Direkt zum InhaltDirekt zur SucheDirekt zur Navigation
▼ Zielgruppen ▼

Presseportal

Wenn Menschen sterben wollen

Ein Ausstellungsprojekt von Studierenden der Europäischen Ethnologie

Menschen nehmen sich das Leben, töten sich, machen Schluss, bringen sich um – überall und zu jeder Zeit. Es ist keine neue und ebenso wenig eine vorübergehende Erscheinung, sondern vielmehr eine Konstante in unserem Alltag. Seit jeher gibt es Menschen, die ihrem Leben selbst ein Ende setzen und ihr Umfeld verstört und ratlos zurücklassen.

Eine Ausstellung entsteht Foto: Falk Blask
Eine Ausstellung entsteht.
Foto: Falk Blask

Dem Phänomen des Suizids und den zahlreichen Lebensbereichen, in die er täglich eingreift, widmete sich vom 10. September bis 19. Oktober 2009 das Projekt „sterben wollen | Denkraum Suizid“. Im Rahmen des interdisziplinären Forschungs- und Ausstellungsprojekts inszenierten neun Studierende und Lehrende des Instituts für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität und des Instituts für Kunst im Kontext der Universität der Künste Berlin auf den Freiflächen des Berliner Medizinhistorischen Museums alltägliche Elemente des gesellschaftlichen Umgangs mit Selbsttötung.

Das im Wintersemester 2006/2007 am Institut für Europäische Ethnologie angebotene Seminar „Die Sehnsucht nach dem Tod. Selbsttötung als kulturelle Praxis” hatte gezeigt, dass großes Interesse daran besteht, sich dem Thema wissenschaftlich anzunähern. Fast jeder Mensch beschäftigt sich im Laufe seines Lebens gedanklich mit dem Suizid, dennoch ist gesellschaftliches Schweigen vorherrschend. Vor diesem Hintergrund entstand die Idee, sich in einem größeren Rahmen an das Thema heranzuarbeiten und in einer öffentlichen Installation Denkanstöße zu liefern, Fragen zu stellen und einen Anreiz zur Kommunikation über den Suizid zu geben. Auch ohne persönlich betroffen zu sein, soll man sich darüber Gedanken machen dürfen. Reden über Suizid kann sensibilisieren, präventiv wirken, Betroffene aus ihrer Isolation holen und ein Weg zur Verarbeitung sein.

Eine Konfrontation mit Fakten, Klischees, Vorurteilen und Fehlannahmen zum Thema Suizid liefern 15 künstlerisch bearbeitete Türen, die auf den Rasenflächen vor und hinter dem Zaun des Berliner Medizinhistorischen Museums platziert wurden. Sie stellen menschliche Silhouetten dar, ausgesägt oder aufgemalt, alt, jung, weiblich oder männlich, neben denen etwa Zitate, Interviewausschnitte, Abschiedsbriefe, eigene Texte sowie Bilder Aspekte des Themas Suizid aufgreifen. Die Tür-Installationen sind bis zum 19. Oktober zu sehen.

Die wissenschaftlich-künstlerischen Arbeiten auf freier Fläche wurden ergänzt durch einen Container als zentralen Informations-, Begegnungs- und Reflexionsort, in dem künstlerische Arbeiten gezeigt und eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema angeboten wurde. In Aktenschränken, auf Tischen, in Schubladen, einer Installation mit Hörcollage, Interviews und Abschiedsbrieffragmenten sowie einer Videoprojektion wurde Recherchematerial aufbereitet: Artikel, Essays, Publikationen, wissenschaftliche Arbeiten, Erfahrungsberichte beruflich und persönlich betroffener Personen.

In der Hörsaalruine des Berliner Medizinhistorischen Museums, das dem Projekt auch inhaltlich und organisatorisch zur Seite stand, fand ergänzend ein Begleitprogramm statt. Unter den Titeln „Suizid im Alter”, „Suizid denken…”, „Suizid spielen.”, „Suizid reden.” und „Suizid ausstellen?” wurde diskutiert, sich ausgetauscht, gefragt und gemeinsam nachgedacht sowie auch die Uraufführung eines Theaterstückes präsentiert, das im Rahmen des Projekts erarbeitet wurde. Das Bündnis gegen Depression und die TelefonSeelsorge Berlin-Brandenburg begleiteten das Projekt in der Spätphase als Kooperationspartner und standen als präventiv arbeitende Organisationen Betroffenen beratend zur Seite. Darüber hinaus entsteht nun eine Publikation, die das Thema Suizid im Berliner Stadtraum verorten wird.

Die bearbeiteten Themen spiegeln Interessenschwerpunkte wider, die aus der persönlichen Auseinandersetzung erwachsen waren und sich während der Recherche- und Bearbeitungsphase präzisierten. Puzzleteile hiervon finden sich nun in der Installation wieder: Abschiedsbriefe, die persönliche Geschichten und viele Facetten der Selbsttötung beleuchten; Suizide nationalsozialistisch Verfolgter; die begrenzte Aussagekraft von Suizidstatistiken; Standpunkte bekannter Denker; Versuche unterschiedlicher Sprachen, den Suizid mit Worten zu fassen; individuelle Wege, mit dem Suizid eines nahe stehenden Menschen umzugehen.

Falk Blask


Die Türen als ein Teil der Installation werden noch bis zum 19. Oktober 2009 auf der Freifläche vor dem Medizinhistorischen Museum, Charitéplatz 1, jeweils Di - Sa 13 - 17 Uhr, zu sehen sein. Eintritt frei.

www.sterbenwollen.de