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Jung, kreativ, türkisch

Stadtgeografin untersucht selbstständige Migranten

Sie ist Graphik-Designerin und besitzt seit neun Jahren einen kleinen Laden in Kreuzberg. Nach Anstellungen in großen Werbeagenturen hat sie sich bewusst für die Selbstständigkeit entschieden und einen privaten Kredit bei Freunden aufgenommen, um ihren Plan in die Tat umzusetzen. Die junge Frau gehört der zweiten Generation von Türken in Deutschland an, ihre Muttersprache ist türkisch, der Lebensmittelpunkt Berlin, und sie ist selbstständig auf dem Design- und Kreativmarkt.

Kreativ mit ausländischen Wurzeln – das ist die Zielgruppe von Katja Adelhof. Die Stadtgeografin erforscht seit 2005 die Berliner Kreativwirtschaft, ist dafür in Kreuzberg, Neukölln und Friedrichshain unterwegs und hat bei ihren Feldforschungen auch nach türkischen Selbstständigen Ausschau gehalten.

Dem Klischee nach sind Selbstständige im Einzelhandel, etwa in Dönerbuden oder Gemüsegeschäften, zu finden. Aber sind sie auch in der viel gelobten und von der Stadt Berlin gut vermarkteten Kreativszene aktiv, die mit steigendem Umsatz und wachsenden Beschäftigtenzahlen glänzt? „Auch wenn es dazu noch keine offiziellen Zahlen gibt, immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund sind unter den Berliner Kulturschaffenden und Kreativen“, sagt Katja Adelhof. Sie kann mittlerweile auf annähernd 30 qualitative Interviews mit Unternehmerinnen und Unternehmern zurückgreifen, alle zwischen 25 und 35 Jahre alt.

Unter den Befragten war beispielsweise eine türkischstämmige DJane, die nicht nur Musik auflegt, sondern auch Bands promotet, Workshops für den DJ-Nachwuchs anbietet und außerdem an Theater- und Filmproduktionen beteiligt ist. Oder die Designerin, die Elemente traditionellen türkischen Handwerks in moderne Schals und Mützen einfließen lässt und ihre Produkte in der Türkei herstellen lässt.

„Besonders Frauen machen sich im Design- und Kunstmarkt selbstständig, auch weil die Zugangsbarrieren für sie in diesem Bereich geringer sind“, sagt die Forscherin, die als Post doc-Stipendiatin am Geographischen Institut arbeitet. „Auffallend ist, dass die Arbeitslosigkeit nicht ausschlaggebend für die Selbstständigkeit ist – wie es sonst so oft bei der Existenzgründung von Migranten der Fall ist. Vielmehr geht es den Gründern darum, sich in Design, Foto, Mode und ähnlichen Bereichen selbst zu verwirklichen.“

Wie die Gründung abläuft, wird auch vom Elternhaus bestimmt. „Neben unterstützenden Vätern und Müttern sind auch jene zu finden, die mit ihren Kinder jahrelang den Kontakt abbrechen, weil sie deren kreativen Beruf ablehnen“, erklärt Katja Adelhof. Einen Mittelweg beschreiten Eltern, die vor einer kreativen Tätigkeit eine gesellschaftlich anerkannte Ausbildung bei ihren Kindern durchsetzen. Das nützt den Gründern am Ende sogar, weil sie in einer Bank- oder Kaufmannslehre auch Kenntnisse für die Unternehmensführung in der Kreativwirtschaft erwerben.

Als besondere Merkmale konnte Adelhof außerdem eine „translokale und transkulturelle“ Arbeitsweise feststellen. So wählen die Selbstständigen Produktionsstätten im Heimatland ihrer Eltern oder besorgen dort die nötigen Rohstoffe. Ein Teil der Kreativen agiert in beiden Ländern, in Berlin und in Istanbul. Haben die türkischstämmigen Unternehmer Marktvorteile durch diese Besonderheiten? „Auf jeden Fall, wenn es ihnen gelingt, Elemente der deutschen und türkischen Kultur in ihr unternehmerisches Handeln zu integrieren“, sagt Adelhof, die jetzt auch vietnamesische Selbstständige in der Kreativwirtschaft untersucht.

Ljiljana Nikolic