Direkt zum InhaltDirekt zur SucheDirekt zur Navigation
▼ Zielgruppen ▼

Presseportal

Ideologie und Wissenschaft

Eine Ringveranstaltung beleuchtet die Anfänge der Berliner Universität in der DDR

Als am 29. Januar 1946 im Admiralspalast die Wiedereröffnung der Berliner Universität gefeiert wird, ist das ein Verstoß der Sowjets gegen den Viermächtestatus der geteilten Stadt –  die Wiederaufnahme des Lehrbetriebs ist weder mit den Westalliierten noch mit dem Magistrat abgestimmt. Zu einer tatsächlichen „Neugründung“ ist es somit nicht gekommen. Mit Blick auf den aktuellen Forschungsstand spricht auch Rüdiger vom Bruch, Inhaber des Lehrstuhls für Wissenschaftsgeschichte an der Humboldt-Universität, von einer „Wiedereröffnung“: „Die Humboldt-Universität stand in jeder Hinsicht in der Tradition der Berliner Universität“ und er fügt an: „Moralisch war diese Tradition allerdings unklar.“

Der Streit um Neu- oder Wiedereröffnung war nicht die einzige begriffspolitische Debatte nach 1945. Der Name „Friedrich-Wilhelms-Universität“ hatte keinen Bestand mehr und zunächst trug die Hochschule ihre ursprüngliche Bezeichnung: „Berliner Universität“. Doch der Verweis auf die Brüder Humboldt lag bereits in der Luft, so sprach der „Tagesspiegel“ zur Wiedereröffnung von der „Humboldt-Universität“. Das mag an den Statuen von Wilhelm und Alexander von Humboldt gelegen haben, die auch noch vor dem halb zerstörten Hauptgebäude Stellung bezogen. Es war aber vor allem ein Signal, mit dem man sich in eine bestimmte Forschungs- und Wissenschaftstradition stellte: 1949, im Jahre der DDR-Staatsgründung, bewilligte die SED den Namen „Humboldt-Universität zu Berlin“. Die Humboldt-Brüder wurden zu „Vordenkern eines sozialistischen Humanismus“ stilisiert, wie vom Bruch ausführt. Sie galten somit als Wegbereiter des Sozialismus – eine Einschätzung, die sich eigentlich nicht mit deren negativ konnotierter Herkunft als „Junker“ vertrug. Doch stellte man die wichtige Rolle Alexanders bei den Befreiungskriegen in Südamerika und seine Freundschaft zu Georg Forster heraus, der als Ahnherr des Sozialismus gesehen wurde. Wilhelm hingegen blieb bis 1960 im Hintergrund. Erst das 150-jährige Jubiläum der Universität rückte dann auch seine Biographie in den Mittelpunkt: als progressiver Reformer.

An der Berliner Universität wurde seit ihrer Wiedereröffnung eine gezielte Kaderpolitik betrieben: Vorstudienanstalten und Arbeiter- und Bauern-Fakultäten sollten zu einer Veränderung der studentischen Sozialstruktur führen; zudem wurden Kinder bildungsferner Schichten bevorzugt. „Der Propagandaeffekt war mindestens genauso groß“, sagt Rüdiger vom Bruch. Schließlich habe es zwar im Bildungssystem der DDR insgesamt eine gezielt sorgfältige Kaderpolitik gegeben, aber nur zwei Universitäten standen politisch im Mittelpunkt: Die Universität Leipzig, an der die journalistische Ausbildung betrieben wurde und die Humboldt-Universität, die sich mit Fachbereichen wie den Afrika- und Asienwissenschaften als international gegenüber dem Ostblock, dem Westen und der dritten Welt präsentierten wollte. Eine Ringveranstaltung in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam thematisiert nun die Geschichte der Universität in der DDR.

Silvio Schwartz


„Ideologie und Wissenschaft: Die Universität der 1960er und 1970er Jahre aus Zeitzeugen-Perspektive“

Nächste Veranstaltung:

14. Juli 2010 um 18 Uhr c.t., Senatssaal
Gäste: Dr. h.c. Wolfgang Thierse, Dr. Guntolf Herzberg und Dr. Christoph Links.
Moderation: Prof. Dr. Martin Sabrow

www.zzf-pdm.de/site/317/default.aspx#200_Jahre_HU