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Das Hirn isst mit

„Nervennahrung“ im Test: Wer abgelenkt wird, greift schneller zu Schokolade oder Chips

Gehirne sind Egoisten. Obwohl sie nur zwei Prozent unseres Körpergewichts ausmachen, beanspruchen sie ein Viertel unseres täglichen Glukosebedarfs. Diesen Zucker holt sich das Hirn, indem es bei schlechter Energieversorgung Signale aussendet, die uns zwingen, immer mehr zu essen. „Das Gehirn bestimmt, wie wir handeln. Fettleibigkeit ist daher auch das Ergebnis von Ernährungsentscheidungen, die wir oft unbewusst treffen“, sagen die kognitiven Neurowissenschaftlerinnen Lia Sanders und Shereen Chaudhry von der Berlin School of Mind and Brain, einer Forschungseinrichtung der Humboldt-Universität.

Gehirn
Foto: Heike Zappe

Die beiden planen derzeit eine Ausstellung mit einem Liveexperiment, um darüber zu informieren, wie sich die Entscheidungsfindung im Gehirn auf das Problem starken Übergewichts auswirkt.

Warum greifen wir beim Fernsehen oder Lernen für eine Prüfung gerne zu Schokolade und Chips, obwohl wir genau wissen, wie ungesund beides ist? Sanders und Chaudhry haben eine Erklärung: das Bedürfnis- und Abwägungssystem im Gehirn. „Das Bedürfnissystem reagiert auf Belohnungsaspekte von Nahrung wie etwa guter Geschmack, Geruch und Aussehen. Das Abwägungssystem zieht dagegen rationale Aspekte in Betracht, etwa den gesundheitlichen Nutzen oder aber Inhaltsstoffe, die eine Diät fördern“, sagt die Forschungsstipendiatin Shereen. „Erst die Interaktion zwischen diesen beiden Systemen führt zu einer Entscheidung, ob jemand essen möchte oder nicht“, ergänzt Promotionsstudentin Lia, die aus Brasilien stammt.

Wer nun aber konzentriert am Computer arbeitet oder einen Film schaut, dessen Abwägungssystem ist so stark mit dieser kognitiv anspruchsvollen Aufgabe beschäftigt, dass es fast unmöglich ist, dasselbe System gleichzeitig für eine rationale Ernährungsentscheidung heranzuziehen. So hat das Bedürfnissystem leichtes Spiel und gewinnt einen größeren Einfluss auf die anstehende Nahrungsentscheidung – was oft folgt, ist der Griff zur Schokolade.

Ihre Thesen werden die beiden Nachwuchs-Neurowissenschaftlerinnen der Öffentlichkeit im Rahmen der Ausschreibung des Publikumspreises „Wissenschaft interaktiv“ von Wissenschaft im Dialog und Stifterverband allgemeinverständlich und interaktiv vermitteln. Ein von den Forschern Baba Shiv und Alexander Fedorikhin bereits 1999 durchgeführtes Experiment wird dabei als Teil der Ausstellung dienen. Die Besucher können an einem Verhaltenstest zur Nahrungsauswahl teilnehmen und erhalten anschließend mit Hilfe eines riesigen dreidimensionalen Gehirnmodells und seiner Netzwerke Einblick in die bei dem Test ablaufenden neurowissenschaftlichen Vorgänge. „Sie lernen dabei nicht nur, wie das Gehirn die Gesundheit beeinflusst, sondern auch wie Wissenschaft funktioniert, indem sie ein Experiment durchlaufen und erleben, wie dessen Resultate in wissenschaftliche Erkenntnisse über menschliches Verhalten münden“, sagt Lia Sanders.

Und so läuft das Experiment ab: Die Besucher bekommen am Eingang entweder eine zwei- oder siebenstellige Zahl genannt, die sie sich einprägen müssen. Im nächsten Schritt sollen sie sich zwischen Schokoladenkuchen und einer Schale mit Früchten entscheiden. Konfrontiert mit der Wahl zwischen zwei süßen Nahrungsmitteln, soll das Abwägungssystem Menschen dazu anhalten, das gesündere Nahrungsmittel – die Früchte – dem weniger gesunden Kuchen vorzuziehen. Da das Abwägungssystem bei dem Experiment aber mit der Zahlenaufgabe beschäftigt ist, steht es für die Ernährungsentscheidung nicht zu 100 Prozent zur Verfügung. Erwartungsgemäß greifen diejenigen, die sich die siebenstellige Zahl merken müssen, dann auch häufiger zum Kuchen.

Fazit: „Das Bewusstsein dafür, dass solche Aufgaben das Gehirn anfälliger machen, kurzfristigem Verlangen nachzugeben, versetzt uns in die Lage, das fest einprogrammierte, auf Selbstbelohnung abzielende Verlangen zu vermeiden. Unser Gehirn beeinflusst unser Essverhalten erheblich, aber wir sind in der Lage, Kontrolle über unsere Entscheidungen zu erlangen, indem wir sie uns bewusst machen“, sagt Lia Sanders. Dem Übergewicht gegensteuern kann man beispielsweise, indem man sich bewusst Zeit nimmt für den Einkauf und die Zubereitung des Essens und keine Ablenkung wie Fernsehen oder Computer zulässt, um nicht unbeabsichtigt in die Chipstüte zu greifen.

Lia Sanders und Shereen Chaudhry haben es mit ihrem Ausstellungskonzept unter die Finalisten von „Wissenschaft interaktiv“ geschafft. Vom 4. bis 9. Juni vollführen sie ihr Experiment im so genannten „Wissenschaftssommer“ in Mainz. 60 000 Besucher, die auch den Sieger des Publikumspreises bestimmen, werden erwartet. Der Gewinner erhält 10 000 Euro.

Eine Mainzer Bäckerei, die den täglichen Nachschub an Schokoladenkuchen organisiert, haben die beiden bereits gefunden. „Mit der Prämie könnten wir die Auswertung der Testergebnisse aus dem Experiment vorantreiben und die Ausstellung vielleicht auch in Berlin zeigen“, sagt Shereen Chaudhry, die im August nach Amerika zurückkehrt – um dort weiter über die Zusammenhänge neuronaler Entscheidungen und Fettleibigkeit zu forschen.

Constanze Haase