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Humboldt-Universität zu Berlin | Presseportal | Informationen für Medien | Publikationen | HUMBOLDT | 2009/2010 | Ausgabe 4 | Forschung | „Bilder sind mehr als oberflächliche Kopien der Welt“

„Bilder sind mehr als oberflächliche Kopien der Welt“

Im November wurde die Kolleg-Forschergruppe „Bildakt und Verkörperung“ gegründet

Jeder Internetnutzer kennt sie: kryptische Codewörter, die plötzlich auf dem Bildschirm erscheinen. „Zur eigenen Sicherheit“ müssen diese Bildnisse vom Nutzer entschlüsselt werden, bis sich die gewünschte Website schließlich öffnet. „Kein Computer dieser Welt könnte das. Computer sind keine Menschen, sie können Bilder nicht verstehen“, sagt Philosophieprofessor John Michael Krois. Zusammen mit Kunsthistoriker Horst Bredekamp hat Krois Anfang November die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) ­finanzierte Kolleg-Forschergruppe „Bildakt und Verkörperung“ eröffnet, die beide gemeinsam leiten. In dem vorerst auf acht Jahre angelegten Projekt wollen Kunsthistoriker und Philosophen der HU im engen Verbund untersuchen, wie konstitutiv die Körperlichkeit des Menschen für das Erkennen von Bildern ist.

Der Naturwissenschaftler, Zeichner und Begründer der Philosophie des Pragmatismus Charles S. Peirce (1839-1914) zeigt hier eine binäre Addition. Die Linien, die sich um die Punkte schlingen, dienen der Kontrolle der Rechenoperation, die auch mechanisch durchführbar ist.

Der Naturwissenschaftler, Zeichner und Begründer der Philosophie des Pragmatismus Charles S. Peirce (1839-1914) zeigt hier eine binäre Addition. Die Linien, die sich um die Punkte schlingen, dienen der Kontrolle der Rechenoperation, die auch mechanisch durchführbar ist.
Abb: www2.hu-berlin.de/bildakt-verkoerperung

„Menschen haben einen Zugang zu Gesten, Handlungen und Emotionen, der es ihnen ermöglicht, andere zu verstehen und unmittelbar auf sie zu reagieren. Das funktioniert auch bei der Betrachtung von Bildern“, so der Kulturphilosoph. Auf dem Fundament historischer Bildphänomene, wie etwa den frühen Höhlenmalereien, will die Kolleg-Forschergruppe eine Bild- und Verkörperungstheorie entwickeln, die eine Basis für die Erforschung aktueller Fragen von modernen Bild gebenden Verfahren, der Bildverarbeitung und Verkörperungsfragen bietet. Bilder lassen sich – so die Arbeitshypothese – erst dann erklären, wenn ihre Form und Lebendigkeit, ihre Fähigkeit anderes zu vertreten und gegenstandslose Stimmungen darzustellen, auf der Basis einer Verkörperungstheorie untersucht werden.

Das Forscherteam nimmt an, dass in jeder Bilderkennung nicht nur die Augen, sondern der gesamte Körper wahrnimmt. „Bilder wirken lebendig, und ihre Deutung ist abhängig von der Situation des Betrachters, seinen Emotionen und Erfahrungen“, sagt Krois. „Sie sind mehr als nur ein Fotoapparat, der oberflächliche Kopien der Welt produziert, Bilder werden mit allen Sinnen genossen.“ Diese These wird dadurch bestärkt, dass auch blind geborene Menschen Bilder zeichnen können, weil ihnen die Form des eigenen Körpers bekannt ist.

Außerdem soll die Theorie des Bildakts beleuchtet werden, der zufolge Bilder nicht nur abbilden, sondern auch erzeugen, was sie darstellen. „Bilder vom Staatspräsidenten eines Landes in einer Botschaft strahlen beispielsweise heute einen ähnlichen Machteffekt aus wie einst im Römischen Reich die Statuen des Kaisers“, so Krois. Diesen ­Effekt machen sich auch Produzenten von Nachrichtensendungen zu Nutze. Denn Bilder haben eine starke Wirkung und können auch gefährlich sein, wie beispielsweise die Übertragung eines terroristischen Hinrichtungsvideos, das seine bloße Existenz und die des Ereignisses bezeugt. „Gleichzeitig ist die Tat überhaupt erst von der Möglichkeit der Visualisierung motiviert“, erklärt Krois.

Diese Annahmen könnten zukünftig enorme wissenschaftliche Auswirkungen auf beide Disziplinen haben. „In der Kunst- und Bildgeschichte müssen innerhalb der Verkörperungstheorie nicht mehr nur Geist und Intelligenz, sondern auch die bisher vernachlässigten Handlungen bedacht werden. In der Philosophie dagegen wird die zentrale Rolle der Sprache in Frage gestellt, auf der alles philosophische Denken beruht. Sie wird plötzlich durch Verkörperung und Bildkompetenz ergänzt“, so der Philosophieprofessor.

Constanze Haase

www2.hu-berlin.de/bildakt-verkoerperung