreiben. Er beginnt Prosatexte zu verfassen und besucht einen Lyrikkurs. Für „nicht gut, aber ausbaufähig“, befand seine Kursleiterin Ingrid Kopielski seine Arbeiten damals, erinnert sich der Autor. Seine Novelle „Heimgehen“ hat er ihr gewidmet: sie ist heute seine Lektorin und er Gewinner des Publikumspreises des Ingeborg-Bachmann-Literaturwettbewerbs.

„Heimgehen“ ist eine frei erfundene Geschichte, der ein wahres Ereignis zugrunde liegt: die Selbstverbrennung des evangelischen Pfarrers Oskar Brüsewitz im Sommer 1976. Karsten Krampitz erzählt darin von einer „Republikflucht in den Himmel“ und wirft in seiner Auseinandersetzung mit dem SED-Staat die Frage nach Opfern und Tätern auf. Schon in seiner Magisterarbeit hat der Geschichtsstudent die Selbstverbrennung des Pfarrers zum Thema gemacht: „Ein Glück, dass ich so lange studiert habe, so konnte ich Material sichten und analysieren, das noch kein anderer Historiker zuvor gesehen hat, weil die Sperrfristen in den Archiven erst 2006 aufgehoben wurden.“ Protestbriefe, Drohungen und Rücktrittsforderungen taten sich dem heute 40-Jährigen auf.

1997 hat sich Karsten Krampitz an der Humboldt-Universität immatrikuliert und am Ende so lange an seiner Magisterarbeit geschrieben, dass er sich mit seiner veröffentlichten Recherche „Ich werde dann gehen – Erinnerungen an Oskar Brüsewitz“ schließlich selbst als Fußnote angeben konnte: „Es ist doch das Allergrößte für einen Historiker, eine Fußnote zu sein.“

Sein erstes Buch – einen mit Comics illustrierten Steuerratgeber für „Ossis“ – belustigt Karsten Krampitz heute selbst. Mit „Rattenherz“ hat er mehr Erfolg, gewinnt 1994 den Berliner Jugendliteraturwettbewerb. Nebenbei schreibt er als freier Journalist für die FAZ, Berliner Zeitung, Die Welt und etliche Obdachlosenzeitungen. Zu dieser Zeit inszeniert er mit Vorliebe politische Kampagnen zur Situation wohnungsloser Menschen. „Unter dem Motto ,Es sind noch Betten frei’ haben wir das Hotel Adlon gestürmt und am Bahnhof Friedrichstraße eine öffentliche Trauerfeier abgehalten, nachdem ein Obdachloser, dem keine Zuflucht gewährt wurde, erfroren war“, erzählt der Autor.

Auch beim Bachmann-Preis polarisiert er; die Jury ist nach seiner Lesung zwiegespalten, doch das Publikum kann er in einer hitzigen Diskussion für sich gewinnen. Die Abstimmung, bei der die Votierenden per Mail eine Begründung für ihre Wahl liefern müssen, gewinnt Karsten Krampitz.

Brüsewitz wird ihn in seiner wissenschaftlichen Laufbahn weiter begleiten. Das Verhältnis von Staat und Kirche in der DDR ist das Thema seiner Promotion, ein Stipendium dafür hat er noch nicht. Noch in diesem Monat erscheint die Anthologie: „Heimat, Heimweh, Heimsuchung“, bei der er Mitherausgeber ist. Ein neues Buchprojekt ist geplant, und Karsten Krampitz möchte sich wieder mehr für die Behindertenzeitschrift „Mondkalb: Zeitschrift für das organisierte Gebrechen“ engagieren. „Erst einmal werde ich auftanken, für so einen Marathon braucht es genügend Proviant“, sagt er. Sein Schlagzeug hat er endgültig verkauft.

Constanze Haase