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Das Lebens als Inszenierung, Kultur des Performativen


Tagesspiegel-Sonderseiten : Humboldt-Uni
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22.04.2001
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"Kulturen des Performativen" und moderne Mediävistik
 
Das Leben als Inszenierung
 
 
Werner Röcke
 

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Pflugziehen in Regensburg am Aschermittwoch 1532 (Flugblattillustration von Erhard Schön zu Hans Sachs' "Die hausmaid im pflug" [1532]) aus: Norbert Schindler, Widerspenstige Leute, Fischer-Verlag 1992

 

Dass man jemandem "aufs Dach steigt", wenn man sich über ihn geärgert hat, ist uns noch ebenso vertraut wie die Überzeugung, dass die Ehe - entsprechend dem lateinischen "coniugium" - als Joch verstanden wird, in das beide Ehepartner eingespannt sind (abgeleitet von lat. "iugum"= Joch oder Querholz, das die Ochsen bei der Feldarbeit zusammenzwingt). Dabei liegt die Schwierigkeit beider Redewendungen für uns heute darin, dass sie die Inszenierung einer bestimmten Handlung bezeichnen, uns der Sinn dieser Handlung aber verloren gegangen ist. Allerdings ist der ursprüngliche Sinn durchaus erkennbar, wenn die für uns etwas diffusen Bilder wörtlich genommen werden. So z.B. fußt die Redewendung "einem aufs Dach steigen" auf einen mittelalterlichen Rechtsbrauch, der allerdings rechtlich nicht geregelt war, sondern vor allem im Kontext von Fastnacht oder Karneval gegen "schädliche Leute", die man als Gefahr für Ordnung und Gesittung eines Gemeinwesens ansah, in Szene gesetzt wurde. "Rügebräuche" dieser Art, in der Regel lärmende Umzüge maskierter junger Männer, treten nicht an die Stelle des Rechts, sondern sie ergänzen es. Dabei liegt der besondere Akzent dieses "Charivari" ("Katzenmusik") darauf, dass die "Rüge" oder Strafe nicht verkündet, sondern praktisch vollzogen wird. Zwar ist dieser Vollzug der Rüge - zumindest im Kontext von Fastnacht und Karneval - häufig komisch gebrochen, doch bleiben auch dann für die Betroffenen die Folgen fatal: das Beschmutzen der Tür, das Einschlagen von Fenstern, die Zerstörung von Ofen oder Dach setzen die Vertreibung der Geächteten oder - im Falle einer "falschen" Ehe - der Verachteten schon selbst ins Werk; die Strafe wird in dem Maße realisiert, wie sie beschlossen wird. Liegt der ursprüngliche Sinn der Rede vom "aufs Dach steigen" in diesem Akt "gesunden Volksempfindens", das sich durchaus im Konsens mit den moralischen und rechtlichen Überzeugungen der Mehrheit in Stadt oder Dorf weiß, so steht die Rede vom "Ehejoch" wohl im Zusammenhang mit dem "Rügebrauch" vom "Eggeziehen": Unverheiratete Mädchen und Frauen werden von "jungen Gesellen" einer Stadt wie Ochsen oder Pferde unter ein Joch gepresst und mit Peitschenhieben gezwungen, einen Pflug, eine Egge oder auch nur ein schweres Holz durch die Straßen zu ziehen. Es gehört mit zu diesem "Spiel", dass sie daran scheitern, den harten Boden der Stadt fruchtbar zu machen. Auch in diesem Fall liegt der Akzent des - auch für mittelalterliche Lebensverhältnisse - extrem frauenfeindlicher Brauches darauf, dass die Mädchen und Frauen, die sich der Ehe verweigert haben, im karnevalesken Rügebrauch zum Vollzug der Ehe und zur Praxis des "Ehejochs" (lat. coniugium) gezwungen werden. Dabei liegt der Sinn des Rügebrauchs vom Eggeziehen wohl darin, dass der Anspruch des Gemeinwesens auf die Sicherung seiner Reproduktion öffentlich in Szene gesetzt und im Vollzug der ehelichen Gewalt tatsächlich realisiert wird, zugleich aber die Frauen, die sich dieser Gewalt zu entziehen wagen, allgemeinem Gelächter preis gegeben werden. Gemeinsam ist beiden "Rügebräuchen", dass die "Heilung" des Rechts und der Ansprüche des Gemeinwesens auf diese Weise faktisch in Szene gesetzt und damit tatsächlich vollzogen werden. Es ist die "performance" des Rechts, die - wie in Ritualen und rituellen Handlungen üblich - je neu wiederholt werden muss, damit der Bestand des Gemeinwesens gesichert wird.

Der Witz als sozialer Vorgang

Literatur und Kultur des Mittelalters sind von performativen Akten dieser Art in sehr viel höherem Maße als heute geprägt, doch bleiben sie in sprichwörtlichen Redewendungen bis heute durchaus bewusst. Das gilt nicht zuletzt für weite Bereiche der komischen Literatur, der Lachkulturen, der Praxis von Witzen und Witzerzählungen, aber eben auch für aggressiv-komische Inszenierungen, wie die öffentliche Stigmatisierung und Denunziation bestimmter Gruppen der Bevölkerung (s.o.). Bereits Freud hat in seiner wichtigen Studie über den "Witz und seine Beziehung zum Unbewussten" darauf hingewiesen, dass die Erzählung eines jeden Witzes als "sozialer Vorgang" einzuschätzen ist, der erst im Dreieck von Erzähler, Opfer und Publikum des Witzes seine theatralen und sozialen Wirkungen entfaltet. So ist es zu erklären, dass die Grenzen zwischen aggressiv-obszönen Witzen und Rügebrauch, Minderheitenwitzen und praktischer Verfolgung fließend sind, die "hate-speech" (Judith Butler) des Witzes also von ihrer praktischen Umsetzung nicht zu trennen ist.

Das gilt auch für die Witzkulturen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Sie stehen im Mittelpunkt eines Teilprojekts des geisteswissenschaftlichen Sonderforschungsbereichs "Kulturen des Performativen", der an der Freien Universität, der Humboldt-Universität und der Universität Potsdam angesiedelt ist und ein gutes Beispiel für die Forschungskooperation der geisteswissenschaftlichen Fächer in den Universitäten der Region Berlin-Brandenburg darstellt (Sprecherin: Erika Fischer-Lichte, Freie Universität). Dabei liegt ein besonderer Akzent auf dem Neben- und Miteinander unterschiedlichster literaturwissenschaftlicher und kulturwissenschaftlicher Fächer, die gleichermaßen davon ausgehen, dass die "Kulturen des Performativen" - wie nicht zuletzt das Beispiel der Mediävistik zeigt - gar nicht anders als interdisziplinär zu erarbeiten sind. Ebenso wie die Rügebräuche vom "Eggeziehen" oder "Aufs Dach steigen" in der komischen Literatur des Spätmittelalters auf vielfältigste Weise aufgegriffen, reflektiert und kommentiert, aber auch verändert oder "verschoben" (Freud) werden, wobei die "performance" des Brauches zwar nicht aufgehoben, wohl aber verändert wird, steht auch für die anderen Projekte des SFB das Verhältnis von Performativität und Textualität im Mittelpunkt, wird aber jedesmal anders gewichtet. Der Vergleich dieser unterschiedlichen Herangehensweisen des jeweils gleichen Problems hat sich bislang als außerordentlich produktiv erwiesen. Ende 2001 steht der SFB zur Verlängerung an.

 
 
Mehr Informationen zum Thema Kulturen des Performativen
 


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