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Die Schönheit der Quilombos

Studentin Jenny Duwe arbeitet die afrikanischen Einflüsse in Brasilien fotografisch auf

Sie kennen Quilombos nicht? Kein Wunder: „Ihre bisherige Überlebensstrategie hieß verstecken“, sagt Jenny Duwe. Quilombo, das ist eine Gemeinde von aus der Sklaverei geflohenen Schwarzen in Brasilien. 15 Millionen Afrikaner wurden während der portugiesischen Kolonialzeit bis zur Abschaffung der Sklaverei 1888 unfreiwillig nach Brasilien geschafft. Die Nachkommen dieser Bevölkerung halten an afrikanischen Gewohnheiten und Sitten fest.

Jenny Duwe studiert Kulturwissenschaft an der HU. Seit August 2009 lebt sie im brasilianischen Bundesstaat Bahia mit etwa 600 bekannten Quilombo-Gemeinden. Ihr Ziel: Eine fotografische Aufarbeitung der afrikanischen Einflüsse und Kultur in Brasilien – in Form einer Ausstellung. Die Besonderheit: Um die Quilombobewohner direkt an der Ausstellung zu beteiligen, finden Fotoworkshops in den Gemeinden statt. Mit selbst gebastelten Lochkameras aus Dosen fotografieren die Beteiligten und entwickeln die Bilder in einer mobilen Dunkelkammer. „So können die Bewohner künstlerisch wirken und dabei Vertrauen in mich und die Ausstellung gewinnen“, sagt Duwe. Denn die ist in erster Linie für die Bewohner der Quilombos konzipiert, um den kulturellen Wert der Gemeinden bekannt zu machen und einen interkulturellen Wissensaustausch anzuregen.

Jennifer Duwe ist Fotografin und Koordinatorin der Ausstellung „Die Schönheit der Quilombos“. Ihr Vater ist Brasilianer, weshalb die 31-Jährige bereits vier Jahre in Brasilien gelebt hat. Ihre ersten Begegnungen mit den Quilombos haben sie zu einem Studium der Kulturwissenschaft an der HU inspiriert – auch ohne Abitur. An ihr erstes Semester kann sie sich gut erinnern. Nach drei Wochen sagte sie zu ihrer Professorin Claudia Bruns: „Ich habe eine Idee, ich weiß nicht, was am Ende rauskommt, aber ich muss es machen.“ Nur Dank des großen Engagements der Professorin kann Jenny Duwe derzeit überhaupt die Geschichte der Quilombos vor Ort aufrollen. „Mit meinen Forschungen bin ich auf ein postkoloniales Pulverfass gestoßen“, sagt sie. Es geht um die Rassenfrage und die ethnische Bedeutung der Quilombos in der brasilianischen Gesellschaft, seit die Verfassung ihnen – als Wiedergutmachung – Rechte zugesprochen hat. Da vielen nicht klar war, dass die zahlreichen Quilombo-Gemeinden riesige Landflächen beanspruchen können, schürt die Entscheidung auch Konfliktpotential. Doch Jennifer Duwe glaubt: „Wenn eine Diskriminierung einmal anerkannt ist, kann sie reflektiert und abgestellt werden, weil Prozesse der Erinnerung und Aufarbeitung angestoßen werden. Die Fotografie könnte einen wesentlichen Einfluss spielen.“ Sicher aber ist: Viel Text wird es in der Ausstellung nicht geben. „Die meisten Quilombos, die ich interviewe, können nicht lesen.“ Die Bilder werden auf  Leinwände gedruckt und als Arbeitsmaterial genutzt. Im nächsten Jahr soll die Ausstellung auch am Institut für Kulturwissenschaft zu sehen sein.

Constanze Haase