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Vielfalt als Gewinn

Eine Universität im Aufbruch: Das Zukunftskonzept der HU entsteht in einer gesunden Atmosphäre des geistigen Wettbewerbs. Ein Text von Jan-Hendrik Olbertz.

Die Humboldt-Universität steht in der Tradition eines Gründungskonzepts, das bis heute nichts an Aktualität verloren hat. Kurz gefasst heißt es „Bildung durch Wissenschaft“. Auch wenn sich durch ihre Geschichte schmerzliche Brüche dieser Kontinuität ziehen, ruht sie doch auf zeitlos modernen Fundamenten. So bildet die Idee der „Einheit von Forschung und Lehre“ zusammen mit dem Anspruch auf unbedingte „akademische Freiheit“ in Forschung, Lehre und Selbstverwaltung bis heute den Ausgangspunkt für Reformdiskussionen. Die Universität bleibt damit entwicklungsoffen, ohne in nostalgische Selbstbetrachtung zu verfallen oder umgekehrt jedem wohlfeilen Modetrend der Hochschulreformdebatte zu folgen.

Zoologische Sammlung
Foto: Heike Zappe

Schon in den ersten Tagen an der Humboldt-Universität ist mir der hohe Grad an Identifikation der Mitglieder mit ihrer Institution aufgefallen. Niemand lässt etwas auf „seine“ Universität kommen. Das hängt damit zusammen, dass es vor allem in den 90er Jahren gelungen ist, mit der Berufung origineller Köpfe ein intellektuelles Klima zu schaffen, das große Anziehungskraft ausübt.

In dieser Atmosphäre, in der Diskurse fruchtbar sind und eine spielerische Kreativität im Denken entsteht, bewirbt sich die Humboldt-Universität erneut in allen drei Förderlinien der Exzellenzinitiative von Bund und Ländern. Die erste Förderlinie bezieht sich auf Graduiertenschulen, also die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses, die zweite betrifft Exzellenz-Cluster, Netzwerke interdisziplinärer Forschung, und die dritte Förderlinie gilt dem übergreifenden Zukunftskonzept der Universität.

In allen drei Linien war die Humboldt-Universität kürzlich mit ihren Antragsskizzen erfolgreich, wird also im September die vollständigen Anträge einreichen. Außerdem beantragt sie – teilweise mit ihren Kooperationspartnern FU und TU sowie gemeinsam mit der Charité – die Verlängerung der Förderung von vier Graduiertenschulen und drei Clustern, die schon in der vorigen Runde des Wettbewerbs erfolgreich waren.

Das Zukunftskonzept wird nicht vom Präsidium „verordnet“, sondern entsteht im intensiven Austausch eines „Forums Exzellenzinitiative“, dem Angehörige aller Mitgliedergruppen der Universität angehören. Zusätzlich sind Arbeitsgruppen tätig, die thematische Schwerpunkte des Konzepts erörtern. Diese Organisationsform führt eine Vielzahl origineller Ansätze zusammen, stiftet produktiven Widerstreit und sichert, dass die Arbeit bei aller Anstrengung auch Spaß macht.

Drei Leitideen bestimmen das Zukunftskonzept „Bildung durch Wissenschaft“: „Persönlichkeit“ steht im Mittelpunkt der Universität als Bildungsinstitution. Außerdem muss sie nach innen und außen „Offenheit“ wahren, um als Freiraum für die Wissenschaft und in der Kooperation mit anderen Institutionen wirksam zu werden. Schließlich erzeugt sie für die Gesellschaft und den Einzelnen „Orientierung“. Sie bietet Strukturen für ihr Urteilsvermögen, für Wissen, Entscheiden und Handeln durch Erkenntnis.

Besonderes Augenmerk legt die Universität auf die Förderung der interdisziplinären Forschung. Kaum eine Entdeckung oder Erfindung der letzten Jahrzehnte ist ja noch aus dem Mittelpunkt eines Faches erwachsen, sondern meist aus den Schnittstellen unterschiedlicher Disziplinen. Aber gilt das für alle Disziplinen oder Fächer? Diese Frage bewegt die Gemüter. Da kann es schon mal vorkommen, dass mitten in einer Diskussion über die Förderung von Interdisziplinarität ein Historiker erklärt, für ihn wäre sie eher hinderlich. Eine Kollegin aus den Naturwissenschaften entgegnet, für sie sei es unumgänglich, benachbarte Disziplinen zu konsultieren, weil anders komplexe Probleme nicht mehr lösbar seien. Ein Dritter erklärt, dass er für seine Arbeit in erster Linie Ruhe brauche, und die größte denkbare Störung für ihn das Schreiben von Förderanträgen sei.

Was ist das Ergebnis solcher Kontroversen? Eine Symbiose der unterschiedlichen Perspektiven: Die Universität schafft mit ihren Integrativen Forschungsinstituten (IRI) und Interdisziplinären Zentren begünstigende Bedingungen für Interdisziplinarität, gründet diese Initiativen aber auf eine ausgeprägte Disziplinenkultur in ihren Fakultäten und Instituten. So kann auch dem wissenschaftlichen Nachwuchs die Erfahrung vermittelt werden, dass man mit fachlicher Expertise ausgestattet übergreifende Perspektiven einnehmen kann. Die jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erfahren dann die Vielfalt der Fachkulturen als Gewinn für die eigene wissenschaftliche Arbeit.

Am Ende wird der Antrag ein Gemeinschaftsergebnis sein, in das vielfältige gedankliche Entwürfe zu einer institutionellen Strategie zusammengeführt werden. Streit wird mit heiterer Gelassenheit ausgetragen. Man respektiert sich gegenseitig und sieht die unterschiedlichen Wahrnehmungsweisen und Zugänge als Vorzug. Natürlich gibt es, wie an jeder Universität, auch das Streben nach individueller Beachtung und Dominanz. Dem wird an der Humboldt-Universität immer dann Raum gewährt, wenn es mit außergewöhnlichen Ideen, sichtbarer Leistung und fairem Verhalten in der Community einhergeht. Gewiss kommt es auch hier hin und wieder zu Flügelspreizen ohne Gehalt. Wer sich darin versucht, gerät schnell an den Rand des Geschehens oder wird belächelt. So herrscht eine gesunde Atmosphäre des geistigen Wettbewerbs, in der allgemein gilt: Aufmerksamkeit und Geltung erlangt man durch Originalität und Leistung.

Gibt es nun bereits ein Zwischenergebnis der Zukunftsdiskussion? In drei Punkten kann man es heute schon benennen: Erstens versteht sich die Humboldt-Universität als moderne Forschungsuniversität, die nicht nur kurzfristig verwertbares Wissen produziert, sondern ihre Aufgabe darin sieht, grundlegende Erkenntnis zu befördern. Das bedeutet, dass sie zugleich der Lehre und der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses hohe Aufmerksamkeit widmet. Dies ist integraler Bestandteil eines universitären Forschungsverständnisses. Nur so können alle Potenziale der Wissenschaft für die Persönlichkeitsbildung und alle Potenziale der Persönlichkeit für die Wissenschaft aufgeschlossen werden. Ansonsten wäre Spitzenforschung bestenfalls das Phänomen einer Generation.

Zweitens ist für die Humboldt-Universität der Universalitätsanspruch der Bildung eine Kernaufgabe. Aber es wird von ihr auch spezialisierte Berufsvorbereitung erwartet. Zu beherrschen ist dieser Widerspruch nur durch exemplarische Zugänge zur Bildung, durch Spezialisierung mit universellem Anspruch. Es geht darum, die übergreifenden Ansprüche an die Wissenschaft in der Einzeldisziplin und im einzelnen Forschungsthema „stellvertretend“ kenntlich zu machen. So kann in der Ausbildung Bildung verwirklicht werden, und in der Bildung Ausbildung.

Diese Balance ist gerade für die Studienplangestaltung von Belang. Die Einlösung des Humboldtschen Prinzips „Bildung durch Wissenschaft“ ist ein Anspruch, der auch im Kontext der Bachelor- und Masterstudiengänge mehr Beachtung finden muss. Wir müssen kontemplatives Arbeiten fördern, das Erkenntnis durch Konzentration ermöglicht und Raum für Neugier lässt. Hinsichtlich der Studieninhalte geht es um exemplarische und methodische Güte, nicht um die Fiktion von Vollständigkeit.

Drittens will sich die Universität zur Verwirklichung ihrer Zukunftskonzeption eine moderne und effektiv arbeitende Verwaltung aufbauen, die als Serviceinstanz eine Kultur der Ermöglichung und Erleichterung entwickelt. Die Arbeitsweisen der Verwaltung sollen wissenschaftsadäquat konzipiert werden, also möglichst viele Merkmale des wissenschaftlichen Geschehens in sich aufnehmen. Alle Ressourcen, vor allem Zeit und Geld, sollen in höchstmöglichem Umfang für wissenschaftliche Arbeit und effektives Studieren genutzt werden können.

Hierzu gehört auch eine vernünftige Kooperation mit der Senatsverwaltung. Gerade Wilhelm von Humboldt steht für ein aufgeklärtes Kooperationsverhältnis von Universität und Staat. Sein Konzept bedeutet heute nichts Anderes, als eine Verantwortungsgemeinschaft zu bilden, innerhalb derer der Staat Freiheit und Ressourcen garantiert, im Übrigen die Zugangsoffenheit sichert und Abschlüsse anerkennt, während die Universität in öffentlich definierter Verantwortung ihre Angelegenheiten selbst regelt. Sie legitimiert Autonomie durch Qualität und Relevanz.

Mit diesen Ansprüchen geht die Humboldt-Universität ins Rennen. Dabei nimmt sie neben den Chancen auch die Risiken der Teilnahme am Wettbewerb in den Blick. Die Exzellenzinitiative hat die Wissenschaft verändert. War deren kompetitiver Charakter bisher von der Suche nach den besten Ideen, der bedeutendsten Erkenntnis bestimmt, so wird er heute auch von der Kunst des besten Antrages bestimmt. Es ist ein Wettbewerb um Geld, der zwischen meist unterfinanzierten Landesuniversitäten ausgetragen wird.

Erfolg indessen winkt nicht nur im finanziellen Sinn, sondern auch in Bezug auf die Entwicklung von Vorschlägen, die die Universität voranbringen. Viele Ideen zu ihrer künftigen Entwicklung sind auch ohne Exzellenzwettbewerb gefragt und sollten unabhängig von seinem Verlauf umgesetzt werden.


Der Autor ist Präsident der Humboldt-Universität zu Berlin.