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Unikate

Unter der Überschrift „Unikate“ schreibt der Präsident der Humboldt-Universität zu Berlin, Prof. Dr. Christoph Markschies, regel­mäßig über Erlebnisse aus seinem universitären Alltag, die von allgemeinerem Interesse sind. Er freut sich über Reaktionen: praesident@hu-berlin.de

In den letzten Jahren vor seinem Tode saß mein Vater in einem Rollstuhl. Ich habe ihn gern dann und wann durch die Gegend geschoben und mich dabei mit ihm unterhalten – sofern ich nicht die ganze Kraft darauf konzentrieren mußte, den Rollstuhl den Bordstein hinauf oder hinab zu bringen, behindertengerechte Fahrstühle zu suchen und Wege, durch die das Gerät hindurch paßte. Entsprechend elektrisiert reagierte ich, als mir in der vergangenen Woche deutlich wurde, daß zu den ­Kinderkrankheiten unserer wunderschönen ­neuen Universitätsbibliothek, des Grimm-Zentrums, offenbar auch erhebliche Probleme für Rollstuhlfahrer gehören. Man kann die Außentüren nicht gut öffnen, die Pläne weisen nicht die richtigen behindertengerechten Auf­züge aus, die Mechanismen der Innentüren ­fallen leicht aus, die Arbeitsplätze sind noch nicht optimal ausgestattet – ich stellte mir beim Lesen eines entsprechenden Artikels in der Studierendenzeitung „Unaufgefordert“ ­meinen bis in seine letzten Tage lesebegeisterten Vater vor und seine Mühen; bei einer sofort anberaumten Besichtung fand ich dann leider alles bestätigt, was ich lesen mußte. Es mag immer vorkommen, daß bei einem so großen Bau zu Beginn nicht alles funktioniert und irgendwelche Firmen geschlampt haben, aber be­stimmte Fehler sollten erst gar nicht ­passieren und bestimmte Probleme erst gar nicht auftreten. Die dringendsten Probleme werden wir natürlich sofort zu beseitigen versuchen und können auf die bewährte Energie der Technischen Abteilung und der Bibliotheksleitung bauen. Viel wichtiger ist aber eine Erfahrung, die ich selbst gemacht habe: Wenn man einmal längere Zeit einen Menschen im Rollstuhl durch unsere Straßen und Gebäude schiebt, betrachtet man Gebäude und Gehwege mit anderen Augen als ohne diese Erfahrung. Und so wünsche ich mir, daß unsere künftigen Gebäudeplanungen immer mit solchen Menschen gemacht werden, die nicht nur die einschlägigen DIN-Normen im Kopf haben, sondern aus der Perspektive einschlägiger Benutzergruppen denken können. Technisch gesprochen: Die Barrierefreiheit unserer Bauten, der wunderschönen neuen und der traditionsreichen alten, verdient größte Aufmerksamkeit. Man sitzt beispielsweise schneller im Rollstuhl, als sich denken läßt. Und sollte nicht erst in diesem Augenblick über Barrierefreiheit nachdenken müssen. Freiheit wird so gern als hehres Wort im Munde geführt, allzumal an Universitäten, manchmal aber klingt es wie Freibier, wenn Freiheit für alles und jedes gefordert wird. Entsprechende Parolen werden an den deutschen Universitäten gern wie Monstranzen durch die Gegend getragen. Freier Zugang für Menschen im Rollstuhl, für Sehbehinderte, Kleinwüchsige sollte aber ein selbstverständlicher erster und sehr konkreter Schritt auf dem Wege zur akademischen Freiheit sein.

Ihr Christoph Markschies