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Unikate

Unter der Überschrift „Unikate“ schreibt der Präsident der Humboldt-Universität zu Berlin, Prof. Dr. Christoph Markschies, regel­mäßig über Erlebnisse aus seinem universitären Alltag, die von allgemeinerem Interesse sind. Er freut sich über Reaktionen: praesident@hu-berlin.de

Gestern sah ich die gerade fertiggestellte CD-Rom, die die Baugeschichte und Einweihung unserer neuen geisteswissenschaftlichen Universitätsbibliothek, des Grimm-Zentrums, dokumentiert. Und konnte diverse Verantwortungsträger (darunter mich selbst) beobachten, die mit elementarer Begeisterung über das Gebäude sprachen – im Sommer 2009, kurz vor der Einweihung, wurden diese Gespräche aufgenommen. Nun scheint die Begeisterung verflogen und es hagelt Kritik. Wie üblich dienen das Internet und seine Blogs, Twitter und Ähnliches als Müllkorb für Beschimpfungen: „Das G(rimm-)Z(entrum) ist so attraktiv wie ein Klo. Manchmal muss man halt“, schreibt ein wie üblich anonymer User oder eine Userin. Und auf Twitter beurteilt eine kluge Doktorandin das Gebäude mit der Note Sechs, ungenügend.

So funktioniert Mediengesellschaft: Erst der Hype, alle reden von der schönsten Bibliothek von Welt und dann plötzlich von einer schlichten Katastrophe, von der schlechtesten Büchersammelstelle des Globus. Geht es nicht ein wenig nüchterner? Aus meinen ersten Jahren als Professor in Jena weiß ich, daß die fundamentale Umstellung eines Systems von Zweigbibliotheken auf eine Zentralbibliothek und die Einführung neuer elektronischer Verbuchungssysteme grundsätzlich nicht ohne Probleme abgehen, auch wenn sich alle Mitarbeitenden einer Bibliothek die Arme und Beine ausreißen. Dann hat es ärgerliche Fehler gegeben, insbesondere im Blick auf die Barrierefreiheit: Das hätte nicht passieren dürfen und wird schnellstens behoben. Und schließlich hat die Staatsbibliothek am Potsdamer Platz einen Teil ihrer Magazine schließen müssen. Das konnte nun wirklich keiner voraussehen. Und das wird sich wieder ändern.

Aber das Problem des Grimm-Zentrums liegt tiefer und das ist mir jedenfalls erst allmählich deutlich geworden: Viele Benutzer verwenden den Bau gar nicht als Bibliothek. Sie brauchen in der Universität einen Arbeitsplatz, weil sie ihn offenbar zu Hause nicht haben und anderswo nicht finden. Mir ist immer aufgefallen, daß unsere Universität kaum solche Arbeitsplätze hat, in der letzten Sitzung des Akademischen Senats ist das auch noch einmal deutlich gesagt worden – die Lage im Grimm-Zentrum macht deutlich, daß es mit ein paar Arbeitsinseln, die wir im Hauptgebäude bei den anstehenden Umbauten schaffen, nicht getan ist: Es müssen mehr solcher Plätze her. Erst dann wird die wunderschöne – daran halte ich fest, immer noch und immer wieder! – Grimm-Bibliothek auch von allen Nutzern wieder als wunderschön empfunden werden können.

Ihr Christoph Markschies