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Sie tranken Blauen Würger und Kumpeltod

Ein Ethnologe forschte fünf Jahre zur Kulturgeschichte des Alkohols in der DDR. Jetzt verkauft er „authentische Spirituosen“

Der Mann ist ein Genussmensch. Zumindest was Spirituosen angeht. Und er ist ein „Öko“, wie er sagt: „Ich möchte die Welt ein bisschen besser machen.“ Der schlanke 42-Jährige mit dem freundlichen, markanten Gesicht ist Historiker und Ethnologe. Thomas Kochan hat über den Alkoholkonsum in der DDR geforscht, die Ergebnisse zu einer Doktorarbeit zusammengefasst, ein Buch darüber herausgebracht. Im März hat er dann einen eigenen Laden eröffnet: „Dr. Kochan Schnapskultur“ steht im geschwungenen Rund des Schaufensters in der Immanuelkirchstraße in Prenzlauer Berg.

Da promoviert einer über Alkohol und berauscht sich an der Idee, über den Vertrieb von Fusel des Volkes Seele zu benebeln? Ist das mit empirischen Forschungsabsichten verbunden oder doch gar die reine Lust am Stoff? So eine Karriereentwicklung weckte Neugier.

Zur Eröffnung seines „Geschäftes für authentische Spirituosen“ kamen denn auch viele Freunde und ehemalige Kollegen und ließen sich von ihm erörtern, was es mit der Wandlung vom Theoretiker zum Unternehmer auf sich hat. Kochan strahlt, wenn er sein Angebot an „regional verankerten, nachhaltig produzierten, biologischen, mit einem Wort: ehrlichen Spirituosen“ vorstellt. Hier verwirklicht er einen lang gehegten Traum. Ein Vorfahr aus dem 18. Jahrhundert war bereits Branntweinbrenner von Beruf.

Kochan betreibt sein Geschäft jedenfalls mit Familienhilfe und persönlichen Kontakten: Zwischen Trestern und Rum, altmodischen Obstbränden und Bio-Likören erzählt er von Klosterelixieren, die sein Schwiegervater eigenhändig an der Klosterpforte in Empfang nimmt. Dass ihm die Mönche aus der süddeutschen Abtei und die Nonnen aus einem Schweigeorden für ihre Kräuterelixiere das Alleinvertriebsrecht eingeräumt haben, erfreut ihn besonders.

In seiner Magisterarbeit an der Humboldt-Universität befasste sich der angehende Ethnologe einst mit einer jugendlichen Subkultur in der DDR, den Bluesfreaks, Tramps und Hippies. „In der Blueser- und Tramperszene spielte Alkohol ja auch immer eine gewisse Rolle“, sagt Kochan. Da kam ihm irgendwann die zündende Idee, über den Alkoholkonsum in der DDR zu promovieren.

Im Gegensatz zu anderen Waren stellten Spirituosen keine Mangelware dar. Der Promovend fand heraus, dass die DDR im Pro-Kopf-Verbrauch von Bier und Spirituosen Ende der 1980er Jahre weltweit einen der drei vordersten Plätze belegte. 1989 schlugen die Ostdeutschen mit 146,5 Liter Bierverzehr den bisherigen Weltmeister Bundesrepublik. Bei den harten Sorten nahm die DDR vor Ungarn und Polen seit 1987 international die Spitzenposition ein, da waren es gar 23 Flaschen pro Kopf jährlich. „Dabei waren die wenigsten exzessive Säufer“, resümiert Kochan. Auch „gemeinschaftliche Rauschrituale“ wie die feuchtfröhlichen Happenings der „Szene“ wurden eher als Ausnahme zelebriert. Das „Schnäpseln“ in der Arbeitsbrigade bei Betriebsfeiern, in der Eckkneipe nach der Schicht oder bei Hausgemeinschaftsabenden aber war integrativer Bestandteil des Alltags, und das sei das eigentliche Signum der DDR-Alkoholkultur, sagt Kochan. Uranbergbauer in der Wismut oder Kohlekumpel wurden mit Deputatschnaps versorgt, der im Volksmund auch „Kumpeltod“ hieß. Dies war gemeinhin akzeptiert, und in den heimischen Küchen wurden nicht selten Eierlikör oder Rumtopf mit dem Hochprozentigen angesetzt. Der Doktorand stellte die gelebte „Alkoholkultur“ der DDR-Bevölkerung der staatlichen „Alkoholpolitik“ gegenüber. Denn der Staat ging mit Verordnungen und Aufklärungsmaßnahmen gegen den hohen Alkoholkonsum vor.

Pünktlich zur Leipziger Buchmesse im März erschien im Aufbau-Verlag Thomas Kochans Doktorarbeit als Paperback. „Blauer Würger“ heißt es – in Anlehnung an den Spitznamen für „Kristall Wodka“, ein geschmacklich zweifelhafter, aber stets verfügbarer Fusel mit blauem Etikett aus dem Warenangebot in der DDR.

Die Recherche für sein Promotionsthema führte den Forscher seinerzeit durch deutsche Lande, er lernte neben den Großbetrieben auch Familienbrennereien kennen, die ihn interessierten. Er erweiterte sein Erkundungsgebiet auf die Alten Bundesländer, nahm Kontakte zu privaten Höfen mit Brennrecht auf und erfuhr so das Handwerk des Brennens und Destillierens in praxi.

Großindustriell hergestellter Schnaps findet in Thomas Kochans Laden keinen Platz. Brände und Liköre, „die auch ethisch genießbar sind“, bietet er an. „Ich möchte Genuss und Nachhaltigkeit zusammenbringen“, unterstreicht der Jungunternehmer. Wichtig sei ihm ein rücksichtsvoller Umgang mit der Natur, die Zutaten für die Spirituosen sollen aus der Region stammen.

Der Völkerkundler möchte in dem Geschäft ein kleines kulturelles Zentrum einrichten, Berichte über Familienbrennereien zum besten geben, Rezepte zum Selberansetzen herausgeben und kulinarische Reisen in bestimmte Regionen unternehmen. Vielleicht etabliert er einen Club für Spirituosenliebhaber, das wird sich zeigen. „Ja, und natürlich möchte ich weiterhin Bücher schreiben und neue Kleindestillerien kennen lernen“, sagt der Alleinunternehmer.

Heike Zappe


Thomas Kochan:
Blauer Würger. So trank die DDR.
Aufbau Verlag, Berlin 2011.
336 Seiten, 19,95 Euro.

Infos über den Laden unter www.schnapskultur.de