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„Die Situation verschärft sich“

Vizepräsident Michael Kämper-van den Boogaart über den kommenden Bewerberansturm

Michael Kämper-van den Boogaart
Foto: Heike Zappe

Herr Kämper-van den Boogaart, Sie starten Ihre Amtszeit mit der Eröffnung des Studierenden-Service-Centers. Freuen Sie sich darüber?

Das Center ist ein Geschenk an die Studierenden, aber auch an mich. Ich war richtig begeistert, als ich den umgebauten Lichthof gesehen habe. In diesem Ort steckt eine starke Symbolik: Alles an einem Platz zusammen zu haben, im Licht zu stehen, den Blick nach oben riskieren zu können – das ist ein ermutigendes Zeichen für den Studienbeginn.

Werden Sie als Vizepräsident verstärkt auf Serviceorientierung setzen?

Ob es um Lehre, Forschung oder Verwaltung geht: Serviceorientierung wird angesichts einer heterogener gewordenen Studierendenschaft immer wichtiger an der Universität.

Mit dem Wort muss man allerdings vorsichtig umgehen und aufpassen, dass ein semantischer Kern erhalten bleibt. Indem man Verwaltung in Service umbenennt oder einen Gegensatz zwischen Administration und Service aufmacht, hat man noch nicht viel erreicht. Im Studium heißt Serviceorientierung auch, dass wir uns der Sprache der Studierenden annähern müssen.

Bitte geben Sie ein Beispiel.

Wir stellen in unseren Studienordnungen einen idealtypischen Studienverlaufsplan dar, der als Inspiration dienen soll. Aber viele Studierende sind unglücklich, wenn sich ihre Studienbiografie nicht idealtypisch entwickelt. Etwas, das als Hilfe gedacht ist, gerät fast zu einer terrorisierenden Information, die dazu führen kann, dass man es als persönlichen Fehler ansieht, nicht dem Beispiel zu genügen. Mir ist es wichtig, dass wir, zusammen mit den Fakultäten, die Studierenden in solche Entstehungsprozesse einbeziehen. Wer Kenntnis von den Herausforderungen der Studienorganisation gewinnt, kann alles verständnisvoller aufnehmen.

Die Universität steht vor großen Herausforderungen: Im Wintersemester kommt durch doppelte Abiturjahrgänge in Bayern und Sachsen-Anhalt und die Aussetzung der Wehrpflicht eine Lawine von Studierenden auf die Universität zu. Mit wie vielen Bewerbern rechnen Sie?

Das ist schwer zu sagen. Wir rechnen bundesweit mit mehr als 50 000 Bewerbern. In meinem Fach – Bachelor Deutsch – gab es beispielsweise zuletzt 990 Bewerbungen für 40 Plätze. Die Situation hat fiktionale Elemente, weil sich Leute an mehreren Universitäten bewerben und wir nicht wissen, ob wir prioritär angefragt werden oder vielleicht nur die vierte Wahl sind. Wir befinden uns in einer Situation, in der die Bewerbungen ein extremes Ausmaß annehmen werden und sich die Probleme für Berliner Abiturienten, einen Platz an Berliner Universitäten, und für Bachelorabsolventen einen Masterplatz zu bekommen, verschärfen werden.

Um den Ansturm bewältigen zu können, werden Bund und Länder den Universitäten zusätzliches Geld zur Verfügung stellen. Der Bund hat kürzlich beschlossen, die Mittel für den Zeitraum 2011 bis 2015 von 3,2 auf 4,7 Milliarden Euro zu erhöhen. Wie bewerten Sie das?

Die Initiative von Bund und Ländern klingt zweifellos wie eine gute Nachricht. Indes, gelangt diese vermeintlich hohe Summe wirklich an die Universitäten? Danach sieht es momentan in Berlin nicht aus. Und wann erhalten die Universitäten diese Mittel? Wieder einmal im Nachhinein? Zu bedenken ist zudem: Wenn wir zusätzliche Bachelorstudierende aufnehmen, haben wir später auch zusätzliche Master-Kandidaten. Für diese Studienplätze gibt es aber keine Mittel. Ein Problem ist schließlich, dass doppelte Jahrgänge und Aussetzung der Wehrpflicht temporäre Erscheinungen sind, das heißt, dass wir keine zusätzlichen Professuren aus diesem Topf bezahlen können.

Was ist die Alternative?

Wir müssen uns etwas einfallen lassen, um auch in der Lehre zu temporären Lösungen zu kommen, ohne mehr Lehraufträge zu vergeben. Denn in manchen Fächern ist der Anteil schon jetzt zu hoch. Wir werden zusätzliche Räume anmieten müssen und prüfen die Effizienz unseres Raummanagements.

Das Stichwort Masterplatz ist schon gefallen – viele Bachelorstudierende fürchten, keinen Masterplatz zu bekommen.

Diese Befürchtung ist begründet. Das Preismodell, das wir mit den Hochschulverträgen akzeptiert haben, sieht vor, dass uns das Land vier Jahre Studium finanziert, was impliziert, dass nur jeder zweite Bachelorabsolvent einen Masterplatz erhalten kann. Die Situation verschärft sich allerdings noch, weil der Übergang von Bachelor zu Master für Studierende als Mobilitätsscharnier dient und Berlin ein attraktiver Studienort ist.

Was bedeutet das für HU-Bachelors?

Unsere Absolventen konkurrieren mit den Absolventen der anderen Berliner Universitäten und Bundesländer. So gesehen, könnte es sogar passieren, dass nur ein Viertel unserer Bachelor-Absolventen bei uns den von ihnen begehrten Masterplatz bekommt. Schwierig ist es insbesondere mit den Masterplätzen in der Lehrerbildung. Die Universitätsleitung hat beschlossen, 100 Prozent Masterplätze bereitzuhalten. Um das zu finanzieren, müssten wir eigentlich in anderen Bereichen Plätze einsparen. Der Staat schreibt uns zwar vor, dass wir berlinweit 10 000 Studienanfänger generieren sollen, ist aber nicht bereit, das gesamte Studium auszufinanzieren. In diesem Punkt werden wir Diskussionen mit den politischen Partnern führen müssen.

Es heißt, dass jeder Bachelorabsolvent bei guter Leistung deutschlandweit einen Masterplatz bekommen kann.

Grundsätzlich mag das stimmen, ich weiß aber, dass die Zulassungskriterien für einen in das Referendariat führenden Master an manchen anderen Universitäten so angelegt sind, dass man nur reinkommt, wenn man auch den Bachelor dort gemacht hat. Die Zulassungsbedingungen für Master müssen bundesweit so gestaltet werden, dass man sich überall bewerben kann und eine reale Chance hat, einen Platz zu bekommen.

Im vergangenen Jahr gab es bundesweit Studierendenstreiks gegen die Bolognareform. Es wurde unter anderem bemängelt, das Arbeitspensum sei zu hoch. Welche Erfahrungen machen Sie als Professor?

Mir ist in vielen Gesprächen aufgefallen, dass sich mit der Einführung von Bachelor und Master insbesondere eine Information verdichtet hat, deren Wahrheitsgehalt gegen Null tendiert, nämlich dass man exmatrikuliert wird, wenn man nicht in sechs Semestern seinen Abschluss schafft. Ich habe Seminare mit alten und neuen Studiengängen gehabt, die merkwürdig aufeinander geschaut haben. Die BA-Leute haben die alten Studiengänger fast als Sozialschmarotzer angesehen, die es sich noch leisten konnten, so lang zu studieren. Es hat eine Weile gedauert, bis klar geworden ist, dass es eine Regelstudienzeit gibt. Mehr Repressalien wird es nicht geben. Zu hinterfragen bleibt dabei auch, ob Arbeitgeber überhaupt 20-jährige Absolventen, und diese werden durch verkürzte Schul- und Studienzeit kommen, gerne einstellen möchten.

Welche Ideen haben Sie, um die Studierenden trotzdem gut auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten?

Wir überlegen, innerhalb des Studiums mehr Praxis anzubieten. Ich kann mir etwa universitäre Ausbildungsschulen vorstellen, analog zu Lehrkrankenhäusern, in denen die Studierenden sich nicht nur als Unterrichtende erproben, sondern in denen sie ebenso mit Lehrkräften explorative Forschungsprojekte durchführen, um mehr über die Hintergründe zukünftiger Unterrichtspraxis in Erfahrung zu bringen, beispielsweise über das Lernen in heterogenen Gruppen.

Das Gespräch führten Constanze Haase und Ljiljana Nikolic.